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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.11.2011

Ein Gebieter über die Wörter

Klaus Kinski: "Kinski spricht", Grammophon Literatur, Berlin 2011 2 CDs, 160 Minuten.

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Kinski spielte in Edgar Wallace Filmen, war das Monster in "Nosferatu" und der Geschundene in Werner Herzogs "Woyzeck"-Verfilmung.
Kinski spielte in Edgar Wallace Filmen, war das Monster in "Nosferatu" und der Geschundene in Werner Herzogs "Woyzeck"-Verfilmung.

Er war bereits zu Lebzeiten ein Mythos: Klaus Kinski. Dieser Angst einflößende Schauspieler spielte mit dem ganzen Körper. Unvergessen wird seine Stimme bleiben. Zwischen 1959 und 1962 hat er 32 Sprechplatten aufgenommen. Nun ist eine Doppel-CD mit dem Titel "Kinski spricht" erschienen.

Klaus Kinski: "Ja ich weiß, woher ich stamme."

Klaus Kinski, der hier Friedrich Nietzsches "Ecce Homo" spricht, stammte aus Zoppot. In dem in der Nähe von Danzig gelegenen Ort wurde er am 18. Oktober 1926 geboren.

Klaus Kinski: "Ungesättigt gleich der Flamme, glühe und verzehr ich mich. Licht wird alles was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse."

Gefeiert wurde Klaus Kinski, als wäre er ein Engel und gefürchtet, als wäre er die Inkarnation des Teufels. Dieser schauspielernde Dämon, der göttlich spielte, verstand es als Rezitator, mit der Sprache zu spielen.

Klaus Kinski: "Flamme bin ich sicherlich."

Als Schauspieler bewegte sich Klaus Kinski zwischen Unschuld und Wahnsinn. Ein Säuseln von ihm sorgte für Verzückung, und es brauchte nur einen seiner schneidend herausgeschleuderten Sätze, um einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Von seiner schaurig schönen Stimme geht bis heute eine Faszination aus.

Klaus Kinski: "'Ich liebe dich, mich reizt Deine schöne Gestalt; / Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.' - / Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! / Erlkönig hat mir ein Leid getan!"

Noch bevor sich Klaus Kinski einen Namen als Leinwandstar machte, war er ein gefeierter Rezitator. Berühmt wurde er mit seiner Interpretation von François Villons "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund".

Klaus Kinski: "Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar, / da schlief ich manchen Sommer lang / bei dir und schlief doch nie zu viel."

Dieser Charmeur war zugleich ein Marodeur, ein Bonvivant und ein Bettelmann, - einer, der aus Angst, verletzt zu werden, andere verletzte. Kinski war ein Haltloser, der Halt suchte und ihn selten fand. Respektlos ist er mit den Worten umgegangen: Er nahm sie sich einfach - kühn, besitzergreifend und ohne jede Ehrfurcht. Als Perfektionist arbeitete er die Texte, die er rezitierte, nicht nur Wort für Wort durch, sondern er drang in diese Texte ein. Erst wenn er ganz von einem Text Besitz ergriffen hatte, wenn er wie ein Gebieter über die Wörter herrschen konnte, sie ihm zu Verfügung standen, brachte er sie auf der Bühne zu Gehör. Dass er dabei einen Teil seines Ichs preisgab, ist noch heute zu hören, wenn er Villons Gedicht "Die Lästerzungen" rezitiert:

Klaus Kinski: "In eines Katers Hirn, der nicht mehr fischt, / im Geifer, der aus den Gebissen / der tollen Hunde träuft, mit Affenpiss vermischt, / in Stacheln, einem Igel ausgerissen, / im Regenfass, drin schon die Würmer schwimmen, / krepierte Ratten und der grüne Schleim / von Pilzen, die des Nachts wie Feuer glimmen, / in Pferderotz und auch in heissem Leim: / In diesem Saft soll man die Lästerzungen schmoren."

Klaus Kinski sagte über die deutsche Sprache, sie sei eine der schönsten und ausdrucksvollsten Sprachen - man müsse sich nur ihrer Kraft bedienen. Kraft hatte Kinski. Aber er hat sich der Sprache nicht einfach bedient, sondern, er hat ihr, indem er sie nahm, auch etwas gegeben.

Klaus Kinski: "Raffen wir von jeder Blume / Eine Blüte uns zum Kranz / Tanzen wir gleich Troubadouren / Zwischen Heiligen und Huren, / Zwischen Gott und Welt den Tanz! / Wer nicht tanzen kann mit Winden, / Wer sich wickeln muss mit Binden, / Angebunden, Krüppel-Greis, / Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen, / Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen, / Fort aus unsrem Paradeis!"

Bereits zu Lebzeiten hat Klaus Kinski polarisiert. Nie passte er in einen fertigen Rahmen und stets war seine Genialität umhüllt von einer Spur Wahnsinn. Auf diesen beiden CDs, die ein erstaunliches Bild vom Rezitator Kinski vermitteln, kommt er einem beim Hören sehr nah - manchmal beängstigend nah. Kaum zu glauben, dass er seit seinem Tod am 23. November 1991 diesseitig nicht mehr zu fassen ist. Aber war er das jemals?

Besprochen von Michael Opitz

Kinski spricht. Eine Auswahl seiner legendären Rezitationen
Deutsche Grammophon Literatur, Berlin 2011
2 CDs, 160 Minuten.

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