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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.06.2009

Ein Fremder in der Heimat

F.M. Esfandiary: "Der letzte Ausweis", Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2009, 221 Seiten

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Der Roman "Der letzte Ausweis" schildert die Verlorenheit des Einzelnen im autoritären System Irans. (AP Archiv)
Der Roman "Der letzte Ausweis" schildert die Verlorenheit des Einzelnen im autoritären System Irans. (AP Archiv)

Feridoun M. Esfandiarys Roman "Der letzte Ausweis" erzählt von der Verlorenheit eines Mannes nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Teheran und seinen Kampf um einen Pass, den er zur Ausreise braucht. Der Text, der in den 1960er-Jahren entstand und von iranischen Behörden konfisziert wurde, liegt nun in deutscher Übersetzung vor.

"FM 2030" nannte sich der 1930 in Brüssel als Sohn eines iranischen Diplomaten geborene Feridoun M. Esfandiary - aus Protest gegen konventionelle Namen, die nach seiner Überzeugung bloß Vergangenheit reflektieren: die Ahnen, nationale Zugehörigkeit oder Religion. Esfandiary, Schriftsteller und Futurologe, setzte - oft auch in Opposition zum Zeitgeist - auf die Zukunft. Ab 2030 hat seiner Meinung nach der Mensch ausgezeichnete Chancen, ewig zu leben.

Im Iran, im Libanon und in Jerusalem ging Esfandiary zur Schule, studierte im kalifornischen Berkeley, lebte in London, Damaskus und Los Angeles - zeitlebens ein Wanderer zwischen den Welten. Darin ähnelt er der Hauptfigur seines Romans "Der letzte Ausweis". Geschrieben Anfang der 1960er-Jahre in Teheran, wurde das Manuskript von den iranischen Behörden konfisziert, ein zweites Exemplar später ins Ausland geschmuggelt. 1999 erschien "Der letzte Ausweis" als englische Originalausgabe. Diese hat nun der Schriftsteller Ilija Trojanow ins Deutsche übersetzt und herausgegeben. Ein dankenswertes Unterfangen, denn Esfandiarys Roman, obgleich über 40 Jahre alt, ist zeitlos.

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der nach Jahrzehnten im Ausland in seine Geburtsstadt Teheran zurückkehrt. Er ist getrieben von unbestimmter Sehnsucht nach Familie, Zugehörigkeit und Identität. Beeinflusst vom Leben in der modernen, westlichen Zivilisation, verbunden mit deren Werten und Umgangsweisen, fällt es ihm schwer, sich in der alten Heimat zurechtzufinden.

Bizarre Auswüchse einer undemokratischen Gesellschaft, Heuchelei, Manipulation und Vetternwirtschaft bestimmen dort das tägliche Miteinander. Um wieder ausreisen zu können, benötigt Esfandiarys Hauptfigur, die an die Helden Camus' erinnert, einen Pass. Tag um Tag, monatelang, kämpft er sich durch das Labyrinth der Bürokratie, wird von einem Amt zum nächsten, von einem Ministerium ins andere geschickt. Niemand zeigt sich verantwortlich, die Gründe für die Nichtausstellung des Dokuments bleiben undurchsichtig. Esfandiary schildert sarkastisch die Verlorenheit des Einzelnen in einem anonymen Machtapparat. Er porträtiert einen modernen Menschen, der an seinen Widersprüchen leidet und schließlich zugrunde geht ebenso wie ein Regime, das keine Kritik duldet, das Individualität unterdrückt und Korruption fördert.

Ausdrücklich weist der Autor darauf hin, dass sein Roman keine Satire ist - obwohl die Schilderungen des iranischen Behördenapparats, der präsidialen Propagandaveranstaltungen und auch des Starrsinns seines Protagonisten das mitunter nahelegen. Vielmehr macht "Der letzte Ausweis" deutlich, dass tief sitzende Mentalitätsstrukturen - unabhängig vom jeweils herrschenden Regime - Dialog und gesellschaftlichen Fortschritt im Iran verhindern.

Besprochen von Carsten Hueck

F.M. Esfandiary: Der letzte Ausweis
Aus dem Englischen von Ilja Trojanow und Susann Urban
Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2009
221 Seiten, 17,90 Euro

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