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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.12.2018

Ein Jahr nach Mias Tod Kritik an "Trauermarsch" in Kandel

Jutta Wegmann im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ein Zettel mit der Aufschrift "Engel sind für immer nah" liegt am 28.12.2017 vor dem Drogeriemarkt in Kandel zwischen abgelegten Blumen und Kerzen (Andreas Arnold / dpa)
Abgelegte Blumen und Kerzen vor dem Drogeriemarkt in Kandel vor einem Jahr unrmittelbar nach der Tat. (Andreas Arnold / dpa)

Ein Jahr nach dem Mord an der 15-jährigen Mia im südpfälzischen Kandel gedenkt der Ort heute der Tragödie vom 27. Dezember 2017. Grünen-Politikerin Jutta Wegmann warnt vor einer Instrumentalisierung durch rechte Netzwerke.

Wer den öffentlichen Umgang mit Verbrechen in Deutschland beobachtet, stellt fest: Für manche ist Täter nicht gleich Täter. Der blonde, deutsche, mehrfach vorbestrafte Messerstecher von Nürnberg ist schnell vergessen, obwohl er drei Frauen schwer verletzte. Ersticht dagegen ein junger afghanischer Flüchtling seine deutsche Exfreundin, dann machen rechte Netzwerke damit über Monate Stimmung. Vermutlich auch heute wieder, ein Jahr nach dem Mord an der erst 15jährigen Mia im pfälzischen Kandel. Die grüne Kommunalpolitikerin Jutta Wegmann organisiert dort mit dem Bündnis "Wir sind Kandel" den Widerstand gegen Rechts. 

Rechte Szene in Kandel

Aus Respekt vor der Trauer der Familie werde ihr Bündnis heute nicht auf die Straße gehen, sagte Wegmann im Deutschlandfunk Kultur. Es sei unsäglich, diesen schrecklichen Tag noch einmal zu instrumentalisieren. Es habe sich ein sogenannter Trauermarsch angemeldet. Allerdings gebe es allen Grund daran zu zweifeln, ob es den angemeldeten Demonstranten aus der rechten Szene um Trauer gehe, sagte die Stadtpolitikerin. Es sei bereits unmittelbar nach dem Mord auffallend gewesen, wie alle rechten Netzwerke sofort in Kandel aufmarschiert seien: "Dann tummelt sich die Szene seit diesem Jahr monatlich hier in Kandel mit allen möglichen Parolen, die sie hier skandieren."

Das Verbrechen sei für die rechte Szene nur ein Vorwand, weil sie sich in Kandel gut präsentieren könnten.

Identitäre und Hooligans reisen an

Unter den Teilnehmern dieser "Trauermärsche" seien nur ganz wenige Kandeler Bürger. "In der Regel kommen die von weiter weg", sagte Wegmann. Häufig seien Identitäre aus der Schweiz da oder Hooligans aus dem ganzen Bundesgebiet. Diese Aufmärsche hätten im März 2018 ihren Höhepunkt erreicht, als es die rechten Netzwerke geschafft hätten, mehr als 3000 Leute zu mobilisieren und zum Teil sehr aggressive, gewaltbereite Leute. Bei den monatlichen Demonstrationen seien es jetzt in der Regel um die 200 bis 300 Personen.

Das Landgericht Landau hatte den Angeklagten Abdul D. im September wegen Mordes und Körperverletzung zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der offenbar aus Afghanistan stammende Flüchtling seine Ex-Freundin Mia erstochen hatte. (gem)

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