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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.01.2007

Ein Graben zwischen Deutschen und Amerikanern

Margret Boveri: "Amerikafibel für erwachsene Deutsche", Landt Verlag/Berlin 2006, 268 Seiten

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Juni 1944: US-amerikanische Truppen landen in der Normandie (AP Archiv)
Juni 1944: US-amerikanische Truppen landen in der Normandie (AP Archiv)

1946 - Deutschland ist besiegt, das Land ist besetzt. In dieser Situation will die Journalistin Margret Boveri mit ihrer "Amerikafibel" den Deutschen das Denken der US-Besatzer näher bringen. Doch ihr Werben für Verständnis ist nicht frei von alten Klischees. Die Schrift liegt nun in einer Neuauflage vor.

Frappierend an dieser "Amerikafibel" aus dem Jahr 1946 – jenem Jahr, in dem auch Karl Jaspers’ "Die Schuldfrage" und Friedrich Meineckes "Die deutsche Katastrophe" erscheinen – ist ihre Stoßrichtung. Die Verfasserin Margret Boveri geht mit sonorer Selbstverständlichkeit davon aus, dass nicht das deutsche Handeln in den zurückliegenden zwölf Jahren der Erklärung bedürfe, sondern das Verhalten der nordamerikanischen Sieger. Die Amerikaner seien auf "Dauer-Besuch" gekommen, schreibt die prominente Journalistin, und ihr Verhalten besitze etwas "Unerklärliches". Der Grund: Die Amerikaner seien keine Europäer, sondern ein neues Volk. Deren Eigenart will Boveri "für den täglichen deutschen Hausgebrauch im Verstehenlernen der kommenden Jahre" erklären. Die Maßnahmen der Entnazifizierung, etwa der umfangreiche Fragebogen, mit dem Deutsche über ihre Verstrickung in das nationalsozialistische Herrschaftssystem befragt werden, seien keine seelische Grausamkeit – sie verdankten sich vielmehr bestimmter typisch amerikanischer Überzeugungen. Dass sie sich auch bestimmter deutscher Handlungen in den zurückliegenden zwölf Jahren verdankten, erinnert sei nur an Krieg und Völkermord, bleibt unerwähnt.

Heike B. Görtemaker hat diese Selbstgerechtigkeit und Ungerührtheit zu einer geharnischten Einleitung veranlasst. Sie weist daraufhin, dass die Kapitel der "Amerikafibel" jenen Artikeln ähneln, die die USA-Korrespondentin der "Frankfurter Zeitung" 1940 und 1941 verfasste. Boveri, die eine amerikanische Mutter und einen deutschen Vater hatte, reiste 1942, nach der Kriegserklärung des Deutschen Reiches an die USA, nach Lissabon aus und kehrte 1944 erstaunlicherweise nach Berlin zurück. Ihre Erlebnisse in der Reichshauptstadt schildert sie in den Aufzeichnungen "Tage des Überlebens", auf deren letzten Seiten die Arbeit an der "Amerikafibel" erwähnt wird. Die Fibel verkaufte sich bis 1949 mehr als 40.000 Mal. Dennoch behauptete Boveri später, sie sei von den Amerikanern verboten worden.

Margret Boveri argumentiert meist historisch: Die Amerikaner seien Emigranten aus Gewissensnot, ihr Land erscheine ihnen als geschichtsloses Reich der Freiheit und allgemein gültiger Gesetze. Einwanderer würden durch ökonomischen Zwang und Suggestion sowie durch Boden und Klima zum neuen puritanischen Menschentyp "umerzogen": Sie verlören Werte und Wissen ihrer Herkunft, würden unbeschwert und rücksichtslos. Die Standardisierung, erläutert am Beispiel von Lochkartenmaschinen und Multiple-Choice-Tests, zerlege alles in Einzelteile und setze es wieder zusammen – die massenhaft produzierten Waren ebenso wie die Menschen, die daher alles für machbar hielten. In dem grenzenlosen, anfangs gesetzlosen Land predige man ständig höchste moralische Grundsätze und verfolge zugleich allein den eigenen Vorteil. Weil die Amerikaner frei von Selbstzweifeln seien und Egalität herrsche, seien sie locker, gelassen und freundlich bis zur Formlosigkeit. Sie schätzten das Neue und den Superlativ, alles sei ihnen Mittel zum Zweck und werde daher ohne Bedauern verschwendet.

Dieses Bild einer maskenhaft starren, geistig leeren und bindungslosen amerikanischen Massengesellschaft zehrt, so Görtemaker in ihrer Einleitung, von Ernst Jüngers Kampfschrift "Der Arbeiter" (1932). Doch die Journalistin hält die Entwicklung nicht für zwangsläufig. Literarische Reportagen lassen sie hoffen, dass sich in der Kunst doch noch das "subtile handgefeilte Gegenstück zur standardisierten Massenware" entwickeln könne.

Wie viele Autoren vor ihr und nach ihr stellt Boveri Amerika ein geschichtsbewusstes Deutschland (zuweilen auch Europa) mit einem gebildeten Bürgertum gegenüber. Eine gewisse Verachtung ist trotz aller Beteuerungen, die Andersartigkeit der USA erfordere eigene Kategorien, nicht zu überhören. Boveris kulturrelativistische Argumentation betont den Graben zwischen Deutschen und Amerikanern. Wie soll man nun mit den Besatzern umgehen? Zuerst sollten sich die Deutschen, so Boveri im letzten Satz, auf ihr abendländisches Erbe besinnen: Es "mag uns den sicheren Standpunkt und den inneren Reichtum geben für die Generosität, die immer aufzubringen ist, wenn menschliche Wesen den Versuch machen, den Menschen, der ihr Gegner war, neu zu begreifen." Es gibt also keine Verständigung mit den Fremden, nur Nachsicht: Die Deutschen – die Besiegten! – sollen großzügig sein. Margret Boveri hält nicht nur in unseliger deutscher Tradition die Kultur hoch, als sei diese unbeschädigt vom Krieg eben dieser Deutschen. Sie hat auch noch nicht von Krieg auf Frieden umgeschaltet. Boveri betreibt die innere Mobilmachung mit Hilfe der Kultur.

Rezensiert von Jörg Plath

Margret Boveri: Amerikafibel für erwachsene Deutsche. Ein Versuch, Unverstandenes zu erklären
Mit einer Einleitung von Heike B. Görtemaker (2006), einer Rezension von Theodor Heuss (1946) und Fotografien von Margret Boveri
Landt Verlag/Berlin 2006
268 Seiten, 24,90 Euro

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