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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.06.2011

Ein bewegtes Leben

Inge Grolle: "Die jüdische Kauffrau Glikl (1646-1724)" Edition Temmen, Hamburg 2011, 196 Seiten

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Im 17. Jahrhundert schrieb die jüdische Kauffrau Glikl ihre Lebensgeschichte (AP)
Im 17. Jahrhundert schrieb die jüdische Kauffrau Glikl ihre Lebensgeschichte (AP)

Memoiren ganz normaler Menschen aufzuzeichnen, war im 17. Jahrhundert nicht üblich. Inge Groll hat die Biografie der jüdischen Kauffrau Glikl verfasst, die in acht Bänden über ihr bewegtes Leben als Witwe und Mutter von zwölf Kindern geschrieben hat.

Bekannt wurde sie als "Glückel von Hameln". Der gut deutsch klingende Name ist eine Erfindung des ersten Herausgebers ihrer Memoiren, als er diese 1896 aus dem Jiddischen ins Deutsche übersetzte und den alle Nachfolger bis in die Gegenwart übernahmen. Er benannte die gebürtige Hamburgerin nach ihrem ersten, aus Hameln stammenden Ehemann, obwohl sie dort, nach der Hochzeit, nur ein einziges Jahr verbrachte.

Glikl Bat Juda Leib, wie sie eigentlich heißt, hat ein im 17. bis 18. Jahrhundert ganz und gar ungewöhnliches Leben geführt, und sie hat ein ungewöhnliches Zeugnis hinterlassen. In acht Bänden schrieb sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen nieder, ein einzigartiges Dokument, auf das sich auch ihre Biographin Inge Grolle stützt.

Während ihres fast 80-jährigen Lebens machte Glikl sich als erfolgreiche internationale Großhändlerin einen Namen, zunächst an der Seite ihres Mannes. Als der nach dreißigjähriger Ehe starb – sie war damals 43 Jahre alt –, versorgte sie nicht nur ihre zwölf Kinder, sondern sie übernahm auch dessen Geschäfte in alleiniger Verantwortung. Wie ihr Mann handelte sie mit Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen und Geld, schloss Kontrakte mit Partnern in Moskau und Danzig, Kopenhagen, Amsterdam oder London.

Dank ihrer beruflichen Kontakte schaffte sie es, ihre Töchter und Söhne in angesehene und wohlhabende jüdische Familien in ganz Europa zu verheiraten – womit sie nicht zuletzt ihr geschäftliches Netzwerk erweiterte und konsolidierte. Ihre zweite Ehe mit einem glücklosen jüdischen Finanzier aus Metz endete im finanziellen Desaster. Die einstige Karrierefrau starb verarmt.

Die Historikerin Inge Grolle, die sich in ihren Studien auf Hamburger Lokalgrößen konzentriert, beleuchtet dieses waghalsige Leben, indem sie es immer wieder mit der prekären Lage der Juden in der Diaspora in Beziehung setzt – in Hamburg, dem weitaus liberaleren, nahegelegenen (dänischen) Altona und im französischen Metz. Sie zeigt die Gefahren auf den Reisewegen durch Mitteleuropa ebenso auf wie die von tödlichen Krankheiten. Ausführlich schildert sie jüdische Sitten und Gebräuche sowie die Rollenbilder von Mann und Frau. So entsteht mit dem Bild von Chancen und Risiken weiblichen jüdischen Lebens in der Vormoderne zugleich ein Panorama frühneuzeitlicher Lebenswelt.

Dabei profitiert sie von den Erkenntnissen der amerikanischen Historikerin Natalie Zemon Davis, die 1996 in dem Buch "Drei Frauenleben" auch die Biografie Glikls einer neuen Betrachtung unterzogen hat. Doch anders als Zemon Davis, die "grand old lady" historiografischer Vorstellungskraft, die "Geschichte als Möglichkeitsform" erkundet, hält sich Grolle an die Darstellung von Fakten. Dabei misst sie Glikls Autobiografie – passagenweise daraus zitierend – den Wert einer zentralen Quelle zu.

Dass sie an der Objektivierbarkeit von deren Aussagekraft nicht zweifelt, mag der in der Historikerwelt mittlerweile gültigen Auffassung von der Pluralität der Wahrheiten zuwiderlaufen. Einen Vorteil aber hat dieses Verfahren. So ist das – mitunter zu ausführlich paraphrasierendes – Lesebuch entstanden über die Lebenswelt einer ungewöhnlichen Frau der frühen Neuzeit. Wem Glikls malerische (in einer schönen Ausgabe erhältliche) Memoiren zu umfangreich sind, dem sei Inge Grolles kundiges Porträt empfohlen.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Inge Grolle: Die jüdische Kauffrau Glikl (1646-1724)
Edition Temmen, Hamburg 2011, 196 Seiten, 12,90 Euro

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