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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.07.2011

Ein Dissident beschreibt das Grauen in Chinas Gefängnissen

Liao Yiwu: "Für ein Lied und hundert Lieder", Fischer Verlag, 582 Seiten

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Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu (picture alliance / dpa)
Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu (picture alliance / dpa)

30 Mann auf 20 Quadratmetern, dazu Dreck, Gestank und Gewalt: Liao Yiwu schildert den harten Alltag chinesischer Häftlinge - und provoziert damit den Zorn der kommunistischen Führung. Möglich wurde die Veröffentlichung nun erst durch Liaos Flucht nach Berlin.

Bis 1989 war Liao Yiwu ein unpolitischer Dichter, der Schönes bedichtete und im staatlichen Literaturbetrieb sogar ein kleines Salär erhielt. "Es ging um Kunst", resümiert er heute, "was im Land vor sich ging, bekam ich nicht mit." Obwohl er Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zunächst als "importiertes Zeug" verflucht, reißen ihn die Studentenunruhen mehr und mehr mit. Auf dem Höhepunkt der Demonstrationen, die schließlich in einem Blutbad enden, schreibt er die beiden Langgedichte "Massaker" und "Requiem". Es dauert nicht lange, da liegen die Gedichte auch der chinesischen Staatssicherheit vor. Im Zuge einer großen Verhaftungswelle wird Liao 1990 festgenommen und vier Jahre lang als "literarischer Brandstifter" in verschiedenen Gefängnissen interniert. Von dieser Zeit der Unruhen und der zähen Gefängnisjahre handelt sein Buch "Für ein Lied und hundert Lieder".

Zunächst landet Liao Yiwu für einige Monate im Untersuchungsgefängnis – 30 Mann auf 20 Quadratmetern. Später wird er in andere Gefängnisse verlegt und zur Umerziehung durch Arbeit geschickt. Dreck, Gestank, Obszönitäten und Gewalt beherrschen den Zellenalltag. Die Gefangen foltern einander gegenseitig oder werden vom Wachpersonal mit Elektroknüppeln zusammengeschlagen. Besonders brisant ist, dass Liao Zellengesellschaften kennenlernt, die die realen politischen Machtverhältnisse draußen im Land auf erschütternde Weise kopieren: Ein paar Obere regieren mithilfe von Handlangern und Brutalität viele Untergebene. Einer der Zellenchefs meint sogar, dass es nur eine Frage des Glücks sei, ob man es als Chinese bis ins Zentralkomitee schaffe oder in den Knast wandere: "Bei Erfolg König, bei Misserfolg Bandit." Schockierend, dass keiner der Inhaftierten dieses System auch nur eine Sekunde lang in Frage stellt. Jeder versucht allein, sich einzugliedern und kleine Vorteile zu erlangen.

Damit die Staatsmacht – so Liao – historische Fakten nicht mehr "ununterbrochen ändert, austauscht und beseitigt", musste er zum Chronisten werden. "Gib den Dichter auf und werde ein Zeuge der Geschichte", sagte er sich nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989. Obwohl sein Text zweimal konfisziert wurde, hat er nicht gezögert, seine Erlebnisse ein drittes Mal aufzuschreiben. Dieser Text liegt nun auf Deutsch vor.

Liaos Erzählung ist manchmal sprunghaft, und viele Charaktere bleiben flach. Außerdem könnte das Buch, das in erster Linie beschreiben will, auch etwas analytischer sein. Dennoch liegt mit "Für ein Lied und hundert Lieder" ein politisches Zeugnis erster Güte vor, das erstmalig umfassend den Alltag in chinesischen Gefängnissen beschreibt. Neben schmerzhaften Schilderungen alltäglicher Gewalt besitzt das Buch aber auch viel Witz: Ein von Gefangenen inszeniertes Gedenken für einen Todeskandidaten etwa beginnt als naives Lumpentheater und wächst sich nach und nach zu einer großartigen, urkomischen Politsatire aus.

Liao Yiwu hat das Ansehen der Chinesen nicht beschmutzt, wie ihm die KP vorwirft. Er hat einfach nur genau hingeschaut und entdeckt, wie misstrauisch, verroht und gebeutelt seine Landsleute sind. Dass das so ist, ist nicht Liao Yiwus Schuld.

Besprochen von Katharina Borchardt

Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen
Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann
Fischer Verlag
582 Seiten, 24,95 Euro

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