Ein Daumenkinograph

Von Katja Bigalke · 08.03.2006
Daumenkinos sind kleine Bilderschichten, die einen ersten Eindruck vom Film vermitteln. Der Berliner Daumenkinograph Volker Gerling, der schon mehrmals auf Deutschland-Tour war, zeigt, dass damit noch viel mehr gemacht werden kann. Menschen sind dabei für ihn ein unerschöpflich interessantes Thema.
"Da war gerade der Zeitungsverkäufer vor mir."

Volker Gerling betritt das kleine Café am Prenzlauer Berg trotzdem. Falsche Rücksicht kann er sich in seinem Beruf nicht leisten. Behutsam entfernt er die Schutzdecke seines Bauchladens, ordnet die sechs Pappschachteln auf dem Tablett. Dann baut er sich an einem Ecktisch vor zwei Frauen auf. Ein höflicher, blonder Mann. Eher Wanderertyp als exaltierter Künstler.

"Ich frage Sie, ob Sie Lust haben meine Daumenkinoausstellung zu besuchen. Der Eintritt ist frei und die Ausstellung besteht aus Daumenkinos, die Spaß machen. Und wenn es Ihnen gefällt können Sie danach einen symbolischen Austritt bezahlen."

Die beiden Frauen sind amüsiert. Gerling öffnet die Pappschachtel, holt ein Daumenkino hervor. Auf dem Titelfoto ist ein alter Mann mit Schirmmütze zu sehen.

"Soll ich Ihnen mal eins vorführen?" - "Das ist ein Gruß aus Wannsee."

Gerlings Daumenkino besteht nicht aus Zeichnungen, sondern akkurat hintereinander geklebten Schwarz-Weiß-Fotos. Der alte Mann auf den Bildern guckt erst verlegen, zieht dann die "Berlin-Baseballkappe" vom Kopf, streicht sich über die Glatze. Die beiden Frauen lachen, wollen nun selber Daumenkino vorführen.

"'Ich greif mir eins!' - da gibt's auch Themen - ich sag mal, wie die heißen: Das heißt Männerklo, das heißt zwei Männer mit Maske, das heißt Mädchen mit langen und kurzen Haaren."

Die Frauen entscheiden sich für: "Männerklo". Im Zeitraffer 21 Stunden Standaufnahme aus der Herrentoilette der Schaubühne. Rushhour und Stillstand vor den Urinalen. Für die 36 Kleinbildaufnahmen braucht der Daumen 13 Sekunden.

"Da ist richtig Bewegung, wa? Kenn ich von früher als Kind, kann ich mich auch noch dran erinnern."

Der 37-jährige Volker Gerling nennt sich selbst einen "hauptberuflichen Daumenkinographen".

"Das ist jemand, der davon lebt, fotografische Daumenkinos zu zeigen und herzustellen. Ich habe mich spezialisiert, Menschen zu porträtieren. 36 Mal fotografiere ich sie mit einer Spiegelreflexkamera. Jeder ist es gewohnt, fotografiert zu werden, aber nicht so oft. Die ständig klickende Kamera rüttelt die Menschen irgendwie raus aus ihren Posen. Das zwingt sie, etwas zu tun oder zu machen. So etwas kriegt man nur im Daumenkino hin."

Der Kameramann ist beim Filmstudium in Potsdam auf seine skurrile Profession gekommen. Eine Freundin stand bei einem Waldspaziergang Modell für seinen ersten Daumenkinoversuch.
"Ich hab' sie dann gebeten, sich hinter einem Baum zu verstecken, hervorzukommen und wieder zu verschwinden. Ich hab nicht berücksichtigt, wie dick der Baum ist, sie kam immer hervor, wo ich sie nicht erwartete. Ich hab' sie dann in meiner Wut angeschrieen: 'Jetzt komm raus' und das war zu viel für, und dann fing sie an zu weinen und im Daumenkino sieht man dann noch ihre Drehung im Wald wie sie ein paar Schritte weg macht von der Kamera und als ich dann das Ergebnis gesehen habe, war ich natürlich sehr enttäuscht und hätte das möglicherweise ganz weggetan, wenn es nicht den Moment gegeben hätte als sie die Fassung verliert. In dem Moment hab ich viel von ihr entdeckt und einen großen Zauber empfunden und dieser Kraft und Poesie gehe ich bis heute noch in meinen Daumenkinos nach."

Vor acht Jahren war das, und seitdem sind viele Bildergeschichten hinzugekommen. Da gibt es die Frau, die sich die langen lockigen Haare abrasiert mit geschlossenen Augen. Dann öffnet sie die Augen und sieht im Spiegel ein neues Gesicht. Eine andere Frau knöpft ihre Bluse auf - Gerlings erotisches Daumenkino. Und dann gibt es noch das junge Teenagerpaar, das miteinander knutscht, während die Freundin daneben verlegen in die Kamera grinst.

"Die Leute gucken einen sehr unmittelbar an. Und das kommt einem ja sehr nah und die bewegt man ja auch kraft eines Daumens. Auf einmal werden die Menschen ja in der Hand lebendig - das erste Mal, dass ich das gemacht habe, war das wie Zauberei, wie ich mir als Kind gewünscht habe, dass die Sachen lebendig werden."

Gerlings Daumenkino schafft intensive Momentaufnahmen und eine spezielle Verdichtung der Zeit. Für "Blick aus meinem Fenster auf den Fernsehturm vom Alexanderplatz" hat er sich ein Jahr Zeit genommen. An manchen Tagen verschwindet der Turm einfach im Nebel.

"Ist sehr schön: Der Fernsehturm kommt und geht - und mit ihm die Jahreszeiten."

Inzwischen zeigt Volker Gerling seine Daumenkinos auch in Theatersälen. Er hält die Daumenkinos unter eine Kamera und projiziert sie auf eine Leinwand. Begleitet wird er dabei vom Saxophonisten Leon Bockemühl. Das ist dann großes Daumenkino.

Seinen Anfängen in Berliner Kneipen bleibt er trotzdem treu. Etwa vier Mal im Monat ist er mit seinem Bauchladen unterwegs.

"Blättern durch - kleines Lachen - darf ich noch eins – na klar - klickt da durch. Jetzt müssen wir noch Austritt bezahlen."

Den Preis für den Besuch der Ausstellung, den "Austritt", bestimmt jeder selbst. Gerling und seine Tochter können gut leben vom Daumenkino. Ausstellungen und Stipendien runden das Gehalt auf. Aber auch jeder Besucher zahlt im Schnitt drei Euro für die Wanderausstellung. Da wird jeder Zeitungsmann ganz neidisch.


Service:
Volker Gerling wird in Bonn mit der Daumenkinoinstallation "Berlin-Basel" als Gastkünstler in der Ausstellung "Glückswünsche" vertreten sein. Sie ist vom 5.3. bis 26.3.2006 im Künstlerforum Bonn zu sehen.