Ein Bösewicht mit Sex Appeal

Szene aus dem Musical "Tanz der Vampire" in Hamburg: der Blutsauger als Held. © AP-Archiv
Von Gerd Brendel · 04.04.2012
Vampire sind tödlich, sie trinken Blut und scheuen das Licht. In der Literatur - und in jüngster Zeit auch auf der Leinwand - sind sie trotzdem so begehrt wie kein anderes unsterbliches Wesen.
"Wie war's wenn wir jetzt anfangen? Sie möchten also, dass ich ihnen meine Lebensgeschichte erzähle? Ich erzähl Sie ihnen. Ich erzähle ihnen alles. ..Uaaaah. Wie haben Sie das gemacht? Ich bin aus Fleisch und Blut, aber ich bin kein Mensch."

Mochte der Vampir auch das Tageslicht scheuen, das Licht der Öffentlichkeit suchte er, immer wieder, egal ob als Louis in Interview mit einem Vampir von Anne Rice, Nosferatu, oder als Graf Dracula.

"Hier junger Herr , ein Brief für Sie von - vom Grafen Dracula, meine Güte, die Frau bekreuzigt sich ja, warum bloß , geben Sie her: Lieber Freund, meine Kutsche erwartet Sie auf der Höhe des Borgo-Pass.. Ihr Freund Dracula"

Bram Stokers berühmtes Dracula-Buch kommt nur zustande, weil sich der Blut trinkende Graf auf seinem Schloss in Transsylvanien langweilt und sich den jungen John Harker aus dem modernen England einlädt.

"Wissen Sie denn, wohin Sie gehen, und zu wem Sie gehen?"

Natürlich, wissen wir das. Stoker schildert Dracula als charismatischen Gastgeber:

"8. Mai. Mitternacht. Ich habe lange mit dem Grafen geplaudert.. Seine Augen sprühten vor Stolz, als er von dem Woivoden Dracula sprach, der die Donau überschritt und die Türken auf eigenem Boden schlug. Seine Erzählungen von Personen, Ereignissen, besonders Schlachten, waren so anschaulich, dass man hätte glauben können, er hätte alles selbst miterlebt. Wenn er von seiner Familie sprach, sagte er immer 'wir'."

Was nur logisch ist, denn der Vampir erzählt sein eigenes Leben, das mit dem Woivoden Vlad Dracul Tepesch beginnt: Geboren 1431 in Sighisora oder Schäßburg, angeblich in der Schlacht ermordet ,1477.

Zeit seines irdischen Lebens führte Vlad Krieg, besonders gegen die Osmanen. Und schon seine Zeitgenossen berichten, wie grausam Vlad seine Gefangenen bestrafte: Er ließ sie mit Vorliebe pfählen.

Als Bram Stoker fünf Jahrhunderte später einen Wohnort für seinen Vampir sucht, entdeckt er in einem Reisebericht über die "Fürstentümer der Walachei und Moldaviens" den entscheidenden biografischen Hinweis auf Tepesch und erkennt in ihm seinen nostalgisch veranlagten Dracula wieder.

Das erste Mal allerdings war der Vampir knappe 100 Jahre früher in einem Roman von John Polidori und Lord Byron aufgetaucht. Darin erweist sich der Blutsauger, der hier Lord Ruthman heißt, als echtes Kind der Romantik, leidenschaftlich, geheimnisvoll, unkonventionell. Schon damals zeigte die Dreiecksgeschichte zwischen Vampir seinem besten Freund Aubrey und dessen Schwester ein wesentlicher Charakterzuge des Untoten:

"Der Vampir ist mit Sicherheit polymorph pervers","

weiß der Literaturwissenschaftler Dino Heiken

""Sämtliche Formen der Sexualität kann dieser Vampirbiss transportieren, das ist ganz klar, da kann jeder das wiederfinden, was er wiederfinden mag, es ist offen für alles. Bei Polidori: Dass es da ein Geheimnis gibt zwischen zwei Männern, über das man nicht redet, das ist ne Metapher für Homosexualität. Bei Bram Stoker gibt es das auch, in dem Moment, wo Harker diese Vampirbräute trifft und als passives Opfer daliegt und darauf wartet, dass er gebissen wird, und dann funkt in allerletzter Sekunde Dracula dazwischen und sagt ganz konkret : Weg da, dieser Mann gehört mir."

Vielleicht ist das der Grund für den vorletzten Karrieresprung unseres Helden als Leinwandstar:

"1922 'Nosferatu': Symphonie des Grauens, 1930: Dracula mit Bela Lugosi, 1935: Das Zeichen des Vampirs, 1958: Dracula mit Christopher Lee, 1960: Dracula und seine Bräute, 1968: Draculas Rückkehr und Dracula und seine Opfer, 1970: Dracula - Nächte des Entsetzens, 1971: Dracula im Schloss des Schreckens, 1976: Dracula jagt Mini-Mädchen. 1978 Dracula... "

Nosferatus romantische Ader kam dabei allerdings zu kurz, bis Anne Rice 100 Jahre nach Bram Stoker ihre Gentleman-Vampire das literarische Mondlicht erblicken ließ. In "Interview mit einem Vampir" durften Vampire auch mal was anderes tragen als den langweiligen schwarzen Umhang und sich auch ansonsten von ihrer schönen Seite zeigen. Harmloser wurden sie dadurch nicht.

"Gott tötet ohne Unterschied, das sollten wir auch tun."

Keine Wunder, dass der Vampir genauso wenig wie Gott tot zu kriegen ist. Zur Zeit . Er hat gelernt, auch im Sonnenlicht zu überleben und sich von synthetischem Blut zu ernähren. Seit ein paar haben er und seine weitverzweigte Familie den Mainstream als neue Heimat entdeckt. In der Erfolgsserie "True Blood" kämpfen sie wie andere Minderheiten um Toleranz und das Verständnis der sterblichen Mehrheitsgesellschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass der Vampir von heute, dabei nicht vergisst, was jahrhundertelang seinen Sex Appeal ausmachte. Denn ohne seine Abgründe wäre die Welt bald so langweilig wie eine US-amerikanische Vorstadt und wir Normalsterblichen wären um eine Sehnsucht ärmer, denn:

"Eigentlich steht der Vampir für das Versprechen, nicht sterben zu müssen, das Versprechen einer endlosen Sexualität ohne Einschränkungen, für die Sehnsucht: Ich lebe, ich leide unter meinem Leben. Und wenn ich jetzt Vampir wäre, wär das Leben leichter."

Das abgrundtief Böse - Themenwoche im Radiofeuilleton vom 2. bis 7. April 2012
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