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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.08.2012

Ein Beschneidungsverbot wäre Intoleranz

Dem Kölner Urteil zur Vorhautentfernung darf Islamfeinlichkeit unterstellt werden

Von Lamya Kaddor

Beschneidungen haben im Judentum und im Islam eine lange Tradition. (picture alliance / dpa / Bea Kallos)
Beschneidungen haben im Judentum und im Islam eine lange Tradition. (picture alliance / dpa / Bea Kallos)

Jungenbeschneidung gehört zur Identität von Muslimen, betont die Religionspädagogin Lamya Kaddor - auch wenn christliche oder atheistische Juristen das vielleicht anders sähen. Andererseits dürfe es in den islamischen Gemeinden keinen sozialen Druck geben, wenn eine Familie den Sohn nicht beschneiden lassen möchte.

Man muss kein Paranoiker sein – trotzdem löste das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen das Gefühl aus, es könnte islamfeindliche Züge tragen. Es wäre nicht die erste Mal bei Entscheidungen staatlicher Einrichtungen in Deutschland: Man denke an die Kopftuchverbote oder den Gesinnungstest für Muslime.

Inzwischen zeigt sich: Einer der geistigen Väter des Urteils, der emeritierte Juraprofessor Rolf Herzberg, entdeckte das Thema und seine Abneigung für Beschneidungen nach der Lektüre eines Buchs. Er versprach der Autorin, einzuschreiten und betraute seinen Schüler Holm Putzke mit der juristischen Ausarbeitung.

Das Buch, das der Professor damals zur Hand nahm, stammt von der so genannten Islamkritikerin Necla Kelek. Sie war Mitte des vergangenen Jahrzehnts Teil der ersten Islamfeindlichkeitswelle nach dem 11. September 2001 und später Stichwortgeberin für Thilo Sarrazin. Kelek nimmt mit ihren kruden Thesen nicht das erste Mal Einfluss auf deutsche Politik und Behörden.* 

Islamfeindlichkeit ist aber nur ein Grund, der dem Urteil den Weg geebnet hat. Zunehmend ist festzustellen, dass der Boden für Glaubensfragen in diesem Land dünner wird. Zwar fordern säkular Denkende und Atheisten von gläubigen Menschen Verständnis und Respekt. Aber umgekehrt? Es ist an der Zeit, auch mal wieder Fairness gegenüber religiösem Denken zu erwarten.

Das Kölner Urteil scheitert an der fehlenden Rücksichtnahme auf eine Jahrtausende alte Tradition. Isoliert betrachtet, ist die Argumentation der Richter nachvollziehbar. Selbstverständlich ist der Eingriff ein Eingriff über den Kopf des Jungen hinweg. Aber erstens machen Eltern das unzählige Male im Leben eines Kindes, und zweitens ist diese isolierte Betrachtung unlauter.

Es fehlt die Abwägung und das zeugt von mangelndem Weitblick beziehungsweise von weltanschaulicher Beeinflussung. Man kann nicht per Federstrich tausende Jahre Geschichte beenden. Beschneidung mag nach neuesten medizinischen Erkenntnissen Jungen psychisch und seelisch beeinflussen. Ja. Dennoch wird hier aus einer Mücke ein Elefant gemacht - und das primär wegen des Unvermögens mancher Zeitgenossen, Andersartigkeit zu akzeptieren.

Haben denn Beschneidungen Generationen traumatisierter Männer hervorgebracht? Nein. Muslime haben trotz des Schnitts sogar eine blühende Hochkultur entwickelt, jüdische Männer bringen es bis zum Nobelpreis. Muslimische Eltern sind nicht verantwortungsloser als andere. Sie lieben ihre Kinder nicht weniger.

Natürlich ist es wichtig, dass Muslime Traditionen kritisch hinterfragen. Vielleicht sollten gerade sie darüber nachdenken, ob ein früherer Beschneidungszeitpunkt besser wäre. Ganz bestimmt darf es keinen sozialen Druck geben, wenn jemand den Sohn nicht beschneiden lassen will.

Doch wir brauchen keine außenstehenden Aufpasser, keine chauvinistischen Vormünder in Gestalt christlicher oder atheistischer Juristen, die uns erst einmal erklären, wie aufgeklärte Welt funktioniert.

Jungenbeschneidung gehört zur Identität von Muslimen. Sie daran zu hindern, bedeutet, ihnen ein Stück davon zu nehmen. Mir berichtete kürzlich ein Schüler, 13 Jahre alt, nach einer Woche Abwesenheit, er sei beschnitten worden. Er bat mich inständig, es niemandem weiter zu erzählen. Die späte Beschneidung, sei ihm sehr peinlich.

Ich hoffe, dass der Bundestag eine vernünftige Regelung findet, die die rituelle Beschneidung erlaubt – ausgeführt unter besten medizinischen Bedingungen – und Schluss macht mit den Fantasien eines Beschneidungsverbots – einem absoluten Ausdruck von Intoleranz.


Lamya Kaddor (Privat)Lamya Kaddor (Privat)Lamya Kaddor, geboren 1978 als Tochter syrischer Einwanderer, studierte Arabistik und Islamwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Komparatistik an der Universität Münster, bildete dort vier Jahre (2004-2008) islamische Religionslehrer aus und übernahm die Aufgaben einer Vertretungsprofessur "Islamische Religionspädagogik".

Derzeit arbeitet sie als Lehrerin im Rahmen des nordrhein-westfälischen Schulversuchs "Islamkunde in deutscher Sprache" in Dinslaken. Sie tritt als Sprecherin für das muslimische Wort, dem sogenannten "Forum am Freitag" des ZDF auf und gehört zum Beraterkreis "Islam" des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann.

2010 gründete sie in Duisburg einen Verein für liberale Muslime. Sie hat an einem "Koran für Kinder und Erwachsene" und am ersten deutschsprachigen Schulbuch für einen islamischen Religionsunterricht "Saphir" mitgearbeitet.

Außerdem schrieb sie das Buch "Muslimisch-weiblich-deutsch! Mein Leben für einen zeitgemäßen Islam" (2010). 2010 wurde sie mit dem European Muslim Women of Influcence Award des europäischen, muslimischen Netzwerkes CEDAR ausgezeichnet, mit dem einflussreiche muslimischen Frauen in Europa gewürdigt werden.

*Redaktioneller Hinweis: Der Inhalt musste aus rechtlichen Gründen gekürzt werden.

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