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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 28.10.2012

Ein Farbstoff aus Läuseeiern

Scharlachrot kommt in Verruf

Von Udo Pollmer

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In vielen Lippenstiften steckt Cochenille  (Stock.XCHNG / Lotus Head)
In vielen Lippenstiften steckt Cochenille (Stock.XCHNG / Lotus Head)

Der Farbstoff Cochenille hat eine lange Geschichte. Seit Jahrhunderten werden damit Textilien und Speisen gefärbt. Nun gerät der Stoff allerdings in die Kritik, denn er wird aus Tieren gewonnen, genauer: aus Läusen.

Der Zusatzstoff mit der Nummer E 120 ist einer der ältesten in unserem Essen. Wir nutzen ihn bereits seit Jahrhunderten, in Südamerika ist er sogar schon seit Jahrtausenden in Gebrauch. E 120 heißt mit bürgerlichem Namen Echtes Karmin oder auch Cochenille, also ein Farbstoff. Einst färbte er vor allem teure Seide scharlachrot, heute sorgt er - im Lippenstift - für einen hübschen Mund und für appetitliche Lebensmittel - wie Käse, Obstkonserven, Frühstücksknusperkrümel mit Fruchtgeschmack, Fischbrei, Süßwaren und Wurst.

Obwohl die Farbe nicht nur altbewährt sondern auch natürlich ist, gerät sie immer mehr in die Kritik. Denn sie wird aus Läusen gewonnen. Aber nicht der Umstand, dass Cochenille-Läuse im Essen eher unerotisch sind, sorgt für Empörung, sondern ihre tierische Natur. Vor allem eingefleischten Vegetariern stößt das übel auf. Denn manche Hersteller von pflanzlichem, vegetarischem Wurstersatz verpassen diesem per Läusepulver die typische Wurstfarbe. Mit synthetischen Azofarbstoffen wäre das nicht passiert.

Dabei gibt es über diesen Stoff eigentlich nur Gutes zu berichten. Im Tierversuch erwies er sich als harmlos - und das, obwohl die Lausfarbe chemisch zu den Anthrachinonen zählt. Unter Pharmakologen sind die natürlichen Anthrachinone umstritten - so wie unter Verbraucherschützern die künstlichen Farbstoffe. Gelegentlich wurden bei E 120 allergische Reaktionen beobachtet, doch die lassen sich durch eine gründliche Reinigung des Extraktes meist vermeiden. Das Problematischste am Karmin sind offenbar Bakterien, die die Gewinnung überstehen könnten. Deshalb muss das Naturprodukt vor der Verwendung sterilisiert werden. Na, wenn das alles ist ...

Die Heimat der Cochenille-Schildläuse liegt in Lateinamerika. Die Laus ist etwa so groß wie ein Marienkäfer - aber viel hässlicher. Die Weibchen leben am liebsten auf Kakteen wie Opuntien und saugen sich daran fest. Nach der Befruchtung reifen in ihnen tausende von Eiern heran, und in denen steckt der begehrte Farbstoff. Schon bald nach der Eroberung Südamerikas waren trächtige Trockenläuse das wichtigste Exportgut nach Gold und Silber. Zigtausende von Tonnen an Laus-Eiern wurden damals nach Europa verschifft. Sie hätten es wirklich verdient, als "Eier des Kolumbus" in die Geschichte einzugehen.

Bevor die Cochenille nach Europa gelangte, sammelten die Europäer ihre eigenen Läuse. Namentlich die Polnische Cochenille, damals Polnischer Kermes genannt, wurde in großem Stil gewonnen - von Mecklenburg bis in die Ukraine. Es handelte sich um eine etwas kleinere Läuseart, die am liebsten an einem Kraut namens "Ausdauernder Knäuel" saugt. Im Rahmen des Entwicklungszyklus verwandeln sich die Läuse an den Wurzeln in dunkelrote Knöllchen. Die Pflanzen wurden mit einer Kelle angehoben und die Läuse aus dem Wurzelwerk gepflückt. Mit dem Aufkommen der amerikanischen Cochenille verschwand bei uns die Praxis des Läuseangrabens. Auf den Flächen weiden jetzt Rinder. Damit verschwanden auch die Insekten von der Bildfläche, sie zählen heute zu den bedrohten Tierarten.

Nicht so die Cochenille-Läuse. Auch sie verloren massiv an Bedeutung, als die synthetischen Farbstoffe aufkamen. Doch jetzt steht ihnen eine zweite Blüte bevor: Da sie an Opuntien saugen, die vielerorts als Unkraut gelten, arbeiten sie inzwischen als biologische Unkrautbekämpfer. Es sei denn die Vegetarier machen ihnen noch das Futter streitig - denn die jungen Triebe der Opuntie lassen sich als Gemüse zubereiten und auch ihre Früchte, die Kaktusfeigen sind schmackhaft - und noch dazu ergiebiger als Läuse. Mahlzeit!

Literatur

- Hendry GA, Houghton JD: Natural Food Colorants. Blackie, Glasgow 1992

- Schweppe: Handbuch der Naturfarbstoffe. Ecomed, Landsberg 1993

- Blaschek W et al: Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen. WVG, Stuttgart 2007

- Ciesla WM: Non-wood forest products from temperate broad-leaved trees. FAO, Rom 2002

- Green GL: Natural colorants and dyestuffs. FAO, Rom 1995

- Ichi T et al: Production of refined cochineal pigment of protein allergens. CAS Food Toxicity 2002; 136: 246811g

- IPCS: Safety avaluation of certain food additives and contaminants. WHO Food Additives Series 2001; 46: 9-18

- Inglese P: Cactus pear: gift of the New World. Chronica Horticulturae 2009; 49: 15-18

- Méndez SJ et al: Evaluation of alternative methods for cochineal (Dactylopius coccus Costa, HEM, Dactylopiidae) sacrifice and dehydration. Acta Horticulturae 2006; 728: 257- 262

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