Ein Blatt, das Kurs hält

Von Michael Meyer |
Als am 9. November 1990 der "Freitag" erstmals auf den Markt kam, war etwas zusammengewachsen, was nicht selbstverständlich zusammengehörte: Auf der einen Seite die DDR-Wochenzeitung "Sonntag", damals eines der interessantesten Blätter der ostdeutschen Republik und daher "Bückware"; auf der anderen Seite die für ihre DKP-Treue bekannten westdeutschen Zeitungen "Die Tat" und die "Volkszeitung".
Während die Westredakteure einen politisch- aggressiven Ton in die Zeitung brachten, war der "Sonntag" der DDR überwiegend ein Hort nachdenklicher Autoren, die nicht auf SED-Parteilinie schreiben wollten, wie Christoph Dieckmann oder Regine Sylvester. Sie schreiben heute eher in anderen Blättern, etwa in der ZEIT.

Lag anfangs die Auflage des Freitag bei 60.000 Exemplaren, sanken innerhalb von wenigen Jahren die Verkaufszahlen dramatisch - ein Trend, der auch bei anderen Ostzeitungen zu verzeichnen war, etwa bei der "Jungen Welt".

Zwei der Herausgeber, Günter Gaus und Wolfgang Ullmann, sind inzwischen verstorben – doch der "Freitag" ist noch immer ein linkes Blatt, das Kurs hält: Der "Freitag" mutet seltsam modern und antiquiert gleichzeitig an –einerseits legt er Wert auf einen ganz eigenen Blick auf aktuelle Themen mit interessanten Geschichten, etwa über Billigarbeiter für die US-Armee im Irak. Andererseits erinnert der Schreibstil geradezu rührend an die westdeutschen 70er Jahre. Die ideologischen Debatten der Nach-68er- Zeit werden regelmäßig im "Freitag" erneut geschlagen – immerhin gibt es noch immer rund 15.000 Leser, die das offenbar für unverzichtbar halten.

Als Ost-West-Labor ist der "Freitag" zweifellos ein interessantes Phänomen, allerdings fehlt dem Blatt der ironische Zugang zu Themen: Die Zeiten sind so hart, da gibt es nichts zu lachen, scheint das Credo der Redaktion zu sein. Anders etwa als bei der taz sucht man originelle Überschriften oder leichtere Themen inmitten all der Negativmeldungen im "Freitag" vergeblich.