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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.01.2006

"Ein innerer Widerspruch"

Jury-Vorsitzender Schlosser über "Entlassungsproduktivität" als Unwort des Jahres

Moderation: Jürgen Liebing

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Jury-Vorsitzender Schlosser hält das Unwort des Jahres für einen inneren Widerspruch. (AP)
Jury-Vorsitzender Schlosser hält das Unwort des Jahres für einen inneren Widerspruch. (AP)

Das Unwort des Jahres 2005 lautet "Entlassungsproduktivität". Das Ziel, das hinter diesem Wort stehe, sei dieselbe Arbeitsleitung zu halten, wenn nicht sogar zu steigern, indem man viele Leute entlasse, erklärte der Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser, der auch Vorsitzender der unabhängigen Jury ist.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview.

Deutschlandradio Kultur: Sie haben sich für ein Wort entschieden, das, ich gebe es zu, ich vorher noch nicht kannte. Und vielen anderen wird es auch so gegangen sein. Und das erstmal so ganz neutral klingt: Entlassungsproduktivität. Was hat sie dazu veranlasst?

Schlosser: Genau das ist die Problematik dieses Begriffs. Dass er sehr neutral daherkommt, aber offensichtlich eine immer größere Rolle spielt, angeblich jetzt sogar in der neuesten Tarifrunde im Metallbereich. Er wird offensichtlich auch schon im betriebswirtschaftlichen Studium verwendet und sieht zunächst sehr harmlos aus. Beim zweiten Blick merkt man allerdings, dass da ein innerer Widerspruch drin ist: Wie soll Produktivität nach Entlassungen stattfinden? Und genau das ist aber das Ziel, das hinter diesem Wort steht. Dieselbe Arbeitsleistung, dieselbe Produktivitätsleistung zu halten, wenn nicht sogar zu steigern, indem man viele Leute entlässt.

Deutschlandradio Kultur: Arbeitsverdichtung ist ja auch so eine andere Umschreibung dafür…

Schlosser: Arbeitsverdichtung, ja genau. Das habe ich schon früher beobachtet. Das heißt schlicht, dass die Wenigen, die dann in einem Betrieb oder in einer Abteilung übrig bleiben, mindestens dieselbe Arbeit leisten müssen wie vorher viele. Und die sozialen Probleme, die sich da auftun, die kennen zu viele leider inzwischen. Nein, was uns stört, ist, dass dieser Begriff eben so neutral daherkommt, in Wirklichkeit aber ein betriebswirtschaftliches Instrument geworden ist, mit dem tatsächlich Konzerne ihre Gewinne maximieren konnten mit immer weniger Mitarbeitern. Und damit verschleiert er, verdeckt er natürlich die sozialen Folgen, nicht zuletzt natürlich auch die volkswirtschaftlich schädlichen Folgen, die durch die Arbeitslosigkeit entstehen, denn die müssen dann die anderen tragen. Da halten sich die Unternehmen vornehm zurück.



Das vollständige Gespräch mit Horst Dieter Schlosser können Sie für begrenzte Zeit nach der Sendung in unserem Audio-On-Demand-Player hören.

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