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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.10.2013

Ein Flickenteppich der Ideen

Martons "Macbeth" in der Volksbühne gerät zur Geduldsprobe für die Zuschauer

Von André Mumot

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Martons Macbeth in der Volksbühne ist eine Mischung aus Theater und Konzert.  (AP Archiv)
Martons Macbeth in der Volksbühne ist eine Mischung aus Theater und Konzert. (AP Archiv)

David Marton inszeniert "Macbeth" an der Berliner Volksbühne als Konzert: Bach und Purcell werden da gespielt, ohrenbetäubende Jazzarrangements und stampfend schrille Klangexzesse - nur ab und zu unterbrochen von den wichtigsten Passagen des Theaterstückes. Das kommt zuweilen albern daher und Macbeth gerät zur Nebensache.

Die Ehegeschichte der Macbeths ist bekanntlich eine recht blutige Angelegenheit, also hat Bert Neumann für diesen Abend einen Guckkasten vor die eigentliche Bühne gebaut und ihn mit knalligem, abschwaschbarem roten Latex ausgekleidet. In der Mitte prangt noch eine rot-weiße Spiralendrehscheibe, die aussieht wie ein vom Himmel gefallener Lutscher ohne Stiel, und die hinteren Vorhangslamellen geben immer wieder die Sicht frei auf die Hauptbühne, die, abgesehen von einem einsamem Klavier und einer Pauke, leer bleibt. Zumindest solange, bis das Ensemble von vorn nach hinten tritt, um dort zu musizieren, zu singen und zu spielen.

David Marton inszeniert "Das Schottenstück", wie Shakespeares Tragödie von abergläubischen Zeitgenossen genannt wurde, die der Ansicht waren, dass es Unglück brächte, das Wort "Macbeth" in einem Theater auszusprechen. Im Untertitel lautet der Berliner Volksbühnen-Abend allerdings präziser "Konzert für Macbeth", und das kommt der Sache ziemlich nahe. Wie immer bei Marton, dem eigenwilligen, aus Ungarn stammenden Musiktheatermagier, agiert hier ein aus Instrumentalisten, Sängern und Schauspielerinnen zusammengesetztes Ensemble in einer durchkomponierten Abfolge von Musiknummern, die nur kurz von den Hauptpassagen des Shakespeare’schen Textes unterbrochen werden.

Diese Monolog- und Dialogsequenzen, die vor allem Volksbühnen-Stammschauspielerin Lilith Stangenberg zufallen, geben dann die Assoziationsrichtung vor, auf die erstaunliche musikalische Interpretationen folgen: Bach und Purcell werden gespielt und gesungen, viel Feierliches, viel ätherisch Verwehtes. Darauf folgen ohrenbetäubende Jazzarrangements und stampfend schriller Klangexzess. Schließlich regiert bei den Macbeths der Wahnsinn, und auf die Ruhe muss stets die Katastrophe folgen.

Das Ergebnis aber ist ein Flickenteppich der für sich selbst stehenden Ideen, der originellen und der platten Einfälle. Lilith Stangenberg steigt aufs Klavier, spielt mit nackten Füßen Atonales, während im Hintergrund wohl der erste Mord passiert und die Pianisten Marie Goyette versucht, einnehmenden Barock auf der Tastatur dagegenzuhalten. Später wird das Licht eines einzigen Scheinwerfers von den Darstellern durch eine Spiegelkette aufgefangen und weitergeleitet, bis es die fabelhafte Violinistin Nurit Stark erreicht, die an diesem Abend auf hinreißende Weise unter anderem die Virtuosenstücke von Eugène Ysaye interpretiert.

Überraschend bleibt jedoch, wie viel Albernheiten, wie viel kraftmeierischen Radau David Marton dazwischenschiebt, wie viel simple Blut- und Wasserplanscherei (der Waschzwang der Lady ist ein oft umspieltes Motiv), wie viel vordergründig lärmende Ekstase. Viele seiner szenischen Einfälle bleiben dabei schlicht erratisch, austauschbar, verweisen kaum noch auf Macbeth und strapazieren so die Zuschauergeduld.

Macbeth selbst scheint (ganz sicher kann man sich nicht sein, da alles betont vage bleibt) vom isländischen Bariton Thorbjörn Björnsson dargestellt zu werden: ein größtenteils stummer, tumber Typ, der von der Lady schon mal huckepack über die Bühne geschleppt werden und für den sich niemand interessieren muss.

Lilith Stangenberg wiederum dominiert die Szenerie mit Schmollmund und Kleinmädchenstimme und ist, während sie zusehends die Kontrolle über das Geschehen verliert, immer wieder sehr, sehr komisch. Aber gerade hier zeigt sich das größte Problem des Abends, der sein inneres Anliegen konsequent verrätselt und verwitzelt: Emotionale Eindringlichkeit, Ernsthaftigkeit und Tiefe sind nur in der Musik zu finden, dafür aber hätte es das Schottenstück beileibe nicht gebraucht.

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