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Religionen / Archiv | Beitrag vom 17.07.2010

"Ein ganz eminent wichtiges Kommunikationsmedium"

Literatur-Juniorprofessorin Andrea Polaschegg über die Bibel

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Ein Mann liest  in der Bibel (AP)
Ein Mann liest in der Bibel (AP)

Mit einer Tagung über das Verhältnis von Bibel und Literatur haben Literaturwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität und am Zentrum für Literaturwissenschaft den Startschuss gegeben für die Einrichtung eines größeren Forschungsverbunds zum Thema.

Kirsten Dietrich: Andrea Polaschegg ist Juniorprofessorin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität und eine der Initiatorinnen. Frau Polaschegg, eigentlich, so der Eindruck, nimmt das Interesse an der Bibel gesamtgesellschaftlich eher ab. Warum wird sie in der Literaturwissenschaft trotzdem gerade jetzt verstärkt zum Thema?

Andrea Polaschegg: Ich denke, es gibt zwei verschiedene Entwicklung, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch innerhalb der Forschung, die miteinander zwar zusammenhängen, aber sich nicht auf einen Grund zurückrechnen lassen. Das eine ist in der Tat ein schwindendes – wie ich das nennen würde – Bibelwissen, also eine schwindende Kenntnis der biblischen Texte, Zusammenhänge, Motive, Geschichten in der Gesellschaft, zumal im Osten Deutschlands, aber nicht nur da. Damit steht natürlich nicht unbedingt kausal das Forschungsinteresse in Verbindung. Es ist ja nicht so, als würde sich Forschung generell nur mit dem beschäftigen, was gerade boomt, sondern es ist vielmehr erst mal sehr interessant, dieses Schwinden des Bibelwissens zu beobachten, alldieweil es das erste Mal in der Geschichte dessen, was man die deutsche Literatur nennen kann, dass so ein Schwinden überhaupt zu verzeichnen ist. Das heißt, wir sind im Moment zum ersten Mal in der Lage, dass unsere eigenen Kenntnisse von der Bibel, unser Wissen von der Bibel überhaupt in seinen Konturen zu erkennen, weil veritable Teile der Gesellschaft dieses Wissen nicht mehr teilen.

Dietrich: Das heißt die Bibel als Forschungsgegenstand, als literaturwissenschaftlicher Forschungsgegenstand wird jetzt überhaupt erst greifbar?

Polaschegg: Das kann man so nicht sagen, aber was zum ersten Mal wirklich begreifbar wird, würde ich eher vorsichtig sagen, sind die extremen Dimensionen dessen, was man Bibelkenntnis, Bibelwissen nennen kann. Das heißt, die ganzen informellen Bestandteile der Kenntnisse über die Bibel, Motive, Stoffelemente, Figurationen, die anspielbar waren ganz lange Zeit, und zwar komplett in der Gesellschaft zu verstehen, erst in dem Moment, wo das schwindet, kann man ja sehen, wo es sozusagen überall saß.

Dietrich Das heißt, wenn jetzt zum Beispiel in der Literatur jemand – versuche gerade ein Beispiel rauszugreifen – über Judas spricht, ist das nicht mehr so einfach in seinen ganzen Dimensionen verständlich, wie das noch vor 50 Jahren war?

Polaschegg: Nein, sicherlich nicht. Also es kommt immer drauf an, in welchem Segment der Gesellschaft wir uns gerade befinden, aber das ist auch der Grund, weswegen ich seit mehreren Jahren als Literaturwissenschaftler die Bibel unterrichte, weil durch das Schwinden der Bibelkenntnisse ganze Generationen von Studierenden schlichtweg die deutsche Literatur nicht mehr verstehen, weil sie die Anspielung auf die Bibel nicht mehr verstehen.

Dietrich Ist die Bibel wirklich so ein prägender Bestandteil deutscher Literatur?

Polaschegg: Ja, mehr als jeder andere Text – und zwar auf allen Ebenen. Sowohl was die – ich sagte es schon – Stoffe, Motive, aber auch Formelemente betrifft, das heißt, so etwas, zum Beispiel der Einfluss der Psalmen auf so eine Entwicklung der deutschen Lyrik kann man überhaupt nicht hoch genug einschätzen. Was man sich dabei immer klarmachen muss – und da gibt es, glaube ich, ein Missverständnis in unserer Gesellschaft, die dazu tendiert, Bibel mit Religion kurzzuschließen –, die Bibel ist für Teile der Literaten heute noch und war es die letzten Jahrhunderte schlichtweg ein ganz eminent wichtiges Kommunikationsmedium, weil sie einen Wissenstands darstellt, der gesamtgesellschaftlich geteilt wird, was es Autoren und Autorinnen erlaubt, über die Bibel, also vermittels der Bibel, mit ihren Lesern zu kommunizieren. Und das haben sie exorbitant gemacht.

Dietrich Also das heißt, dass man Geschichten aufgreift und dass man Stoffe aufgreift und weiß, dass die Leser auch wissen, was damit alles an Verbindungen, an Inhalten, also zum Beispiel an moralischen Wertungen verbunden ist?

Polaschegg: Ja, aber auch da: Vorsicht vor dem Kurzschluss! Mit der Bibel ist alles Mögliche verbunden. Erotik, das Hohe Lied ist das zentrale Kommunikationsmedium für erotische Literatur zum Beispiel gewesen und ist es übrigens noch. Bibel und Witz spielt eine riesengroße Rolle, Bibel und Pointengestaltung, Stoffpoole, so etwas, was wir vielleicht Mythen nennen würden, all das. Also die Frage – und das ist eben genau eine analytische Schwierigkeit bei der Analyse von Literatur – die Frage, wenn sich Literatur auf Bibel bezieht, auf was genau bezieht sie sich da eigentlich? Geht es um Religion, geht es um Moral, geht es einfach nur darum, mit den Lesern zu kommunizieren auf dem Weg über dieses von jedem gekannte Medium Bibel? Das sind sehr schwierige Fragen, die literaturanalytisch erst noch geklärt werden müssen.

Dietrich Das heißt, da weiß man noch gar nicht genau, welche Ebene der Bibel da angesprochen wird, aber es ist auf jeden Fall mehr, als nur einen Text zu nehmen, ist nur ein Steinbruch sozusagen für Textbausteine, oder?

Polaschegg: Es kommt sehr auf die Literatur an. Also der entscheidende Punkt ist, dass es kein "Buch" in Anführungszeichen – wir wissen ja beide, dass es sehr viele Bücher sind, was wir Bibel nennen – kein Buch in der abendländischen Literaturgeschichte gibt, das so universell anspielbar und bekannt ist wie die Bibel. Und mit so etwas arbeiten Autoren und Autorinnen immer, exorbitant. Also ich würde sogar sagen, es gibt wahrscheinlich in der deutschen Literaturgeschichte eine Handvoll Autoren und Autorinnen, die sich nie auf die Bibel bezogen haben. So rum wird ein Schuh draus.

Dietrich Welche Teile der Bibel werden da wahrgenommen, ist das wirklich das gesamte Buch oder die gesamte Palette an Büchern, die sie bietet, oder sind das immer wieder die gleichen Geschichten, also weiß ich nicht, Passion Jesu oder die Davidgeschichte oder solche Texte?

Polaschegg: Das ist eine gute Frage. Also was man sicherlich sehen kann, ist zum Beispiel – das ist jetzt nun ein Klassiker – aber das Buch Hiob ist nicht ohne Grund in der Literatur des 20. Jahrhunderts exorbitant prominent, nämlich immer da, wo die großen Katastrophen passieren. Um 1800 haben wir eher eine eminente Dominanz vom Buch Genesis, vor allen Dingen von Genesis 3.

Dietrich Die Geschichte vom Sündenfall.

Polaschegg: Interessant ist tatsächlich die Prominenz verschiedener biblischer Bücher zu verschiedener Zeit. Das hat einmal mit Themenschwerpunkten der Literatur zu tun, und zum anderen, und das vergessen wir immer wieder, weil wir auch inzwischen dazu neigen, sowohl die Bibel als auch Literatur mit Erzählliteratur eng zu führen, dabei sind die berühmtesten und verbreitetsten Bücher der Bibel gar nicht die erzählenden Bücher, sondern vor allen Dingen die Psalmen. Das heißt, wir haben auch einen unterschiedlichen Einfluss der Bibel auf verschiedene literarische Gattungen.

Dietrich Psalmen, die sich dann hauptsächlich in der Lyrik widerspiegeln.

Polaschegg: Genau, die Psalmen hauptsächlich in der Lyrik, so etwas wie die Apokalypse des Johannes hat verschiedene Gattungen beeinflusst. Also das heißt, man kann sowohl Gattungs- als auch sozusagen Motivgeschichte entlang der biblischen Rezeption in der Literatur schreiben.

Dietrich Man liest die Bibel ja sicher anders, wenn man sie als Literaturwissenschaftlerin liest, als wenn man sie zum Beispiel als Theologin liest. Was kommt da für eine Bibel heraus? Gibt es so etwas wie eine Bibel der Literaturwissenschaften?

Polaschegg: Das ist eine sehr gute Frage. Natürlich lesen Literaturwissenschaftler erst einmal massiv mit dem Blick auf so etwas wie ästhetische Kommunikationsformen – das bedeutet, auf formelle Gestaltung, sprachliche Gestaltung, Figuren, Figurationen, Metaphern, Symbolkonstellationen, so etwas –, wobei das ja keineswegs allein die Literaturwissenschaftler tun. Es gibt ja eine ganze – gerade in der exegetischen Theologie ist ja das Mitlesen der ästhetischen Geformtheit der Bibel ganz selbstverständlich, und man kann ja kein größeres Missverständnis aufbauen, als das zu glauben, dass die Bibel je heiliger wird, desto weniger sie als Literatur gelesen wird oder umgekehrt.

Dietrich Bleibt denn noch irgendetwas von wirklich dem heiligen Text übrig, wenn man das so betrachtet?

Polaschegg: Ich halte das für eine völlig falsche Alternative, denn man muss sich erst mal grundsätzlich fragen, was für eine Vorstellung von Heiligkeit und seiner Kommunikationsform haben wir eigentlich, wenn wir glauben, dass wenn man auf die ästhetischen Dimensionen eines Textes diesen Text hin liest, dass dann von seinem Inhalt nichts mehr bleibt. So etwas kann man natürlich als Literaturwissenschaftlerin nur als Witz abtun, denn das würde ja bedeuten, dass die Lektüre eines Textes auf seine ästhetischen Potenziale hin immer auf Kosten von so etwas wie seinem Gehalt geht. Das heißt, letztlich ist eine literaturwissenschaftliche Lektüre der Bibel eine, die aufräumt mit einem Missverständnis, was in unserer Gesellschaft sehr verbreitet ist, und zwar weniger in der Theologie als in der Gesamtgesellschaft, nämlich zu glauben, die Bibel sei im Kern ein dogmatischer Text. Nicht, man muss sie nur aufschlagen und da sieht man sofort natürlich, dass diese biblischen Texte ästhetisch durchgestaltet sind. Das ist Briefliteratur, die ist rhetorisch durchgestaltet, das sind poetische Texte, die sind lyrisch durchgestaltet, wir haben narrative, die einer bestimmten Form folgen, und dass das heißt, literaturwissenschaftliche Lektüre bedeutet erst mal, mit einer großen Aufmerksamkeit auf diese Gestaltungsprinzipien hin die Texte zu lesen, und es bedeutet nicht, sie auf Kosten ihres Gehalts zu lesen. Wobei inwiefern dieser Gehalt jetzt heilig ist und was wir damit meinen, eine ganz andere Frage ist.

Dietrich Kann man damit denn auch wirklich die theologische Debatte um die Bibel bereichern? Oder sind das zwei Forschungsgebiete, die ganz nebeneinander herlaufen?

Polaschegg: Na ja, zunächst ist ja einmal die theologische Beschäftigung mit der Bibel in sich alles andere als homogen. Es ist ja ein Unterschied, ob ein praktischer Theologe die Bibel liest oder ein Exeget. Insofern gibt es da gar keine Opposition zwischen theologischer und literaturwissenschaftlicher Lektüre, sondern es geht unterm Strich um die Frage, was wir eigentlich wissen wollen von der Bibel, als was wir sie lesen, und das bedeutet nicht als heiligen oder profanen Text, sondern woraufhin wir sie lesen. Und es gibt drei zentrale Interessenfelder in Bezug auf die Bibel und Literatur: Einmal die Bibel zu lesen als großes Kommunikationsmedium von Literatur, und zwar eines, was auf allen Ebenen Literatur prägt, auch auf solchen Ebenen wie die Vorstellung vom Buch als Buch, die Vorstellung von Schrift als Schrift, die Vorstellung von einem aus dem Nichts durch das Wort geschaffenen Werk, für all so etwas ist kulturgeschichtlich die Bibel paradigmatisch gewesen in der Literaturgeschichte. Das Zweite Interesse ist, sich zu fragen, wie die biblischen Texte im ästhetischen Eigensinn funktionieren, denn gerade wegen dieses ästhetischen Eigensinns haben sie ja auch so immensen Einfluss auf die Literatur erhalten, die natürlich mit der Bibel schlichtweg im gleichen Medium operiert. Beides sind Texte, beides ist Sprache und beides arbeitet natürlich mit literarischen Formen. Und das dritte Interessenfeld – und das zeichnet sich in der jüngeren Forschung ab, dass das ein ganz zentrales ist – die Beobachtung, dass die biblischen Texte, und zwar fast alle, ein ganz zentrales Problemfeld immer mit reflektieren, nämlich das Problemfeld der Medialität, und zwar einfach deswegen, weil die biblischen Texte nun einmal den unsichtbaren Gott kommunizieren, und damit hat man automatisch ein Medium- und Vermittlungsproblem. Das bedeutet, die Texte selber – und zwar in allen ihren Formen – reflektieren immer mit die Problematik im Medium der Schrift, Göttliches zu kommunizieren, sei es über die Propheten, sei es über die Reflexion der Schrift als Medium in den Texten selbst, sei es über die Reflexion der Form, sei es über die Reflexion der Adressaten, die nicht hören wollen, ihr Herz verstocken, ihre Ohren verschließen, all diese ganzen Problematiken sind eminente Problematiken von Literatur. Und dieses Feld – das sieht jedenfalls so aus in den letzten Jahren – hat sich verstärkt und wird ein ganz wichtiges Verbindungsfeld von Bibelwissenschaft und Literaturwissenschaft sein.

Dietrich Auch von kirchlicher Seite aus setzt man sich mit der Bibel auseinander und versucht dann oft, sie leichter verstehbar zu machen. Das kann dann zum Beispiel heißen, am siebten Tag war Gott fertig mit seinem Kreativprojekt, fand das Ergebnis genial und beschloss, ab jetzt zu chillen. So heißt es dann in der Schöpfungsgeschichte, wenn man versucht, die in Twitter-Nachrichten fürs Internet in Häppchen à 140 Zeichen zu packen. Was sagt die Literaturwissenschaftlerin zu einer solchen Herangehensweise an biblische Texte?

Polaschegg: Na, diese Herangehensweise ist aus zwei Gründen sehr interessant. Das eine ist, dass sie einmal mehr zeigt, dass wir es bei den biblischen Texten immer mit übersetzten Texten zu tun haben – einmal von den Ausgangssprachen in unsere Muttersprachen und dann natürlich auch durch die historischen Zeiten hinweg. In der Regel lesen wir die Bibel nicht im Wortlaut des 16. Jahrhunderts, sondern revidierten Fassung. Und zum anderen hat sich natürlich auch so etwas wie Sprachwandel, Bedeutungswandel zurück eingeschrieben in den biblischen Text – sei es über Zwischenüberschriften, die uns die Orientierung leichter machen, sei es tatsächlich über einen bestimmten Stil, den wir auch sofort als biblischen Stil herausfinden können. Das heißt also, insofern ist die Twitter-Bibel letztlich nur eine konsequente Fortführung dessen, was ohnehin in den letzten Jahrhunderten immer gelaufen ist. Es wäre natürlich ein groteskes Missverständnis, würde man jetzt die Twitter-Bibel als Medium verstehen, das, was man sich unter jungen Leuten vorstellt, die vermeintlich die Bibel nicht mehr verstehen, jetzt an die Bibel heranzuführen. Das – haben Studien gezeigt – ist ein grotesker Unfug, denn erstens finden genau diese jungen Leute diese Form der Jugendsprache albern, und zweitens funktioniert der Twitter-Bibelwitz sowieso nur für diejenigen, die die Bibel im Lutherdeutsch kennen und genau Spaß haben an dieser großen Differenz zwischen dem chillenden Gott und dem Ruhen am siebten Tag.

Dietrich Also zum Beispiel die Literaturwissenschaftler.

Polaschegg: Na ja, oder die Theologen oder schlichtweg immer noch veritable Teile der Gesellschaft, die die Bibel selbstverständlich kennen und sie auch mit einem bestimmten Sprachduktus assoziieren. Das ist etwas, was wir gerne vergessen, weil wir Bibel so gerne im Bezug auf ihre Stoffe oder Inhalte rezipieren und dabei ganz vergessen, dass – und das liegt in Deutschland vor allen Dingen an der Luther-Übersetzung – dass das biblische Wort in einem bestimmte Sprachduktus und -stil daherkommt, der übrigens auch in der Literatur problemlos anspielbar ist. Es reicht eigentlich einen Satz in der Literatur zu beginnen mit "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch" oder manchmal reicht sogar ein "Siehe", und schon ist tendenziell ein Luther-Ton angeschlagen. Und Autoren und Autorinnen haben damit immer gearbeitet und tun das nach wie vor.

www.literatur-und-bibel.de – die Seite befindet sich noch im Aufbau.

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