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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 29.09.2006

Ein dunkles Kapitel in der DFG-Geschichte

Vergangenheitsbewältigung bei der Deutschen Forschungsgesellschaft

Moderation: Jürgen König

Die DFG war in die NS-Eroberungs- und Vernichtungspolitik involviert (AP Archiv)
Die DFG war in die NS-Eroberungs- und Vernichtungspolitik involviert (AP Archiv)

Innerhalb der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) hat es während der NS-Zeit keinen nennenswerten Widerstand gegen die Diktatur gegeben. Im Gegenteil: Die meisten Wissenschaftler hätten sich skrupellos der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik zur Verfügung gestellt, sagte der Wissenschaftshistoriker Rüdiger vom Bruch anlässlich der Ausstellungseröffnung "Wissenschaft, Planung, Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten".

Jürgen König: "Generalplan Ost". Unter diesem Titel beschrieb der Berliner Agrarwissenschaftler Konrad Meyer im Jahr 1942, wie die Nazis den Osten "germanisieren" wollten, nämlich innerhalb von 25 Jahren sollten fast fünf Millionen Deutsche im annektierten Polen und im Westteil der Sowjetunion angesiedelt werden. Um für sie Platz zu schaffen, sollten Millionen slawischer und jüdischer Bewohner vertrieben oder ermordet werden. Die Forschungsarbeiten für diesen "Generalplan Ost" wurden damals in nicht geringem Umfang von einer Einrichtung bezahlt, die es heute noch gibt: von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG, heute in Deutschland die zentrale Förderorganisation für Forschung. Dass die Machenschaften des Nazi-Regimes verbrecherisch waren, weiß man lange. Wie skrupellos viele Wissenschaftler, viele wissenschaftlichen Einrichtungen damals mittaten, das dokumentiert jetzt die Deutsche Forschungsgemeinschaft in einer Studie und in einer Ausstellung im Bonner Wissenschaftszentrum, der diese Studie zugrunde liegt. Diese Studie wurde erarbeitet im Auftrag der DFG von einer größeren Gruppe von Wissenschaftlern. Einer von zwei Forschungsleitern ist Professor Rüdiger vom Bruch, Wissenschaftshistoriker an der Humboldt-Universität Berlin.

Die DFG ist heute in Deutschland die zentrale Förderorganisation für Forschung. Sie hat ihre Rolle in der NS-Zeit lange in den Hintergrund gerückt. Warum jetzt? Und natürlich muss man auch hier fragen: Warum erst jetzt dieser Schritt, das düsterste Kapitel ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten?

Vom Bruch: Ja das gilt ja nicht nur für die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das gilt im Grunde für Wissenschaftseinrichtungen und für Wissenschaftler insgesamt. Wir beobachten, dass zunächst einmal in den frühen 60er Jahren es eine erste Welle gab, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Aber in der Tat ist es so: Offenbar muss es die Enkelgeneration sein, die über keine persönlichen Bezüge mehr zu ihren unmittelbaren Lehrern verfügt, welche damals also da beteiligt gewesen waren. Und zum anderen ist es immer sehr schwierig, wenn eine Organisation, eine anonyme Einrichtung sozusagen Verantwortung übernehmen soll, will, Verantwortung übernimmt für eine Vorgängerorganisation - denn die DFG ist 1949 neu gegründet worden, im Grunde eine ganz ähnliche Situation wie bei der Max-Planck-Gesellschaft, die unter dem Namen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bestand, auch erst in den letzten Jahren ihre Vergangenheit aufgearbeitet hat. Ich glaube, es spielt auch eine ganz große Rolle, dass die herausragende Persönlichkeiten an der Spitze dieser Organisation, das war bei der Max-Planck-Gesellschaft Professor Markel, das ist jetzt bei der DFG Professor Winnacker, dass die persönlich mit großer Initiative das befördert haben.

Hier, bei dem Projekt zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, geht es nicht nur um die NS-Zeit, sondern wir behandeln den Zeitraum von etwa 1920, also von der Gründung der DFG, bis in die 1970er Jahre hinein. Aber nicht etwa, wie manche vielleicht glauben könnten, um die Nazi-Zeit zu relativieren oder einzuebnen, sondern eigentlich nur deswegen, um bestimmte Kontinuitäten, Diskontinuitäten deutlich werden zu lassen: Was war bereits aus der Zeit vor 1933 anschlussfähig? Welche Denkstile, welche Methoden, welche Formen des wissenschaftlichen Arbeitens wirkten nach 1945 weiter? Das sind Dinge, die uns sehr interessieren, die wir uns an Persönlichkeiten, an einzelnen Fachgruppen, Fächern, an einzelnen Forschungsproblemen anschauen. Aber natürlich im Zentrum immer wieder: die NS-Zeit selber.

König: Und auch natürlich, dass man schön zeigen kann, wie manche NS-Karrieren nach dem Krieg sich noch weiter fortsetzten.

Vom Bruch: Absolut. Denn die berühmte "Stunde Null" war keine Stunde Null, zumindest also was den Wissenschaftsbetrieb anbelangt - auch in anderen Bereichen, nicht? Aber im Wissenschaftsbereich können wir das jetzt sehr deutlich sehen. Es ist verblüffend, um es einmal so neutral auszudrücken, zu sehen, wie viele wissenschaftliche Karrieren nach kurzem Einbruch dann nach 1945 fortgesetzt werden konnten. Konrad Meyer, der eigentliche Autor dieses "Generalplan Ost", ist alles andere als eine Ausnahme.

König: Wie würden Sie das beschreiben? Wie stark war die DFG in die Nazi-Diktatur, in diese ganze Eroberungs- und Vernichtungspolitik verstrickt?

Vom Bruch: Als die zentrale Forschungsförderorganisation war sie eindeutig verstrickt, zumal in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, die der Leiter der DFG beziehungsweise des Reichsforschungsrats, den es daneben gab und der vor allen Dingen für naturwissenschaftlich-technische Fragen zuständig war, von hohen SS-Offizieren geleitet worden ist, also die Verbindung von zivilem, militärischem, Parteibereich war außerordentlich eng - obwohl man allerdings auch dazu sagen muss, dass bereits sich 1933 die DFG in freiwilliger Weise sehr rasch an die Ideologie angepasst hat. Und das führt natürlich auf die Frage, warum eigentlich auch moralische Bedenken eine so erschreckend geringe Rolle gespielt haben. Ich glaube, das Entscheidende ist hierbei: Die meisten Wissenschaftler waren zum einen geprägt durch die Erfahrung des Ausgangs des Ersten Weltkriegs - Deutschland hatte verloren, Deutschland hatte große Gebiete verloren, Deutschland war wirtschaftlich ruiniert. Das heißt, das zentrale Stichwort war im Grunde für die meisten, auch hier bei uns beteiligten Wissenschaftler, also in der DFG: Wiederaufstieg zur deutschen Größe.

König: Aber ich meine, wenn es dann um Deportation, um Euthanasie geht, dann kann ja eine solche "nationale" Motivation, die man ja zumindest intellektuell nachvollziehen kann, das kann man dann nicht mehr verstehen.

Vom Bruch: Vollkommen richtig. Versuchte nur zu erklären: Es gab bestimmte Voraussetzungen, an die angeschlossen werden konnte. Also das war der Wiederaufstieg. Das war aber auch: Die Leitkategorien hatten sich geändert. An sich ist eine Leitkategorie der Wissenschaft - oder: nicht an sich, sondern grundsätzlich -, ist der einzelne Mensch. Aber in dem Moment, wenn Sie den Körper des einzelnen Menschen austauschen gegen einen Volkskörper, gegen einen anonymen Volkskörper, da spielt der einzelne Körper keine Rolle mehr. Das heißt, sie können mit dem Experimente anstellen, immer in dem Sinne: Es dient ja zum Wohle des Volkskörpers. Ich glaube, das war eine ganz wichtige Denkfigur. Ein zweiter Punkt ist: Jede Wissenschaft lebt von den Widerhaken, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Es muss also den kritischen Dialog geben. Aber in einem System, das Ideologie zur Staatsdoktrin macht, gibt es diese Widerhaken nicht mehr. Das heißt: Forscher neigen ja prinzipiell dazu, Grenzen zu überschreiten. Man sagt: Im Dienste der Wahrheit, das ist im Kern sicherlich richtig, aber es bedeutet, Grenzen zu überschreiten - jeder Art -, um Neuland zu entdecken. Und das bedeutet auch, ethische Grenzen, wenn da nicht also Grenzen gesetzt werden und wenn diese Grenzen nicht mehr in einem kritischen Diskurs, nicht mehr in einer zivilgesellschaftlichen Gesellschaft - wie wir das etwa in den heutigen Ethik-Diskussionen in den Biowissenschaften ja erleben, schwierig genug -, wenn solche Korrelative nicht mehr bestehen, dann tun Wissenschaftler genau das, was sie tun können, ohne irgendwie sich selber auch Grenzen auszusetzen. Das ist das Erschreckende, was wir immer wieder in der NS-Zeit feststellen.

König: Spielt da auch eine Rolle, dass wer nicht mittat dabei, als Wissenschaftler keine Chance mehr hatte?

Vom Bruch: In gewisser Weise. Ich will es mal andersherum sagen: Widerständigkeit im Sinne eines aktiven Widerstandes hat es kaum gegeben. Das haben wir bei der DFG praktisch nicht beobachten können. Auch in anderen Wissenschaftsbereichen - es gab eine Untersuchung zur Berliner Universität in der NS-Zeit und vor allem während des Zweiten Weltkrieges: drei, vier Personen, mehr sind es nicht. Die meisten haben im Grunde ihre Chance genutzt. Man darf natürlich auch nicht dabei übersehen, etwa Konrad Meyer ist typisch dafür: Es waren überwiegend sehr junge Leute, jung als das NS-System '33 begann, die vorher aufgrund der Weltwirtschaftskrise, anderer Faktoren glaubten, keine Chancen zu haben in akademischen Berufen und auf einmal waren alle Chancen offen. Und für diese Chancen, um diese Chancen zu nutzen, hat man skrupellos sich zur Verfügung gestellt. Wie überhaupt, es ist ja nicht so, es war keine verführte Wissenschaft. Wir haben oft diesen Begriff verführte Wissenschaft. Das führt in die Irre. Im Grunde haben die Wissenschaftler die Politik und deren Ideologie durchaus als Ressource für ihre eigenen Interessen verstanden und sehr energisch genutzt.

König: Die DFG habe offenbar keine großen Schwierigkeiten gehabt, sich an das NS-Regime anzupassen, sagte ihr heutiger Präsident, Professor Winnacker jetzt bei der Ausstellungseröffnung in Bonn. Und weiter: Die DFG sei dabei weniger von den Machthabern missbraucht worden, sondern habe sich ihnen vielmehr selbst dienstbar gemacht. Das ist eine Feststellung, die schon sehr schwer wiegt. Wie wird innerhalb der DFG heute über diese Zeit gesprochen? Ich finde es mutig, einen solchen Schritt zu machen, zu sagen: Wir schauen auf die Vergangenheit, aus der wir letztendlich hervorgegangen sind. Wie wird darüber heute gedacht, gesprochen, auch gefühlt?

Vom Bruch: Die Ausstellungseröffnung, die wir gestern gehabt haben, zeigt eigentlich sehr deutlich, wie intensiv das die DFG bewegt. Es ist ja nicht nur Präsident Winnacker, sondern es wird in der DFG seit Jahren intensiv über dieses Problem diskutiert. Die Forschergruppe, die Ulrich Herbert und ich leiten, gibt es seit fünf Jahren und mittlerweile liegen also Ergebnisse vor. In der DFG hat ein Mitarbeiter von uns vor einigen Wochen einen Vortrag gehalten, wo 300 Mitarbeiter anwesend waren. Das zeigt also, wie stark das Interesse innerhalb des Hauses also selbst ist. Bei der Einweihung von zwei Stelen, ein Mahnmal im Garten der DFG, gestern, war ein sehr reges Interesse. Bei der eigentlichen Eröffnung der Ausstellung im großen Sitzungssaal waren knapp 250 Personen anwesend. Das zeigt also, wie innerhalb der DFG selber, neben den geladenen Gästen natürlich, wie innerhalb der DFG selber diese Dinge diskutiert werden. Und Präsident Winnacker kann da auf die Unterstützung und Teilnahme eines ganz großen Teils der Mitarbeiter des Hauses rechnen.

König: Gibt es auch so etwas wie Scham?

Vom Bruch: Ja. Das ist genau der entscheidende Begriff, der in sehr prägnanter Weise bereits vor dieser Veranstaltung in der DFG bei einer Veranstaltung der Max-Planck-Gesellschaft von dem damaligen Präsidenten Hubert Markel formuliert worden war, bei einer Veranstaltung, wo es um Zwillingsversuche in Auschwitz gegangen ist, an denen die damalige Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, also Vorgängerin der Max-Planck-Gesellschaft, maßgeblich beteiligt war, wie man überhaupt sagen muss, dass auch die DFG selbstverständlich darin involviert war, weil die DFG sowohl die - heute wie damals -, sowohl die universitäre als auch die außeruniversitäre Forschung zu erheblichen Teilen finanziert und damit auch die Forschung der Max-Planck-Gesellschaft beziehungsweise damals Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Und so, wie Markel das damals formulierte, ist es unübertrefflich. Und daran hat Herr Winnacker gestern angeschlossen. Das ist eindeutig eine Scham über das, wozu Forscher in der Lage gewesen sind - nicht im Grunde nachzuvollziehen, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. Denn wir sind nicht die Täter, aber wir stehen in dieser Verantwortung. Wir können nicht vom Welt- oder vom Ruhm einer deutschen Wissenschaft reden oder von der internationalen Bedeutung, wenn die gleiche Wissenschaft und ihre Einrichtungen solche Dinge vorher gemacht haben.

König: Der Wissenschaftshistoriker Professor Rüdiger vom Bruch von der Humboldt-Universität Berlin, Mitverfasser einer Studie über die NS-Vergangenheit der DFG, der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Ausstellung "Wissenschaft, Planung, Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten" ist bis zum 27. Oktober im Bonner Wissenschaftszentrum zu sehen.

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