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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.07.2011

Ein fanatischer Regenwurmforscher

Fredrik Sjöberg: "Der Rosinenkönig", Verlag Galiani, Berlin 2011, 237 Seiten

Ein Gemeiner Regenwurm (picture alliance / dpa)
Ein Gemeiner Regenwurm (picture alliance / dpa)

Im 19. Jahrhundert sammelte der Naturforscher und Eigenbrötler Gustaf Eisen Indizien zur Ordnung der Erdwürmer und brachte sie in eine Systematik, von der Charles Darwin äußerst beeindruckt war. Fredrik Sjöberg widmet Eisen nun einen brillanten Essay.

Wer weiß schon, dass ein Regenwurm im Durchschnitt drei bis acht Jahre alt wird und man die Erforschung seines Daseins weltweit exzessiv betreibt. Muss man das überhaupt wissen? Der schwedische Biologe, Schriftsteller und passionierte Schwebfliegensammler Fredrik Sjöberg weiß darauf eine klare Antwort: "Blind verlasse ich mich heute nur noch auf Erinnerungen, die nie dokumentiert wurden."

Im 19. Jahrhundert sammelte der Naturforscher und "Eigenbrötler" Gustaf Eisen (1847-1940) – so nannte ihn sein Freund August Strindberg - Indizien zur Ordnung der Erdwürmer und brachte sie in eine exzellente Systematik, von der Charles Darwin äußerst beeindruckt war. Ihm widmet Sjöberg seinen brillant in philosophische Denkfacetten und Sammlerleidenschaften gegliederten literarischen Essay. Eisen wird dabei zu einer geschichtlichen wie intellektuellen Schaltstelle, mit der sich Erinnerungsräume öffnen lassen. In ihnen begegnen wir Berühmtheiten wie August Strindberg und Charles Darwin, aber auch dem Experten für Tausendfüßler Anton Stuxberg und der Botanikerin Alice Eastwood.

Sjöberg macht die Mechanismen des Vergessens zum Solar Plexus seiner Erzählkunst. Sein Erinnern ist körperlich und wird von den Düften des blühenden Wurmkrauts und der Waldhyazinthe ebenso gesteuert wie von den geheimnisvollen Lockrufen der Natur. Auch das Schreiben folgt diesen sinnlichen Impulsen - Sjöberg legt dafür in zahlreichen Episoden Köder aus.

So befindet sich der Ich-Erzähler nach einer durchzechten Nacht in einem kläglichen Zustand. Doch gerade da macht er die Entdeckung seines Schwebfliegensammlerlebens. Er findet die lang ersehnte und rätselhafteste Schwebfliegenart "Callicera": "scheu, metallisch glänzend" und schön wie ein "byzantinisches Bronzeamulett". Der Fangaugenblick wird zur Metapher, indem er ihn als "Panthersprung mit hoch erhobenen Kescher" bezeichnet. Glück und Hoffnung geben sich als Prinzip von Notwendigkeit und Zufall zu erkennen.

Sjöbergs grüblerisch-amüsante Schreibpose ähnelt dem eines modernen Universalgelehrten. Sein schräger Blick auf das, was wir Wissen nennen, gleitet respektlos über Natur- wie Geisteswissenschaften hinweg und orientiert sich an keinem Kanon. Erkenntnisse, die als gültig erklärt werden, sind ihm ohnehin suspekt.

Schließlich sieht er in der von ihm selbst betriebenen Sammlerleidenschaft einen Geschlechterkonflikt. Laut Sjöberg wirken fanatische Eigenbrötler wie Eisen nämlich wenig anziehend auf Frauen. Er schreibt es den gut funktionierenden weiblichen Instinkten zu, die den "Geruch entschwundener Jahrhunderte und wohlverdient einsamer Männer" wittern und sich kopfschüttelnd abwenden. Als Sjöbergs Schwebfliegensammlung 2009 im nordischen Pavillon auf der Biennale in Venedig ausgestellt wurde, deutete er das als "schönsten Beleg dafür, dass die internationale Gegenwartskunst am Ende ist, erledigt".

Besprochen von Carola Wiemers

Fredrik Sjöberg: Der Rosinenkönig oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Verlag Galiani, Berlin 2011
237 Seiten, 19,50 Euro

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