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Studio 9 | Beitrag vom 06.01.2016

Ein Jahr Charlie-Hebdo-AnschlagVerkünder der irren Wahrheit

Von Barbara Kostolnik

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Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in einer Druckerei ein Jahr nach dem Attentat auf die Redaktion. (MARTIN BUREAU / AFP)
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" ein Jahr nach dem Attentat auf die Redaktion: Gott höchstselbst war der Täter - und läuft noch immer frei herum (MARTIN BUREAU / AFP)

Vor einem Jahr verübten Islamisten einen blutigen Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in Paris. Wie hat die Satirezeitschrift den Anschlag verarbeitet? Was hat sich für die Mitarbeiter geändert, die jetzt zu einer Hochrisiko-Gruppe zählen?

Jean-Pierre Brésoles lacht gerne – und der Humor von Charlie Hebdo ist eindeutig auch seiner. Seit vielen Jahren sammelt der ehemalige Gewerkschafter die Hefte. Wie kam er dazu?

"Ich hatte die Zeitung gekauft, obwohl sie verboten war, damals war ich beim Militär, und hatte eine Dummheit gemacht, und sie durchsuchten meinen Spind und fanden: Charlie Hebdo. Danach musste ich den ganzen Flur auf Knien mit einer Zahnbürste schrubben. Seit dieser Zeit kaufe ich die Zeitung, allein deswegen!"

In den 60ern rümpften viele die Nase über Charlie Hebdo

Charlie Hebdo war in seinen Anfangsjahren ein Magazin für die Jugend des Mai 1968, für die studentische Jugend. Und Charlie Hebdo polarisierte schon damals:  Viele, die die Zeitung nicht lasen, haben die Nase gerümpft über die zum Teil ordinären Zeichnungen, das allzu Plumpe. Diese Erfahrung hat auch Jean-Pierre Brésoles gemacht:

"Wenn ich mit Charlie Hebdo unter dem Arm zu einigen meiner Bekannten kam, da taten die so, als hätte ich ein Stück, verzeihen Sie bitte: Scheiße dabei, sie wollten es sich noch nicht einmal anschauen."

Die Anschläge vom Januar haben Charlie Hebdo natürlich fundamental verändert, sagt Brésoles:

"Direkt nach den Anschlägen hatte die Qualität der Artikel sehr nachgelassen, ist ja auch kein Wunder: Die wichtigsten Zeichner waren tot."

Die einen sind tot, andere wiederum haben angekündigt, das Magazin zu verlassen, Luz zum Beispiel, der Zeichner des weinenden Propheten vom ersten Exemplar nach den Anschlägen. Er schrieb und malte ein Buch, "Katharsis", um diese Tage zu verarbeiten.

"Ich musste etwas anderes machen, ich musste diese Bilder aus meinem Kopf kriegen, etwas tun gegen meine schlaflosen Nächte, das ging nicht bei Charlie Hebdo."

Redakteure kündigten - oder brauchten einfach eine Auszeit

Auch Patrick Pelloux, der Mediziner, der für das Blatt schrieb, will nicht mehr, er braucht eine Auszeit. Am Abend des 13. November war er auf den Straßen von Paris unterwegs, als Notarzt, um nach den Anschlägen der Nacht Erste Hilfe zu leisten.

"Wir haben versucht, so viele Menschen wie möglich zu retten, und ich denke, es ist uns einigermaßen gelungen, diese Menschen haben Kriegsverletzungen davongetragen, man hat mit schweren Waffen auf sie geschossen, was wir hier gesehen haben, sieht man sonst nur in Kriegsgebieten."

Charlie Hebdo hat sich seit den Attacken vom Januar erneuern müssen – im Juli wurde beschlossen, dass künftig keine Karikaturen des Propheten Mohamed mehr erscheinen. Was nichts daran ändert, dass die Redakteure eine Hochrisiko-Gruppe bleiben und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen leben müssen.

Das finanzielle Auskommen der Zeitung immerhin ist auf Jahre hinaus gesichert, dank der massiven Spenden, der vielen Abonnements, der neuen alten Käufer – etwa 30 Millionen Euro sollen sich angesammelt haben. Die Querelen zwischen Eigentümern und Aktionären sind verstummt.

Das Lachen bleibt noch immer im Hals stecken

Jean-Pierre Brésoles glaubt auch nicht, dass die Qualität gelitten hat:

"Sie haben es geschafft, wieder genauso gut zu sein wir vor den Anschlagen, aber mit einem anderen Ton – der Stil ist frischer, jünger geworden."

Das Geheimnis von Charlie Hebdo? Ist das Lachen – vor allem das, das im Hals steckenbleibt.

"Hier, der Can-Can, dargeboten von amputierten, einbeinigen Tänzerinnen, das ist ... die irre Wahrheit."

Er lacht. Und das Lachen braucht man in diesen bitteren Tagen in Frankreich mehr denn je.

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