"Ein exemplarisches Scheitern"

Burkhard Spinnen im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 08.01.2009
Er sei der klassische Typus des schwäbischen Unternehmers gewesen, bei dem Privatleben und Beruf untrennbar seien, meint Burkhard Spinnen über den 74-jährigen Adolf Merckle, der sich am Montag das Leben genommen hat. Er nannte sein Scheitern exemplarisch, weil sein traditionell geführtes Unternehmen im Kontakt mit der globalen Finanzwirtschaft in Schieflage geraten sei.
Stephan Karkowsky: Der Selbstmord des Unternehmers Adolf Merckle wird in der Öffentlichkeit breit diskutiert, zumal Merckles Familie seinen Selbstmord umgehend mit der Finanzkrise begründet hat. Die Folgen der Krise hätten den Familienunternehmer gebrochen. Der Suizid als letzter Ausweg. Ob das zum Typus des schwäbischen Unternehmers passt, frage ich Burkhard Spinnen. Der Schriftsteller hat sich in seinem Buch "Der schwarze Grat" eindringlich mit dem Unternehmer als Geschöpf beschäftigt. Guten Morgen, Herr Spinnen!

Burkhard Spinnen: Guten Morgen!

Karkowsky: Die Feuilletons diskutieren heute breit mögliche Motive Merckles für seinen Freitod, und dabei bleibt ein Unbehagen. Darf diese letzte Grenze des Privaten öffentlich diskutiert werden, also die Gründe für meinen Selbstmord?

Spinnen: Ja, darauf ein klares Ja und Nein. Nein, wenn es darum geht, Ferndiagnosen zu stellen, psychologische zumal, das hat einen ganz furchtbaren Geschmack, das sollte man nicht tun. Aber wenn jemand in einer so exponierten Position einen so lauten, einen so botschaftstragenden Freitod wählt, dann fühle ich mich doch herausgefordert, mir eine Geschichte dazu zu denken, mit der ich das erklären kann und mit der ich mir gleichzeitig etwas über meine Gegenwart erkläre. Das heißt, die Person Adolf Merckle, für die muss gelten, was für alle Toten gilt, wenn mich mein Latein nicht ganz trügt, "de mortuis nil nisi bene", an Gräbern spricht man nur gut über die Toten. Aber das, was er als Figur in der Bundesrepublik und dann im wiedervereinigten Deutschland war, was er repräsentiert hat und was jetzt diese Art seines Todes in dieser speziellen Situation repräsentiert, das kann ich bedenken, darüber kann ich auch schreiben.

Karkowsky: Sie haben ja über einen anderen schwäbischen Unternehmer geschrieben, über Walter Lindenmaier aus Laupheim. Haben Sie dabei rausgefunden, ob es den Archetypen des schwäbischen Unternehmers tatsächlich gibt, oder ist das nur ein Klischee?

Spinnen: Ja, das ist wie mit allen Klischees. Sie existieren als Quintessenz, als Schlussfolgerung aus einer Summe von Erfahrungen, aber man kann sie natürlich nicht wieder rückwärts anwenden. Also wenn da jemand in Stuttgart eine Firma hat, dann kann ich nicht dazu sagen, das ist jetzt ein schwäbischer Unternehmer. So einen Typus, den wir kreiert haben, um etwas Bestimmtes am Unternehmertum, und zwar etwas einerseits ein bisschen Seltsames, manchmal vielleicht ein bisschen autistisch wirkendes, aber andererseits eben doch etwas gewaltig, ich sag jetzt mal ein großes Wort, Staatstragendes zu bezeichnen, nämlich ein sich ganz und gar in den Dienst stellen seiner eigenen ökonomischen Sache. Infolgedessen kann es also schwäbische Unternehmer durchaus in Ostfriesland und in Passau und überhaupt überall auf der Welt geben. Wir meinen damit einen bestimmten Unternehmertypus, bei dem Privatleben und Beruf absolut untrennbar sind, bei dem die Familie, wie immer die jetzt aussehen mag, das müssen nicht die biologischen Bande sein, bei dem aber die Familie eine gewaltige Rolle spielt in der Leitung des Unternehmens, und der vor allen Dingen natürlich sehr stark, ich möchte fast sagen immer noch dynastisch denkt, das heißt, der das Unternehmen für die Region und für die Familie erhalten möchte. Und dem, um jetzt mal ein ganz konkretes Beispiel zu sagen, der also mit einem Verkauf des Unternehmens keinesfalls irgendwas Gutes damit verbinden kann, wie zum Beispiel ein Manager, der ja vom Verkauf des Unternehmens, in dem er arbeitet, durchaus profitieren kann, weil er dadurch den Börsenwert steigert. Das ist eben für den Familienunternehmer oder sagen wir den schwäbischen Unternehmer das Grauen.

Karkowsky: Ein Synonym für den schwäbischen Unternehmer, dem wir jetzt immer wieder begegnen in den Berichten über Adolf Merckle, ist der Unternehmer alten Schlages. Wie viel von dem Bild, das die Öffentlichkeit von diesen Unternehmern der Deutschland AG hat, entspricht denn der Wirklichkeit, und was davon sollte eher ein Psychologe erklären, weil es eher unseren Wünschen entspricht?

Spinnen: Das ist im Individualfall zu entscheiden. Wichtig ist natürlich, dass wir solche Klischees oder sagen wir mal ein hübscheres Wort, dass wir solche Idealtypen haben, um überhaupt unsere sehr, sehr komplizierte zeitgenössische Wirtschaftslage beurteilen zu können. Das heißt, beurteilen zu können, mit was für einem Unternehmen habe ich es zu tun. Wir alle haben permanent mit Unternehmen zu tun, die geführt werden von Leuten, deren Leben das ist. Also der Anstreicher, der heute Morgen mit seinem Sohn zu mir gekommen ist, um die Küche aufzubessern, der ist ja auch jemand, von dem ich weiß, dass er seinem Unternehmen gegenüber keinerlei Distanz hat. Und ich weiß, wie ich mit solchen Leuten umgehe. Das ist die traditionelle Art und Weise, ein Unternehmen zu führen, aber es scheint nicht mehr die zu sein, die die moderne, die zeitgenössische ist. Und auch wenn auf Hunderte, Tausende solcher Unternehmen nur ein oder zwei große von anonymen Aktienbesitzergruppen … also die gehören den Aktionären, und sie werden geführt von einer Reihe von Managern, auf die gucken wir, auf die starren wir, und die halten wir für die zeitgenössische und für die avancierte und vielleicht sogar auch für die richtige Art und Weise, wie Unternehmen aussehen sollten.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" den Schriftsteller Burkhard Spinnen zum Typus des schwäbischen Unternehmers. Herr Spinnen, Merckles Abschiedsbrief habe eine Entschuldigung enthalten, aber keinen Grund für seinen Freitod, so heißt es in Medienberichten. Den Grund hat dann die Familie hinzugefügt, ich zitiere das noch mal: "Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen." Wie bewerten Sie diese Darstellung? Gibt es so etwas wie einen Ehren-Selbstmord?

Spinnen: Ja, das ist ja genau das, was uns an dieser Sache so sehr berührt. Wir sind eigentlich sehr glücklich über einen Zustand, der hier in Mitteleuropa seit vielleicht so 80, 90 Jahren jetzt etwa herrscht, einen Zustand nämlich, der es Menschen erlaubt, selbst nach schwerem Scheitern, nach schwerem Versagen weiterleben zu können. Die individuelle Schuld, die Scham gegenüber der Peergroup oder der Gesellschaft, zu der man gehört, ist nicht mehr so groß, dass der Zwang ausgeübt wird, Selbstmord zu begehen. Denken Sie an die Offiziere der älteren Armeen, die sich nach Versagen erschießen mussten, weil es kein ehrbares Leben mehr für sie gab und so weiter. Wir betrachten das als einen humanen Gewinn, dass selbst nach sehr schwerem Scheitern es immer eine Rehabilitationsmöglichkeit geben muss, auch eine psychologische Rehabilitationsmöglichkeit. Und ein solcher Tod berührt uns gewissermaßen wie ein Vorgang aus einer alten Zeit, wie aus einem Shakespeare’schen Drama oder aus einer Novelle von Arthur Schnitzler um 1900. Und wir werden natürlich dadurch berührt, weil wir spüren, das ist nicht einfach abgeschafft, dass Menschen so schwer scheitern können, vor allen Dingen vor sich selbst, vor ihren eigenen inneren Zielen, dass es kein Weiterleben mehr gibt. Wir wissen, dass wir gewissermaßen alle, hoffentlich, denke ich jedenfalls, eine Art und Weise haben, mit unserem Leben davonzukommen, auch wenn uns das Schlimmste zustoßen sollte. Aber wir wissen auch, dass das ein Davonkommen ist und dass das schwierige Konstruktionen sind und dass es eigentlich Jahrhunderte lang, so, wir können auch sagen inhuman, sich abgespielt, so funktioniert hat wie in diesem Fall, dass beim Überschreiten einer bestimmten Grenze die innere Fähigkeit weiterzumachen – Tucholsky hat dann gesagt, die Raison d'Être –, dass sie nicht mehr da ist.

Karkowsky: Nun haben wir vollstes Verständnis dafür, dass die Familie eben nicht Merckles unternehmerische Fehler verantwortlich macht für die Krise seines Imperiums, sondern die Finanzkrise. Sie stellt es ja so dar, dass der Familienunternehmer in Not geraten ist als Opfer einer grausamen Finanzwelt. Und Sie, Herr Spinnen, haben gesagt, über Tote soll man nicht schlecht reden. Wir wissen aber natürlich, dass Adolf Merckle sich verspekuliert hat. Wird uns hier nicht ein geschöntes Bild präsentiert?

Spinnen: Das ist an Gräbern die Regel und, Herr Karkowsky, wir wollen alle hoffen, dass es an unseren Gräbern genauso sich vollziehen wird. Zum Unternehmertum gehört eine gewisse Risikobereitschaft, und es gehört das Scheitern hinzu. Es ist außerordentlich schwierig, Scheitern in Lebensgeschichten hineinzudenken, in einem Zeitalter, in dem wir schon mit 18 anfangen, uns gegen alles Mögliche zu versichern und am Schluss, wie uns ja die "Stiftung Warentest" immer wieder sagt, dramatisch überversichert sind. Das alles sind ja Maßnahmen, Risiko auszuschalten, Scheitern zu minimieren. Das mag im persönlichen Bereich gehen, wenn wir dann also die Schäden, die wir beim Nachbarn beim Grillabend anrichten, eben nicht bezahlen müssen, sondern das macht die Haftpflichtversicherung. Aber wenn Sie größere Dinge im Leben einstielen, dann ist eine gewisse Scheiternswahrscheinlichkeit damit verbunden. Wenn Sie einen Roman zu schreiben beginnen und drei Jahre Ihres Lebens daran wenden, dann gehen Sie eine sehr große Bereitschaft ein, dass den nicht mal jemand drucken, geschweige denn lesen wird. Und wenn Sie Ihr Unternehmen aufbauen und erweitern, dann gehen Sie auch ein solches Risiko ein. Wenn das Risiko groß ist, wenn die Ziele groß sind, dann wird auch das Scheitern groß sein. Scheitern hat immer einen Anteil von Eigenverantwortung und es hat einen Anteil von einem Hineingeraten in widrige Umstände. Ich kann und will jetzt nicht hingehen und das im Fall von Adolf Merckle beurteilen und auseinanderdividieren. Nur eins möchte ich dazu sagen: Es ist eine spezielle Art von Scheitern gewesen, aus der wir auch etwas gewissermaßen nicht über das Leben von Adolf Merckle, aber über die Tragödie des Unternehmers M. lernen können. Das Scheitern vollzieht sich nämlich gewissermaßen beim Übergang zwischen alter Realwirtschaft und, in Anführungsstrichen gesetzt, "neuer Finanzwirtschaft". Es ist ein sehr, sehr exemplarisches, fast sogar ein allegorisches Scheitern, dass ein Unternehmen, das auf so viel, im traditionellen Sinne, Arbeit, Material gegründet ist, besonders da ins Trudeln, besonders da in die Schieflage kommt und letztlich vielleicht sogar stürzt, wo es Kontakt aufnimmt mit internationalen, mit globalen finanzwirtschaftlichen Aspekten.

Karkowsky: Zum Typus des schwäbischen Unternehmers anlässlich des Freitods von Adolf Merckle hörten Sie den Schriftsteller Burkhard Spinnen. Herr Spinnen, vielen Dank!

Spinnen: Gern.