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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.04.2011

Ein Blick in das Innerste

Herta Müller: "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel", Carl Hanser Verlag, München 2011, 256 Seiten

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Die Schriftstellerin Herta Müller (AP)
Die Schriftstellerin Herta Müller (AP)

"Schreiben", so Herta Müller, sei "zuerst ein Gespräch mit den realen Gegenständen des Lebens." Reale Gegenstände, das sind Kleinigkeiten wie ein Taschentuch, ein Fuchs oder ein Melonenkern, die in den Texten der Nobelpreisträgerin immer wieder eine wichtige Rolle spielen.

Die achtzehn Aufsätze und Essays, die Herta Müller in dem Band "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel" zusammenstellt, wurden zu unterschiedlichen Anlässen zwischen den Jahren 1995 und 2010 verfasst und in Tageszeitungen veröffentlicht, als Dankreden für Ehrungen, in Poetikvorlesungen oder anlässlich der Verleihung des Nobelpreises in Stockholm im Oktober 2009.

Über die Jahre hat sich die Autorin immer in kleinen Dosen, immer mit ähnlichen Themen beschäftigt. In diesen Texten erläutert sie die Dreh- und Angelpunkte ihres Werks. Bestimmte Motive oder Begriffe wie Taschentuch oder Schnee, wie Mais oder Fuchs, wie Melonenkern oder Glücklichsein sind seit Jahrzehnten in ihrer Schreibwerkstatt von zentraler Bedeutung. Weshalb ein ebenso nützlicher wie harmloser Gegenstand wie ein Taschentuch?

Jeden Morgen fragte die Mutter das Schulkind Herta: "Hast du ein Taschentuch?". Oft mag diese Frage dem Mädchen lästig gewesen sein, später hat es verstanden, dass diese Frage eine Art von Zärtlichkeit bedeutete; direkte Zärtlichkeit war unter Bauern nicht üblich. Farbe und Muster des Taschentuchs markierten, gestapelt im Schrank, Werktag und Wochentag, Geschlecht und Alter. Erst der Schriftsteller und enge Freund Oskar Pastior wird Herta Müller darauf aufmerksam machen, dass Taschentuch auf rumänisch "Batista" heißt. Herta Müllers Kommentar: "Wieder mal das sinnliche Rumänisch, das seine Wörter zwingend einfach ins Herz der Dinge jagt".

Die meisten der 18 Essays beschäftigen sich mit zentralen biographischen Momenten: Entwürdigungen, Bespitzelung, Denunziation oder dem Lesen der eigenen Stasi-Akte. Aus den erlebten Verleumdungen durch Worte erklärt Herta Müller ihr eigenes Misstrauen in ihrem Verhältnis zur Sprache: "Weil", schreibt sie, "mit Worten betrogen wird". Eingeschlossen in biographische Episoden zeigt uns die Autorin in diesen Texten nichts Geringeres als den Kern ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, ihren Kampf um das exakte, um das "wahre" Wort. Und natürlich beschäftigt sie sich mit der Person des 2006 verstorbenen Oskar Pastior, dessen IM-Akte unter dem Decknamen Otto Stein 2010 bekannt wurde. Es kann sogar sein, dass Herta Müller das ganze Buch nur deshalb zusammengestellt hat, um ihrem Freund mitzuteilen, dass sie das, was angeblich oder wirklich geschehen ist, scharf verurteilt, dass sie ihn, wäre er noch am Leben, dringend um Aufklärung bitten und dabei in die Arme nehmen würde.

"Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel" ist eine ungemein aufklärende und lohnende Lektüre. "Schreiben", bemerkt Herta Müller im Text "Gelber Mai und keine Zeit", sei "zuerst ein Gespräch mit den realen Gegenständen des Lebens". Selten gewähren Schriftsteller so genauen Einblick in das Innerste ihres Werkes.

Besprochen von Verena Auffermann

Herta Müller: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel
Carl Hanser Verlag, München 2011
256 Seiten, 19,10 Euro

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