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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.11.2012

Ein Friedhofswirt

Bernd Bossmann im Porträt

Von Laf Überland

Auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg hat Bernd Bossmann ein Café eröffnet. (dpa / Patrick Seeger)
Auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg hat Bernd Bossmann ein Café eröffnet. (dpa / Patrick Seeger)

Bernd Bossmann hat auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg ein <papaya:link href="http://www.cafe-finovo.de/index.html" text="Café" title="Friedhofscafé St. Matthäus Berlin" target="_blank" /> mit einem Blumenladen eröffnet. Auf dem Friedhof sind pompöse Mausoleen aus 150 Jahren - mit vielen Künstler- und Schwulengräbern.

Zuerst muss der schlanke große 52-jährige Mann mal noch einen Kuchen in den Backofen schieben.

Bernd Bossmann: "Apfel-Ananas - Oma Klärs Apfel-Ananas mit Mandel-Baiser."

"Oma Klär" ist eine seiner vielen Rollen als Theatermann, aber als Bernd Bossmann dreht er jetzt mit mir eine Runde über den Herbstwind-durchwehten alten St. Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg ...

Bossmann: "Ich würde ein Kind niemals einfach nur in einen Holzkasten packen - es muss eine Decke da sein, es ist fast immer ein Plüschtier oder was dabei. Das gibt uns ein Bild auch, was uns irgendwo beruhigt."

Das erzählt Bossmann bei einem Areal, das aussieht wie ein Kinderspielplatz, auf dem Spielzeug herumsteht und bunte Windmühlen sich drehen: Hier kommen die Zufrühgeborenen hin, die in Deutschland keinen Anspruch auf eine Bestattung haben, weil sie nach der Geburt eine bestimmte Mindestgröße unterschreiten ...

So was macht Bossmann rasend. Also hat er sich reingehängt und Unterstützung versammelt und diesen Garten der Sternenkinder eingerichtet (das heißt: inzwischen sind es schon drei), und er nimmt den Müttern auch die Nerverei mit den Behörden ab, wenn sie wollen.

Bossmann: "Ich komme von einem kleinen Dorf, und da wird das Wort ‚gemeinsam’, ‚Gemeinde’ und ‚Gemeinschaft’ sehr groß geschrieben ..."

Und so kam er ja auch auf die Idee, auf einem Friedhof ein Café zu eröffnen!

Bossmann: "Der Toten wird gedacht, aber an die Lebenden wird nicht gedacht. Die, die den Friedhof schön machen, haben menschliche Bedürfnisse: Die brauchen eine Toilette, die wollen sich die Hände waschen, die möchten sich ausruhen, etwas aufwärmen und vielleicht ’ne kleine Kommunikation starten oder was essen und trinken."

Neben dem mächtigen zweimannshohen schmiedeeisernen Tor, wie hingeduckt an die efeuüberrankte Friedhofsmauer, steht das kleine zweistöckige Haus - davor auch jetzt im Herbst: ein paar Tische und Stühle ...

Bossmann: "Das war das Latrinenhaus, wo sich die Damen, nachdem sie den großen Weg von der Stadt hier zum Friedhof gegangen oder mit der Kutsche gefahren sind, erst mal wieder aufpudern mussten auch, ne ..."

Innen das "Café Finovo", mit 20 Sitzplätzen - wie in einem Wohnzimmer, alles streng 50er-Jahre, keine 1000 Euro hat die Einrichtung gekostet. Trotzdem sitzen gerne Leute hier rum: Friedhofsbesucher, Nachbarn und Bekannte, Junge und Alte, die heulen oder lachen.

Zwei Monate nach der Café-Eröffnung 2006 gründete Bossmann mit Freunden den EFEU e. V. als Förderverein für die kulturhistorische Bedeutung, und auf dem Friedhof zog allmählich Leben ein: Installationen oder Konzerte mit neuer Musik, jeden September gibt es ein Kiezfest, das vor und auf dem Friedhof stattfindet - an dem Tag gibt es dann poetische Führungen und Märchenzähler, gelegentlich singt auch mal wer in der Kapelle, wie neulich Meret Becker.

Na ja, so eine Unternehmung wächst ja auch, wenn man einmal anfängt, sich selbst um die sozialen Belange der Leute zu kümmern. Das hat Bernd Bossmann eigentlich schon immer gemacht. Genügend Selbstbewusstsein hat er auch!

Bossmann: "Ein rothaariger Junge mit O-Beinen und leichtem Sehfehler, der auch noch vielleicht homosexuell ist und nicht Fußball spielen kann - wenn der nicht seiner selbst bewusst ist, wird der nur gehänselt."

Als Einziger der neun Geschwister ging er dann nicht ins Handwerk, sondern machte seine Krankenpflegerausbildung und arbeitete am Niederrhein in der Hauspflege. Aber dann wurde ihm das Dorf zu eng – und seine Entfaltungsmöglichkeiten auch: Mit 24 wagte er sich schließlich nach Berlin und wurde Gaukler, Akrobat!

Mit einem Artistik-Trio namens "Drei Kempowskis" turnte er auf diesen neuartigen Mittelalterfesten rum, und mit der politischen Trash-Tuntentruppe "Ladies’ Night" machte er, im Fummel, sozialkritische Schwulenrevues.

Bossmann: "Hausbesetzungen, um ein Hospiz zu machen, Dye-Ins! In der ganze Stadt haben wir doch Dye-Ins gemacht!"

Da nannte Bernd Bossmann sich Ichgola Androgyn - ein Bühnenname, der ungefähr bedeutet: Ich geh wie ich will: Und er lief denn auch wie der bunteste Schmetterling durch die Stadt, und mit Freunden veranstaltete er queere Modenschau-Spektakel, dabei sammelten sie Geld für die erste deutsche AIDS-Pflegestation ...

Bossmann: "Und hab auch zu der Zeit Finalpflege gemacht und Statistenjobs im Theater und war zum Geld verdienen auch gerne Proband in der Arzneimittelforschung ... Also, die Achtziger durch war fett was los, richtg fett was los!"

In den Neunzigern wurde es dann aber traurig:

Bossmann: "94, wo es ganz schlimm war, dass viele Freunde von mir gestorben sind und krank wurden und ich selber erfuhr auch, dass ich positiv war, war dieses ewige Trauern und Sterben unerträglich. Und ich sagte: Ich will jetzt hier mal raus, weil - das erdrückt mich auch!"

Ichgola/Bossmann spielte Theater in Köln, Filme mit Rosa von Praunheim und mittelgroße Kleinkunst in Berlin unter anderem im Variete Chamäleon ... Na und dann stand er ja eines Tages vor dem Friedhof und dachte:

Bossmann: "Da steht ein leeres Haus - einfach mal fragen, ob das zu vemieten ist: Kann ma ja ein schönes Café und einen kleinen Blumenladen reinmachen ..."

Und man kann drauf gucken - von den Gästezimmern aus, die Bossmann betreibt für Trauergäste und für die Gäste des Theaters O-Tonart, das er vor drei Jahren mit Kollegen aufgemacht hat: selbst gebaut - ein kleines Revuetheater hauptsächlich - mitten im Kiez!

Bossmann: "Und das ist ja das Tolle, dass wirklich ältere Leute aus diesem Kiez sagen: ‚Is det toll! Wir konnten ja nicht mehr weg inne Stadt, nachts da über die Straßen ham wa uns nich mehr jetraut, Taxi war zu teuer, und jetzt ham wa’n eijenet Theater!’"

Ja, das gefällt ihm! Denn das ist nämlich der bunte Teil der Welt, sagt Bernd Bossmann: der um den Friedhof drumrum ...

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