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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2013

Ein berührender Strauss-Abend

David Martons bringt "Capriccio" in Lyon auf die Bühne

Von Uwe Friedrich

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Richard Strauss (AP)
Richard Strauss (AP)

Wie entsteht Musiktheater? Hat die Musik oder das Wort Vorrang? Richard Strauss liebte die Oper und setzte ihrem Zauber ein melancholisches Denkmal mit seinem letzten Bühnenwerk "Capriccio". In Lyon wurde das Stück nun von David Marton großartig inszeniert.

Eine hell strahlende Glühbirne senkt sich während des Vorspiels vor dem schwarzen Vorhang herab. Auf dass uns allen ein Licht aufgehe in dieser großartigen Inszenierung von "Capriccio", der letzten Oper von Richard Strauss. Wenn der Vorhang hochgezogen wird, ist ein längs aufgeschnittenes Opernhaus der Spielort, entworfen von Christian Friedländer, magisch beleuchtet von Henning Streck. Links Bühne und Unterbühne, in der ein verschlafener Souffleur haust, rechts der Zuschauerraum mit geheimnisvoll strahlenden Logen, immer wieder bevölkert von stummen Zuschauern. In der Mitte schließlich der Orchestergraben, das Zentrum jeder geglückten Opernaufführung. Und darum geht es schließlich in "Capriccio": Wie entsteht Musiktheater? Hat die Musik oder das Wort Vorrang? Hat uns die Oper überhaupt etwas zu sagen oder ist es ohnehin lächerlich, wenn Menschen sich zum Orchesterlärm gegenseitig anbrüllen und das Publikum kein Wort versteht?

Richard Strauss liebte die Oper und setzte ihrem Zauber ein melancholisches Denkmal mit seinem letzten Bühnenwerk. Und der Regisseur David Marton liebt sie mindestens ebenso sehr, da kann es schon bei den ersten Bildern dieses berührenden Abends keinen Zweifel geben. Gleich zu Beginn bewegen sich der Musiker Flamand und der Dichter Olivier spiegelbildlich in ihrem Streit um die Vorherrschaft. Später wird das Symbol des Spiegels geweitet in eine Metapher der Lebensalter. Wenn die Gräfin zum Ende der Oper Rat sucht bei ihrem Spiegelbild, trifft sie auf eine jüngere und auf eine ältere Gräfin, die ihr beide nicht helfen können, sondern nur stumm zurückblicken.

David Marton findet scheinbar selbstverständlich den Rhythmus des vermeintlich spröden und umständlichen Konversationstons des alten Richard Strauss. An einigen Stellen unterbricht er gemeinsam mit dem ebenso souverän wie unsentimental agierenden Dirigenten Bernhard Kontarsky die Musik, lässt Stille einbrechen in die kunstvolle Partitur und zeigt so, dass Musik, dass Oper nie selbstverständlich ist. Hier ist das keine modische Attitüde, mit der zwanghaft in das Werk eingegriffen wird um zu zeigen, dass der Regisseur es besser weiß als der Komponist, sondern es fügt eine neue, tiefe Dimension hinzu.

So erzählt uns das Bühnengeschehen von den Rätseln des Lebens, von den Annäherungen und Abstoßungen zwischen den Figuren, den Sehnsüchten, Wünschen und Enttäuschungen. "Kopfgrütze" und "trockenen Witz" hatte sich schon Richard Strauss für seine Oper gewünscht, und dieses Konzept wird offenbar auch von den Sängern getragen, die sonst gerne skeptisch sind bei Eingriffen in die Partitur. Denn David Marton inszeniert wirklich die Musik, gibt dem Ensemble Freiräume für die vergeblichen Blicke, die kleinen Gesten, die ins Leere laufen. Ob der alte Bass Victor von Halem unverdrossen und stimmprächtig das Theater als solches verteidigt, der Bariton Lauri Vasar sich eitel über die Vertonung seines Sonetts ereifert oder der Tenor Lothar Odinius strahlend die Vormachtstellung der Musik behauptet, sie alle hauchen den Figuren faszinierendes Leben ein.

Und dann ist da noch Emily Magee als Gräfin, elegisch und doch heiter, mit höhensicherem, elegant flutendem Sopran. Gelassen und zuversichtlich ist sie das Zentrum der Aufführung. "Capriccio", dieses Vexierbild über die Oper, endet mit zwei Pizzikati in Des-dur, der Lieblingstonart von Richard Strauss, der heitersten und gelassensten Tonart von allen. Beim vorletzten Akkord geht das Licht im Theatersaal auf der Bühne an, beim letzten umfängt uns wieder das Nachtschwarz des Lyoner Zuschauerraums. Zu Tränen gerührt. Glücklich.

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