Ein europäisches Experimentierfeld
"Vom Niemandsland ins Herz Europas" – so warb der kleinste Bewerber der deutschen Kulturhauptstadt-Kandidaten für das Jahr 2010 gemeinsam mit dem polnischen Grenznachbarn Zgorzelec. Er schaffte es bis ins Finale und verlor gegen Essen. In der Altstadt findet man heute Aufkleber mit dem Slogan: "Wir bauen weiter".
Christian Weise: "Ich muss sagen, wir haben es bis zum Schluss geglaubt, dass es wirklich funktionieren könnte."
Rückblende. Görlitz/Zgorzelec 2003 – die Stadt an der Neiße geht gegen so renommierte Bewerber wie Köln, Potsdam und Augsburg in das Rennen um die "Kulturhauptstadt Europas 2010".
Seit Kriegsende geteilt, nun hautnah mit der EU-Osterweiterung konfrontiert. Görlitz/Zgorzelec. Gemeinsam mit Essen erreicht die geteilte Stadt 2005 mit dem Konzept des Zusammenwachsens das Brüsseler Finale.
Görlitz/Zgorzelec 2006 – mit einem einmaligen historischen Bauensemble und großen wirtschaftlichen Sorgen, mit neuem Selbstwertgefühl und dem Motto: "Vom Niemandsland ins Herz Europas" präsentiert sich die deutsch-polnische Doppelstadt in Brüssel.
Görlitz, 11. April 2006, 11.38 Uhr, der Untermarkt. Hunderte Görlitzer stehen dicht gedrängt vor dem Rathaus. Auch die Oberbürgermeister von Görlitz und Zgorzelec sind da, warten auf das Votum aus Brüssel. Dann die Entscheidung: Essen wird Kulturhauptstadt 2010, nicht Görlitz/Zgorzelec.
Christian Weise: "Es kam ein kurzer Aufschrei: Nein, das kann doch nicht sein! Und dann aber wurde von der Kanzel ein Signal gegeben: Wir bauen weiter. Auch in den privaten Gesprächen war der Tenor: Wir haben den Titel nicht bekommen. Und diese offiziellen Zuwendungen, die es gegeben hätte, aber wir halten an den Projekten fest – an den offiziellen und an den privaten."
Eine Hoffnung ist zerstoben – die auf die Kulturhauptstadt. Und mit ihr jene Triebkraft, die die großen und kleinen, die offiziellen ebenso wie die privaten Projekte angeschoben hatte. Für die einen läuft zum Jahresende die Finanzierung aus, anderen, so steht zu befürchten, werden jetzt die Besucher ausbleiben. Görlitz ist wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Dennoch: Hört man sich unter Görlitzern um, fallen immer wieder Begriffe wie bürgerschaftliches Engagement, neues Selbstvertrauen, Aufbruch. Geschäfte und Lokale in der Altstadt ziert ein kleiner, fast unscheinbarer Aufkleber mit dem Slogan: "Wir bauen weiter".
Christian Weise: "Man muss sich das so vorstellen: Vor drei, vier Jahren hatten die Cafés keine Außensitze, die Stadt war am Freitag, Samstag fast menschenleer und das führte natürlich dazu, dass sich das Stadtbild völlig änderte. Und dass wir fast so ein südländisches Flair erhielten – und das schlug sich dann auch auf den Optimismus der Leute nieder."
Christian Weise hat vor einem Jahr mit seiner Frau eine Pension eröffnet. Er, der Architekt, sie, die Leiterin des Sozialmedizinischen Dienstes im Gesundheitsamt. Nicht die Besucher fehlen, sagt der 40-Jährige, sondern die gemeinsame touristische Vermarktung von Görlitz und Zgorzelec. Noch immer vermittelt das deutsche Tourismusbüro keine Betten auf polnischer Seite – und umgekehrt. Und mit seinem Architekturbüro hat er ein Zeichen gesetzt, ist von der Altstadt ans Neißeufer gezogen, von der Grenzlage an die Grenze.
Christian Weise: "Das ist ja ein geschundener Ort, so ein Niemandsland. Ich vergleiche es mal mit dem Gelände des Potsdamer Platzes. Also ein Bereich, der sich entwickeln muss, und wenn man die polnische Seite sieht, da wird ja momentan ziemlich viel gebaut. Es ist wichtig, dass diese Nahtstelle zwischen der Zwillingsstadt, die muss repariert werden und die muss sich gesund entwickeln."
Von der Pension "Zur goldenen Feder" bis zur Altstadtbrücke, bis zur Grenze, ist es nur einen Steinwurf weit. Eine deutschen Steinwurf weit: Die Straßenschilder sind deutsch - Wegweiser, Ladenschilder und Speisekarten ebenfalls. Nur das Handy wählt sich automatisch ins polnische Netz ein.
Görlitz bewarb sich vor allem mit europäischen Symbolen um die Kulturhauptstadt 2010. Das ergab sich aus der Lage der Stadt: Sie liegt an der Via Regia, Europas ältester Handelsstraße. Am östlichen Rand Deutschlands, am Westufer der Neiße – an der Nahtstelle der EU-Osterweiterung. Gemeinsam mit Zgorzelec bewarb sich Görlitz als Stadt im Zentrum des zusammenwachsenden Europas – auch wenn der Doppelstadt selbst das Zentrum fehlt.
Bis zum Kulturhauptstadtjahr 2010 sollte es wieder entstehen. Noch ist dort Brachland. Nicht so schön anzusehen wie die restaurierten Renaissancefassaden, Barockportale und Gründerzeitvillen, noch. Kein Ergebnis also, mit dem sich Görlitz der Jury in Brüssel gestellt hatte, sondern ein Experiment. Im Alltag der Menschen ebenso wie für die Stadtplaner.
Vor knapp zwei Jahren wurde die Altstadtbrücke für Fußgänger geöffnet, seitdem kommen die Zgorzelecer gerne zum Einkaufen nach Görlitz. Oder einfach nur zum Flanieren. Görlitzer Reiseführer dagegen betreten die Brücke erst gar nicht. Der Fingerzeig nach drüben reicht – und alles nickt: So schmal ist die Neiße, so nah ist Polen, so heruntergekommen sehen die Fassaden dort aus. Danke, weiter. Geht ein Tourist doch mal über die Brücke, landet er auf einer Baustelle.
Adam Cebula, Stadtarchitekt: "Also hier wollen wir ein Stück Stadt wieder aufbauen. Ich mache die ganzen Entwürfe – und wenn es um die andere Seite geht, Farbgestaltung oder so, arbeite ich mit den Leuten vom Stadtplanungsamt Görlitz zusammen."
Adam Cebula, der Zgorzelecer Stadtarchitekt, kommt gerade von seinem Kollegen, dem Görlitzer Stadtbildpfleger Peter Mitsching. Plan und Wirklichkeit, Aktentasche und aufgerissene Straßendecke.
Hier war ja nach dem Krieg plötzlich die Grenze, erklärt der 37-Jährige, und jahrzehntelang haben die beiden Stadthälften mit dem Rücken zueinander gelebt. Jetzt wollen sie sich das Gesicht zuwenden. Noch sieht die polnische Häuserfront an der Neiße aus wie ein schadhaftes Gebiss.
Adam Cebula, Stadtarchitekt: "Brückenpark, dies ist eine Idee, neue Brücken zu schlagen. Aber nicht nur baulich, also Brücken zwischen Görlitz und Zgorzelec auf der Neiße, sondern auch geistliche Brücken zu schlagen zwischen zwei Nationen, zwischen den Einwohnern von Görlitz und Zgorzelec."
Im Rahmen der Kulturhauptstadt sollte eine durchgehende Uferpromenade auf beiden Seiten der Neiße entstehen. Görlitz hofft nach dem Nein aus Brüssel auf die Zusagen des Landes. Adam Cebula bleibt da gelassen, die Finanzierung des Postplatzes auf der polnischen Seite ist durch EU-Mittel gesichert. Nur: Geld ersetzt noch nicht die gemeinsame Sprache.
Adam Cebula: "Aber ich merke im Stadtplanungsamt immer mehr Leute sprechen Polnisch. Also man fängt damit an."
Dass mehr miteinander gesprochen wird, ist ein großer Zugewinn der gemeinsamen Bewerbung. Ein Zentrum werden, dies ist der andere große Anlauf. Görlitz/ Zgorzelec als europäisches Experimentierfeld – eine Chance, ein Versuch. Ausgang offen. Will man zusammenwachsen, muss man zusammen wachsen.
Die Brücke soll das symbolisieren, der Alltag muss es bringen. So herrscht in Zgorzelec Wohnungsnot, während in Görlitz ganze Häuser leer stehen. Einen Bus, der mehrmals am Tag die Grenze überquert, gibt es - eine gemeinsame Monatsfahrkarte nicht. Dafür deutsche Oper mit polnischen Übertiteln.
Die Szene muss wiederholt werden. Das Klavier setzt wieder ein, die Souffleuse gibt deutlich die Stichworte vor. Zur Aufführung wird die Oper dann - wie immer - polnisch übertitelt.
Michael Wieler, Intendant des Görlitzer Theaters - Untertitel-Erfinder für das Publikum aus Zgorzelec und Initiator für polnisches Sprechtheater auf der Großen Bühne in Görlitz. Und dann ist da noch die polnische Dépendance, eine kleine Spielstätte jenseits der Neiße. Was im Rahmen des Kulturhauptstadtmottos selbstverständlich scheint, wurde vor sieben Jahren als Hirngespinst eines entwurzelten Wessis abgetan:
Michael Wieler, Theaterintendant: "Weil es nicht nahe lag für die Menschen. Die Menschen haben jahrzehntelang in dieser Stadt gelebt ohne nur mit einem Fünkchen daran zu denken, die andere Hälfte der Stadt in ihren Alltag, in ihre Lebensplanung einzubeziehen. Das ist einfach so fern gewesen: Es ist nur ein Fluss dazwischen, aber es war mental wie ein Eiserner Vorhang."
Wieler hat an der Präsentation der Bewerbung mitgewirkt. Die zahlt sich aus, sagt er:
Michael Wieler: "Uns hat das insofern finanziell zunächst mal nichts gebracht, als wir wegen der Kulturhauptstadtbewerbung von unseren Trägern nicht mehr Geld erhalten haben. Aber es hat uns etwas gebracht, und zwar massiver als ich es gehofft habe geradezu, an Interesse von Publikum, was von außerhalb der sächsischen Landesgrenze kommt. Also der Anteil ist gerade im letzten halben, dreiviertel Jahr um 20 Prozent gestiegen."
Die Bewerbung um die Kulturhauptstadt ist verloren, die Bewerbung um eine gemeinsame Zukunft nicht. Zum ersten Mal fand in diesem Jahr die Abiturfeier des St. Annen-Gymnasiums auf polnischer Seite, im "Dom Kultury" statt. Eine Sensation – auch für ein Gymnasium mit bilingualen Klassen. Dass man den anderen Teil der Stadt mitdenkt, wenn auch aus rein pragmatischen Gründen, könnte ein erster Beleg für das – eigentlich selbstverständliche - Zusammenwachsen sein. Aber auch das ist eine – noch - Einbahnstraße: Während sich die polnischen Schüler auf die Warteliste setzen lassen, um in Görlitz aufs Gymnasium gehen zu können, fährt kein einziger deutscher Schüler nach Zgorzelec. Die Normalität steckt noch in den Kinderschuhen. Acht Kindergartenkinder überqueren täglich die Brücke. Ein Anfang. Immerhin.
Zwei von ihnen sind die Töchter von Uwe Konrad. Er holt sie vom Kindergarten ab, beide sprechen fließend Polnisch.
Uwe Konrad, Vater: "Die Deutschen gehen nicht gerne nach Zgorzelec generell. Außer vielleicht nach "realkauf" oder tanken, aber sonst? Wenn Sie in Görlitz fragen, erzählen Ihnen alle: Wir haben kein Freibad. Dass man nach Zgorzelec gehen kann, daran denken die allermeisten nicht."
Michael Winter fährt regelmäßig nach Zgorzelec, um seine Frau vom Bahnhof abzuholen, die in Wroclaw arbeitet. Wroclaw, vormals Breslau. Vor zwei Jahren hat der studierte Geograph das deutsch-polnische Infobüro für junge Leute gegründet. Jugendliche interessieren sich nicht so für Hochkultur, meint er, aber der Berzdorfer See hätte sie sicher begeistert. Der ehemalige Braunkohletagebau wird zurzeit mit Wasser geflutet. Geplant waren auch ein Badestrand, ein Sportzentrum und ein Amphitheater für Rockkonzerte. Jetzt fehlt dafür das Geld.
Michael Winter, deutsch-polnisches Infobüro: "Man kann’s ja verstehen. Kulturhauptstadtbewerbung ist ja erstmal dafür, Aufsehen anderswo zu erreichen, damit man überhaupt den Zuschlag bekommt. Dann hätten wir an der Basis arbeiten, die Alltagskultur machen können. Aber das sind halt die Sachen, die jetzt wieder hinten angestellt werden. Weil die hätte man sich nur leisten können, wenn der Zuschlag gekommen wäre."
Tobias Schlüter geht gerne in Zgorzelec aus. Das Bier ist billig – und die Polen feiern einfach ausgelassener. Der 27-Jährige studiert Kulturmanagement an der Hochschule Zittau-Görlitz. Und er hat das erste grenzübergreifende Musikfestival ins Leben gerufen: "Ulica" – was soviel wie Straße heißt.
Tobias Schlüter: "Also ich wusste, dass sich Görlitz für die Kulturhauptstadt bewirbt, habe unabhängig davon in Zgorzelec gelebt, mitbekommen, dass es auf beiden Seiten die gleiche Kultur gibt – sprich Hiphop-Musik, hatte auch mit beiden Seiten zu tun. Und deshalb wusste ich, dass die Leute eigentlich nichts zusammen machen. Das war dann der Anlass, in der Geschäftsstelle zur Kulturhauptstadtbewerbung eben nachzufragen, ob sich nicht was machen ließe, ob sie nicht auch was für die Jugendlichen machen."
Das "Ulica"-Festival war die erste Musikveranstaltung auf polnischer Seite, zu der auch deutsche Jugendliche kamen. Das Kulturhauptstadtbüro gab 6.600 Euro dazu. Und die Kulturhauptstadtbewerbung, was hat sie den Menschen konkret gebracht?
Tobias Schlüter: "Ja, dass jetzt die Promenade neu gebaut wird. Dass klar ist, da gibt’s jetzt einen neuen Marktplatz. Dass einfach sehr viel mehr Leute im Alltag damit zu tun haben. Dass die 'Sächsische Zeitung' jetzt vielleicht ne Rubrik hat: Wir berichten jetzt von der anderen Seite. Dass den Jugendlichen gezeigt wurde: Wenn ihr was machen wollt, dann gibt es den Anspruch, das auch zweisprachig zu machen."
"Ulica" fällt in diesem Jahr aus. Nicht weil das Geld fehlt, erklärt Schlüter, sondern weil er sein Studium abschließen will. Und nächstes Jahr? Er zieht die Schultern hoch. Dann müssen wir das wieder selbst auf die Beine stellen.
Die 20 Millionen Euro Zuschlag werden jedenfalls nicht kommen, das Kulturhauptstadtbüro ist mittlerweile geschlossen. Das Ja aus Brüssel wäre ein Wechsel auf die Zukunft gewesen, nicht die Belohnung wie für den gelungenen Strukturwandel im Ruhrgebiet.
Zwei Millionen Euro hat die Stadt Görlitz in den letzten vier Jahren in die Bewerbung investiert, knapp 500.000 Euro kamen vom Land und von Sponsoren dazu. In der Politik hofft man jetzt auf das Jahr 2016. Dann wird Polen die Kulturhauptstadt stellen. Und dann werden sich Zgorzelec und Görlitz erneut zusammen bewerben, so hat es jedenfalls der polnische Oberbürgermeister angekündigt.
Und bis dahin? Abwarten und Tee trinken in Görlitz? Christian Weise, der Architekt und Betreiber einer Pension, schüttelt den Kopf:
"Ich hoffe, und das ist sicher auch eine Aufforderung an die Kommunal- und Landespolitik, diese Zusagen, die man gegeben hat kurz nach der Entscheidung, auch ernst zu nehmen. Also darauf wartet natürlich der Görlitzer."
Rückblende. Görlitz/Zgorzelec 2003 – die Stadt an der Neiße geht gegen so renommierte Bewerber wie Köln, Potsdam und Augsburg in das Rennen um die "Kulturhauptstadt Europas 2010".
Seit Kriegsende geteilt, nun hautnah mit der EU-Osterweiterung konfrontiert. Görlitz/Zgorzelec. Gemeinsam mit Essen erreicht die geteilte Stadt 2005 mit dem Konzept des Zusammenwachsens das Brüsseler Finale.
Görlitz/Zgorzelec 2006 – mit einem einmaligen historischen Bauensemble und großen wirtschaftlichen Sorgen, mit neuem Selbstwertgefühl und dem Motto: "Vom Niemandsland ins Herz Europas" präsentiert sich die deutsch-polnische Doppelstadt in Brüssel.
Görlitz, 11. April 2006, 11.38 Uhr, der Untermarkt. Hunderte Görlitzer stehen dicht gedrängt vor dem Rathaus. Auch die Oberbürgermeister von Görlitz und Zgorzelec sind da, warten auf das Votum aus Brüssel. Dann die Entscheidung: Essen wird Kulturhauptstadt 2010, nicht Görlitz/Zgorzelec.
Christian Weise: "Es kam ein kurzer Aufschrei: Nein, das kann doch nicht sein! Und dann aber wurde von der Kanzel ein Signal gegeben: Wir bauen weiter. Auch in den privaten Gesprächen war der Tenor: Wir haben den Titel nicht bekommen. Und diese offiziellen Zuwendungen, die es gegeben hätte, aber wir halten an den Projekten fest – an den offiziellen und an den privaten."
Eine Hoffnung ist zerstoben – die auf die Kulturhauptstadt. Und mit ihr jene Triebkraft, die die großen und kleinen, die offiziellen ebenso wie die privaten Projekte angeschoben hatte. Für die einen läuft zum Jahresende die Finanzierung aus, anderen, so steht zu befürchten, werden jetzt die Besucher ausbleiben. Görlitz ist wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Dennoch: Hört man sich unter Görlitzern um, fallen immer wieder Begriffe wie bürgerschaftliches Engagement, neues Selbstvertrauen, Aufbruch. Geschäfte und Lokale in der Altstadt ziert ein kleiner, fast unscheinbarer Aufkleber mit dem Slogan: "Wir bauen weiter".
Christian Weise: "Man muss sich das so vorstellen: Vor drei, vier Jahren hatten die Cafés keine Außensitze, die Stadt war am Freitag, Samstag fast menschenleer und das führte natürlich dazu, dass sich das Stadtbild völlig änderte. Und dass wir fast so ein südländisches Flair erhielten – und das schlug sich dann auch auf den Optimismus der Leute nieder."
Christian Weise hat vor einem Jahr mit seiner Frau eine Pension eröffnet. Er, der Architekt, sie, die Leiterin des Sozialmedizinischen Dienstes im Gesundheitsamt. Nicht die Besucher fehlen, sagt der 40-Jährige, sondern die gemeinsame touristische Vermarktung von Görlitz und Zgorzelec. Noch immer vermittelt das deutsche Tourismusbüro keine Betten auf polnischer Seite – und umgekehrt. Und mit seinem Architekturbüro hat er ein Zeichen gesetzt, ist von der Altstadt ans Neißeufer gezogen, von der Grenzlage an die Grenze.
Christian Weise: "Das ist ja ein geschundener Ort, so ein Niemandsland. Ich vergleiche es mal mit dem Gelände des Potsdamer Platzes. Also ein Bereich, der sich entwickeln muss, und wenn man die polnische Seite sieht, da wird ja momentan ziemlich viel gebaut. Es ist wichtig, dass diese Nahtstelle zwischen der Zwillingsstadt, die muss repariert werden und die muss sich gesund entwickeln."
Von der Pension "Zur goldenen Feder" bis zur Altstadtbrücke, bis zur Grenze, ist es nur einen Steinwurf weit. Eine deutschen Steinwurf weit: Die Straßenschilder sind deutsch - Wegweiser, Ladenschilder und Speisekarten ebenfalls. Nur das Handy wählt sich automatisch ins polnische Netz ein.
Görlitz bewarb sich vor allem mit europäischen Symbolen um die Kulturhauptstadt 2010. Das ergab sich aus der Lage der Stadt: Sie liegt an der Via Regia, Europas ältester Handelsstraße. Am östlichen Rand Deutschlands, am Westufer der Neiße – an der Nahtstelle der EU-Osterweiterung. Gemeinsam mit Zgorzelec bewarb sich Görlitz als Stadt im Zentrum des zusammenwachsenden Europas – auch wenn der Doppelstadt selbst das Zentrum fehlt.
Bis zum Kulturhauptstadtjahr 2010 sollte es wieder entstehen. Noch ist dort Brachland. Nicht so schön anzusehen wie die restaurierten Renaissancefassaden, Barockportale und Gründerzeitvillen, noch. Kein Ergebnis also, mit dem sich Görlitz der Jury in Brüssel gestellt hatte, sondern ein Experiment. Im Alltag der Menschen ebenso wie für die Stadtplaner.
Vor knapp zwei Jahren wurde die Altstadtbrücke für Fußgänger geöffnet, seitdem kommen die Zgorzelecer gerne zum Einkaufen nach Görlitz. Oder einfach nur zum Flanieren. Görlitzer Reiseführer dagegen betreten die Brücke erst gar nicht. Der Fingerzeig nach drüben reicht – und alles nickt: So schmal ist die Neiße, so nah ist Polen, so heruntergekommen sehen die Fassaden dort aus. Danke, weiter. Geht ein Tourist doch mal über die Brücke, landet er auf einer Baustelle.
Adam Cebula, Stadtarchitekt: "Also hier wollen wir ein Stück Stadt wieder aufbauen. Ich mache die ganzen Entwürfe – und wenn es um die andere Seite geht, Farbgestaltung oder so, arbeite ich mit den Leuten vom Stadtplanungsamt Görlitz zusammen."
Adam Cebula, der Zgorzelecer Stadtarchitekt, kommt gerade von seinem Kollegen, dem Görlitzer Stadtbildpfleger Peter Mitsching. Plan und Wirklichkeit, Aktentasche und aufgerissene Straßendecke.
Hier war ja nach dem Krieg plötzlich die Grenze, erklärt der 37-Jährige, und jahrzehntelang haben die beiden Stadthälften mit dem Rücken zueinander gelebt. Jetzt wollen sie sich das Gesicht zuwenden. Noch sieht die polnische Häuserfront an der Neiße aus wie ein schadhaftes Gebiss.
Adam Cebula, Stadtarchitekt: "Brückenpark, dies ist eine Idee, neue Brücken zu schlagen. Aber nicht nur baulich, also Brücken zwischen Görlitz und Zgorzelec auf der Neiße, sondern auch geistliche Brücken zu schlagen zwischen zwei Nationen, zwischen den Einwohnern von Görlitz und Zgorzelec."
Im Rahmen der Kulturhauptstadt sollte eine durchgehende Uferpromenade auf beiden Seiten der Neiße entstehen. Görlitz hofft nach dem Nein aus Brüssel auf die Zusagen des Landes. Adam Cebula bleibt da gelassen, die Finanzierung des Postplatzes auf der polnischen Seite ist durch EU-Mittel gesichert. Nur: Geld ersetzt noch nicht die gemeinsame Sprache.
Adam Cebula: "Aber ich merke im Stadtplanungsamt immer mehr Leute sprechen Polnisch. Also man fängt damit an."
Dass mehr miteinander gesprochen wird, ist ein großer Zugewinn der gemeinsamen Bewerbung. Ein Zentrum werden, dies ist der andere große Anlauf. Görlitz/ Zgorzelec als europäisches Experimentierfeld – eine Chance, ein Versuch. Ausgang offen. Will man zusammenwachsen, muss man zusammen wachsen.
Die Brücke soll das symbolisieren, der Alltag muss es bringen. So herrscht in Zgorzelec Wohnungsnot, während in Görlitz ganze Häuser leer stehen. Einen Bus, der mehrmals am Tag die Grenze überquert, gibt es - eine gemeinsame Monatsfahrkarte nicht. Dafür deutsche Oper mit polnischen Übertiteln.
Die Szene muss wiederholt werden. Das Klavier setzt wieder ein, die Souffleuse gibt deutlich die Stichworte vor. Zur Aufführung wird die Oper dann - wie immer - polnisch übertitelt.
Michael Wieler, Intendant des Görlitzer Theaters - Untertitel-Erfinder für das Publikum aus Zgorzelec und Initiator für polnisches Sprechtheater auf der Großen Bühne in Görlitz. Und dann ist da noch die polnische Dépendance, eine kleine Spielstätte jenseits der Neiße. Was im Rahmen des Kulturhauptstadtmottos selbstverständlich scheint, wurde vor sieben Jahren als Hirngespinst eines entwurzelten Wessis abgetan:
Michael Wieler, Theaterintendant: "Weil es nicht nahe lag für die Menschen. Die Menschen haben jahrzehntelang in dieser Stadt gelebt ohne nur mit einem Fünkchen daran zu denken, die andere Hälfte der Stadt in ihren Alltag, in ihre Lebensplanung einzubeziehen. Das ist einfach so fern gewesen: Es ist nur ein Fluss dazwischen, aber es war mental wie ein Eiserner Vorhang."
Wieler hat an der Präsentation der Bewerbung mitgewirkt. Die zahlt sich aus, sagt er:
Michael Wieler: "Uns hat das insofern finanziell zunächst mal nichts gebracht, als wir wegen der Kulturhauptstadtbewerbung von unseren Trägern nicht mehr Geld erhalten haben. Aber es hat uns etwas gebracht, und zwar massiver als ich es gehofft habe geradezu, an Interesse von Publikum, was von außerhalb der sächsischen Landesgrenze kommt. Also der Anteil ist gerade im letzten halben, dreiviertel Jahr um 20 Prozent gestiegen."
Die Bewerbung um die Kulturhauptstadt ist verloren, die Bewerbung um eine gemeinsame Zukunft nicht. Zum ersten Mal fand in diesem Jahr die Abiturfeier des St. Annen-Gymnasiums auf polnischer Seite, im "Dom Kultury" statt. Eine Sensation – auch für ein Gymnasium mit bilingualen Klassen. Dass man den anderen Teil der Stadt mitdenkt, wenn auch aus rein pragmatischen Gründen, könnte ein erster Beleg für das – eigentlich selbstverständliche - Zusammenwachsen sein. Aber auch das ist eine – noch - Einbahnstraße: Während sich die polnischen Schüler auf die Warteliste setzen lassen, um in Görlitz aufs Gymnasium gehen zu können, fährt kein einziger deutscher Schüler nach Zgorzelec. Die Normalität steckt noch in den Kinderschuhen. Acht Kindergartenkinder überqueren täglich die Brücke. Ein Anfang. Immerhin.
Zwei von ihnen sind die Töchter von Uwe Konrad. Er holt sie vom Kindergarten ab, beide sprechen fließend Polnisch.
Uwe Konrad, Vater: "Die Deutschen gehen nicht gerne nach Zgorzelec generell. Außer vielleicht nach "realkauf" oder tanken, aber sonst? Wenn Sie in Görlitz fragen, erzählen Ihnen alle: Wir haben kein Freibad. Dass man nach Zgorzelec gehen kann, daran denken die allermeisten nicht."
Michael Winter fährt regelmäßig nach Zgorzelec, um seine Frau vom Bahnhof abzuholen, die in Wroclaw arbeitet. Wroclaw, vormals Breslau. Vor zwei Jahren hat der studierte Geograph das deutsch-polnische Infobüro für junge Leute gegründet. Jugendliche interessieren sich nicht so für Hochkultur, meint er, aber der Berzdorfer See hätte sie sicher begeistert. Der ehemalige Braunkohletagebau wird zurzeit mit Wasser geflutet. Geplant waren auch ein Badestrand, ein Sportzentrum und ein Amphitheater für Rockkonzerte. Jetzt fehlt dafür das Geld.
Michael Winter, deutsch-polnisches Infobüro: "Man kann’s ja verstehen. Kulturhauptstadtbewerbung ist ja erstmal dafür, Aufsehen anderswo zu erreichen, damit man überhaupt den Zuschlag bekommt. Dann hätten wir an der Basis arbeiten, die Alltagskultur machen können. Aber das sind halt die Sachen, die jetzt wieder hinten angestellt werden. Weil die hätte man sich nur leisten können, wenn der Zuschlag gekommen wäre."
Tobias Schlüter geht gerne in Zgorzelec aus. Das Bier ist billig – und die Polen feiern einfach ausgelassener. Der 27-Jährige studiert Kulturmanagement an der Hochschule Zittau-Görlitz. Und er hat das erste grenzübergreifende Musikfestival ins Leben gerufen: "Ulica" – was soviel wie Straße heißt.
Tobias Schlüter: "Also ich wusste, dass sich Görlitz für die Kulturhauptstadt bewirbt, habe unabhängig davon in Zgorzelec gelebt, mitbekommen, dass es auf beiden Seiten die gleiche Kultur gibt – sprich Hiphop-Musik, hatte auch mit beiden Seiten zu tun. Und deshalb wusste ich, dass die Leute eigentlich nichts zusammen machen. Das war dann der Anlass, in der Geschäftsstelle zur Kulturhauptstadtbewerbung eben nachzufragen, ob sich nicht was machen ließe, ob sie nicht auch was für die Jugendlichen machen."
Das "Ulica"-Festival war die erste Musikveranstaltung auf polnischer Seite, zu der auch deutsche Jugendliche kamen. Das Kulturhauptstadtbüro gab 6.600 Euro dazu. Und die Kulturhauptstadtbewerbung, was hat sie den Menschen konkret gebracht?
Tobias Schlüter: "Ja, dass jetzt die Promenade neu gebaut wird. Dass klar ist, da gibt’s jetzt einen neuen Marktplatz. Dass einfach sehr viel mehr Leute im Alltag damit zu tun haben. Dass die 'Sächsische Zeitung' jetzt vielleicht ne Rubrik hat: Wir berichten jetzt von der anderen Seite. Dass den Jugendlichen gezeigt wurde: Wenn ihr was machen wollt, dann gibt es den Anspruch, das auch zweisprachig zu machen."
"Ulica" fällt in diesem Jahr aus. Nicht weil das Geld fehlt, erklärt Schlüter, sondern weil er sein Studium abschließen will. Und nächstes Jahr? Er zieht die Schultern hoch. Dann müssen wir das wieder selbst auf die Beine stellen.
Die 20 Millionen Euro Zuschlag werden jedenfalls nicht kommen, das Kulturhauptstadtbüro ist mittlerweile geschlossen. Das Ja aus Brüssel wäre ein Wechsel auf die Zukunft gewesen, nicht die Belohnung wie für den gelungenen Strukturwandel im Ruhrgebiet.
Zwei Millionen Euro hat die Stadt Görlitz in den letzten vier Jahren in die Bewerbung investiert, knapp 500.000 Euro kamen vom Land und von Sponsoren dazu. In der Politik hofft man jetzt auf das Jahr 2016. Dann wird Polen die Kulturhauptstadt stellen. Und dann werden sich Zgorzelec und Görlitz erneut zusammen bewerben, so hat es jedenfalls der polnische Oberbürgermeister angekündigt.
Und bis dahin? Abwarten und Tee trinken in Görlitz? Christian Weise, der Architekt und Betreiber einer Pension, schüttelt den Kopf:
"Ich hoffe, und das ist sicher auch eine Aufforderung an die Kommunal- und Landespolitik, diese Zusagen, die man gegeben hat kurz nach der Entscheidung, auch ernst zu nehmen. Also darauf wartet natürlich der Görlitzer."
