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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 12.08.2011

Ein bescheidener Neubeginn

Ehemalige rumänische Juden kehren wieder zurück

Von Igal Avidan

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Die Bewahrung jüdischer Kontinuität. (dpa)
Die Bewahrung jüdischer Kontinuität. (dpa)

In der jüdischen Gemeinde in Bukarest lebt ein Drittel der rumänischen Juden. Flugzeuge aus Tel Aviv bringen nicht nur Touristen, sondern auch israelische Geschäftsleute, die zwischen beiden Ländern pendeln – und sogar Einwanderer.

Es ist still in der Iuliu Barasch Straße im historischen jüdischen Viertel von Bukarest, Vacaresti. Die allermeisten Juden sind längst ausgewandert, das Staatliche Jüdische Theater Baraseum, genannt nach dem renommierten jüdischen Arzt und Journalist Iuliu Barasch, ist im Sommer geschlossen. Aber gleich um die Ecke stößt man auf reges jüdisches Leben.

Die Kinder aus dem Lauder-Reut Bildungskomplex sind gerade vom Schwimmbad zurückgekommen und bereiten sich auf ihren Mittagsschlaf vor. Um sie zu einer Hebräisch-Runde zu ermuntern, muss sich Mitarbeiterin Keren Darmon nicht wirklich bemühen.

1997 gründete der Kosmetik-Erbe und heutige Präsident des World Jewish Congress Ronald Lauder diesen Bildungskomplex mit Kindergarten, Grundschule und Gymnasium. Sein Ziel war es, dadurch das jüdische Leben und die hebräische Sprache wieder zu beleben. Heute ist Lauder-Reut eine elitäre private Einrichtung, die Kindergarten, Grundschule und Gymnasium vereint.

Keren Darmon steht für die Veränderung der jüdischen Gemeinde in Bukarest, in der ein Drittel der rumänischen Juden leben. Die 38-jährige Israelin arbeitete früher für die Jewish Agency und überzeugte vor allem viele junge Juden, nach Israel zu gehen. Als die Auswanderung abebbte, ging sie 2007 zurück. Sie kam aber vor kurzem wieder nach Bukarest, um den Hebräisch-Unterricht bei der Lauder-Einrichtung zu leiten:

"In den ersten sechs Schulklassen lernen die Kinder vier Stunden Hebräisch pro Woche, im Gymnasium zwei bis drei. Das reicht nicht, aber wir müssen die Forderungen des rumänischen Bildungsministeriums erfüllen, jüdische Studien und Hebräisch sind lediglich eine Ergänzung."

Nach der Schulleitung sind 80 Prozent der Lauder-Kinder und Schüler jüdisch. Aber wer ist ein Jude? Die Schule richtet sich, ebenso wie die jüdische Gemeinde, nach dem israelischen Rückkehrgesetz: Wer nach Israel auswandern darf, gilt als Jude, auch wenn nur sein Vater oder Großvater jüdisch ist. Dabei ist nach der jüdischen Gesetzgebung und dem staatlichen Rabbinat in Israel nur das Kind einer jüdischen Mutter jüdisch.

Trotz der großen Hitze kickt Dor Hadad mit einem Freund auf dem künstlichen Rasen den Ball - so entspannt er sich vor dem Abitur. Der 17-Jährige ist Sohn von Israelis und kam als Fünfjähriger nach Bukarest, wo sein Vater eine Stelle als Koch gefunden hatte. Hadads Eltern zahlen für sein Studium 650 Euro im Monat, mehr als das durchschnittliche Gehalt in Bukarest. Sein Abitur schrieb Hadad auf Rumänisch, das war für ihn leichter:

"Zu Hause sprechen wir nur Hebräisch. Darauf bestehen meine Eltern. Die Lehrer gaben mir jegliche Hilfe, und nun stehen mir alle Türen offen. Die meisten Kinder hier haben einen jüdischen Elternteil oder jüdische Wurzeln, das heißt einen jüdischen Großvater oder Großmutter. Die anderen Schüler sind zwar christlich, einzelne tragen auch ein Kreuz um den Hals, aber sie lieben das Volk Israel, sonst wären sie nicht hier."

In den ersten zehn Jahren nach dem Sturz des Kommunismus Ende 1989 wanderten über 5.000 rumänische Juden nach Israel aus; im letzten Jahr waren es nur noch 35. Die Flugzeuge aus Tel-Aviv bringen aber inzwischen nicht nur zahlreiche Touristen, sondern auch israelische Geschäftsleute, die zwischen beiden Ländern pendeln und sogar Einwanderer, weiß Jose Blum, Berater des Präsidenten der jüdischen Föderation:

"Einige tausend ehemalige rumänische Juden kehrten zurück. Das sind Rentner, aber auch gebürtige Israelis, die die Gelegenheit nutzten, hier Firmen zu gründen. Ihre Geschäfte blühen. Andere kamen, weil sie zu ihren Wurzeln zurückkehren und hier gut leben können, vor allem diejenigen, die sich in Israel nicht integrieren konnten. Nur wenige von ihnen werden Gemeindemitglieder. Sie bevorzugen die Chabad-Bewegung ebenso wie bedürftigen Juden, die dort mit einer Mahlzeit und einem Geschenk empfangen werden, so dass sie sich an Chabad richten."

Die orthodoxe Gruppierung führt ein separates Dasein mit eigener Synagoge und eigenem Kindergarten. Vor dem Shabbat besucht der Chabad-Rabbiner jedoch das Ritualbad, die Mikwe, im Jüdischen Gemeindezentrum JCC. Auf diese 2008 eröffnete Einrichtung, die sich an alle Altersgruppen richtet, ist die Gemeinde sehr stolz.

Im benachbarten Clubraum, der auch als Gebetsraum dient, spielt ein Dutzend Senioren, die extra hierher gefahren werden, Remi. Die wahre Überraschung wartet im dritten Stock, über dem großen Saal, wo vor einer Woche 180 Juden den Shabbat mit einer kostenlosen Mahlzeit feierten. Ron Constantinof:

"Hier ist der Fitnessraum, wo Kurse stattfinden, hier im Flur sind die Schließfächer und das ist der Saal mit den Fitnessgeräten. Wir haben einen Taekwondo-Lehrer und ab September bieten wir einen Nahkampfkurs an, hier sind die Duschen und nebenan die Sauna". "

Die an diesem Sommertag verwaist ist. Ob der Gemeinderabbiner gemeinsame Saunagänge zulässt? Zur Zeit sucht die Gemeinde nach einem neuen Rabbiner. Der letzte wanderte nach Kanada aus, weil er in Rumänien seinen Kindern keine orthodoxe Erziehung anbieten konnte. Der neue soll zwar orthodox sein, aber zugleich bereit, die Gemeindemitglieder zu integrieren, die nur einen jüdischen Vater haben. Nach dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, wird die Zugehörigkeit zum Judentum über die Mutter weitergegeben. Aurel Vainer ist der Präsident der jüdischen Föderation:

" "Wir haben heute 8.000 Mitglieder jüdischer Gemeinden in Rumänien. Wer sind sie? ‘Halachische’ Juden und Kinder eines jüdischen Vaters oder eines Großvaters oder einer Großmutter väterlicherseits, die den Weg zu uns fanden. All diese Leute haben das Recht, nach Israel auszuwandern. Wir nehmen gemischte Familien als Gemeindemitglieder auf. Nur der Gemeindepräsident, sein Vize und der Generalsekretar müssen ‘halachisch’ jüdisch sein."

Aurel Vainer ist der jüdische Vertreter im rumänischen Abgeordnetenhaus, Teil der parlamentarischen Gruppe der 18 staatlich anerkannten Minderheiten und somit auch Teil der Koalition. Vainers jüdische Kandidatin wurde so als Staatssekretärin im Kultusministerium nominiert. Die 38 jüdischen Gemeinden werden staatlich gefördert ebenso wie der Buchverlag und die Wochenzeitung der Föderation.

Besonders stolz ist Vainer auf die Restaurierung mehrerer Synagogen, auch des prächtigen Tempel Coral direkt gegenüber seinem Büro. Als großen Erfolg bewertet er das Verbot des öffentlichen Gedenkens an den faschistischen Diktators Ion Antonescu, der mitschuldig an der Ermordung von 280.000 Juden in Rumänien war, und das Verbot der Leugnung des Holocaust: Ein Gesetz, das noch nie angewandt wurde.

Die jüdische Gemeinde pflegt enge Kontakte zu rumänischen Politikern, auch dank des Engagements von Jose Iacobescu, dem Präsidenten der jüdischen Loge Bnai Brith. Denn er ist zugleich Präsident der rumänischen Industrie- und Handelskammer. Sein jüdischer Verein unterstützt bedürftige Juden und förderte früher auch Rumäniens EU-Beitritt:

"Es reicht nicht aus, dass wir nur unter uns bleiben. Daher haben wir als fast einzige jüdische Loge in Europa einen Förderverein christlicher Freunde, der uns finanziell und politisch unterstützt. Diese Christen kommen an den Feiertagen in die Synagoge und erfahren, dass wir Rumänien lieben und hier bewusst leben."

Sowohl dem 73-jährigen Iacobescu als auch dem 78-Jährigen gelingt die Zusammenarbeit mit jungen Juden. Besonders stolz ist man in Bukarest auf den neuen 31-jährigen Gemeindevorsitzenden Erwin Shimshensohn. Kinder hat Shimshensohn nicht, aber immerhin eine jüdische Freundin, wie er stolz sagt. Der ausgebildete Theaterregisseur, der am Shabbat gern in die Synagoge fährt, wurde auch von den mehrheitlich älteren Mitgliedern ins Amt gewählt:

"Unsere Herausforderung ist, dass die jungen Mitglieder die Bewahrung jüdischer Kontinuität als vorrangig betrachten. Ich bin nicht sicher, dass dies jetzt der Fall ist. Sonst wird diese Gemeinde keine Zukunft haben. Es reicht nicht, dass sie selbst jüdisch sein wollen, wenn sie das nicht auch für ihre Kinder wollen. Es ist viel wichtiger, wie sie ihre Kinder erziehen als wie sie sich selbst definieren."

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