Ein Ein-Mann-Hörspielspektakel

Cover der englischsprachigen Ausgabe des sechtsen Harry-Potter-Bands. © AP
Rezensiert von Wolfgang Schneider · 24.02.2006
Für seine millionenfach verkauften Harry-Potter-Aufnahmen hat Rufus Beck bereits zahlreiche Gold- und Platin-Schallplatten bekommen – das hat es vorher bei Hörbüchern nicht gegeben. Jetzt ist auch der sechste Band der Reihe, "Harry Potter und der Halbblutprinz", in der Hörfassung erschienen. Rufus Beck ist der Mann mit den vielen Stimmen und genauso lieben in seine Fans.
Dem sechsten Harry-Potter-Band kommt die etwas undankbare Aufgabe zu, das bisherige Geschehen zusammenzufassen und den Boden fürs Finale zu bereiten. Was das Zusammenfassen betrifft – vieles davon leistet Joanne K. Rowling in der grandiosen Eingangsszene, die vom bisherigen Schema abweicht. Nicht bei Harrys Ersatzeltern, den bis zum Anschlag karikierten Dursleys, setzt dieser Band ein, sondern im Büro des britischen Premierministers.

"Mit einem leichten Schaudern stand der Premierminister auf, trat hinüber zu den Fenstern und sah hinaus in den feinen Nebel, der sich gegen die Scheibe drückte. In diesem Moment (...) hörte er hinter sich ein leises Husten. Er erstarrte, Nase an Nase mit seinem erschrocken wirkenden Spiegelbild in der dunklen Scheibe. (...) Er drehte sich ganz langsam dem leeren Zimmer zu.
'Hallo?' sagt er und bemühte sich, mutiger zu klingen als er sich fühlte. Einen kurzen Moment gab er sich der aberwitzigen Hoffnung hin, niemand würde ihm antworten."

Da kündigt sich ungebetener Besuch an, vom Zaubereiminister, der den Premier auf den neuesten Stand von Lord Voldemorts üblen Machenschaften bringt, die in massenmörderischem Maß nun auch die Muggelwelt bedrohen. Kampf gegen den Terror ist angesagt.

Der Potter-Saga, die vom Kinderbuch längst auch zur Erwachsenenlektüre avancierte, wurde gelegentlich Eskapismus vorgeworfen. Dem widersprechen solche realitätsbezogenen Handlungsmomente und überhaupt die zunehmende Verdüsterung der Reihe. In der Parallelgesellschaft der Zauberer spiegelt sich die Menschenwelt; vieles kehrt in amüsant verfremdeter Form wieder – vom Sportfanatismus (die manchmal etwas nervtötenden Quidditch-Turniere) bis hin zur eigenen Infrastruktur mit Eulenpost, Askaban-Gefängnis, Medien wie dem "Tagespropheten" und Klatschjournalisten wie Rita Kimmkorn. Nichts Menschliches ist den Zauberern fremd, mögen sie auf die profane Muggelwelt auch mit überlegenem Spott herabblicken.

Auch den sechsten Band macht Rufus Beck wie gewohnt zum Ein-Mann-Hörspielspektakel. Jeder Gestalt verleiht er eine eigene Stimme, und man ist gespannt, was ihm bei wachsender Figurenzahl noch einfällt. Hoch, tief, heiser, geschmeidig, gehaucht, schnell oder langsam: Irgendwie findet er immer wieder markante Töne, um jemandem Profil zu geben.

Im neuen Band wird ein weiterer Lehrer eingeführt: Horace Slughorn, zuständig für magisches Gebräu. Ein gemütlicher Typ, wenn auch nicht über jeden Zweifel erhaben. Beck greift hier, wie schon öfter, auf deutschen Dialekt zurück, mit überzeugender Wirkung:

"'Nun denn', sagte Slughorn, kehrte vor die Klasse zurück und blähte seine ohnehin schon gewölbte Brust, dass die Knöpfe an seiner Weste abzuspringen drohten, 'ich habe ein paar Zaubertränke für Sie vorbereitet, nur mal zum Anschauen, rein aus Interesse, verstehen Sie. Diese Art von Tränken sollten Sie herstellen können, wenn Sie ihren UTZ abgelegt haben. Auch wenn Sie sie noch nicht selbst gemacht haben, dürften Sie von Ihnen gehört haben. Kann mir jemand sagen, was das da für einer ist?'"

Mittlerweile sorgen bei den Schülern die Hormone für amourösen Überschwang oder störrische Launen. Den Entwicklungssprung in die Adoleszenz vermittelt Beck durch die Stimmlage. Harry wirkt nicht mehr so hochatmend, er strahlt eine gewisse coole Jungmännlichkeit aus. Sein Mentor Albus Dumbledore, Direktor von Hogwarts, stirbt in diesem Band – man ahnt es vorher, denn Beck lässt den weisen Alten dieses Mal noch ein wenig gütiger, heiserer und zerbrechlicher klingen als bisher.

Man genießt das Stimmentheater des Rufus Beck und die Widererkennungseffekte. Längst ist einem sein rauhkehliger Gemütsriese Hagrid, der sich auch als Vorsitzender eines Bikerclubs gut machen würde, ans Herz gewachsen.

"Ich meine, es war immer schon ein gewisses Risiko, ein Kind nach Hogwarts zu schicken, oder? Es ist ja zu erwarten, dass mal was passiert, wenn minderjährige Zauberer da gleich zu Hunderten zusammenstecken. Aber ein versuchter Mord, das ist etwas anderes."

Schon beim zwielichtigen Professor Snape jedoch, der nun endlich Verteidigung gegen die dunklen Künsten lehren darf und eine zentrale Figur dieses Bandes ist, wirkt das intrigant-aalglatt-höhnisch-hämische Hörprofil, das Beck ihm verleiht, auf Dauer etwas penetrant und überpointiert. Geradezu nervtötend wird seine Darbietung regelmäßig bei den Elfen.

"'Kreacher darf Harry Potter vor Dobby nicht beleidigen, nein, nein, oder Dobby stopft Kreacher das Maul', schrie Dobby mit schriller Stimme."

Sie kreischen und keifen, so steht es im Buch. Aber es ist eine Sache, zu lesen "er kreischte", und eine ganz andere, lauthals vorgekreischt zu bekommen. Es ist, als wollte Beck uns beweisen: So wie ich könnt ihr selbst nicht lesen. Er demonstriert, dass er der Herr der Interpretation ist und dem Text mit dem Klang auch die Bedeutung gibt.

Dass "Harry Potter" sich indes auch ganz anders lesen lässt, zeigt der Engländer Stephen Fry. In Großbritannien sind seine Hörbuchfassungen nicht weniger erfolgreich, obwohl Fry sehr zurückhaltend vorträgt: nicht mit hundert Stimmen, sondern mit einer einzigen. Das ist britische Dezenz. Wir Deutsche dagegen mögen es überdeutlich, gewissermaßen knallbunt. Spaß macht es trotzdem.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Halbblutprinz
Gesprochen von Rufus Beck.
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
22 CDs, ca. 1.540 Min.,
Der Hörverlag 2006
89,95 Euro