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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 01.11.2009

Ein Aufruf, der Geschichte machte

Vergessene Gesichter: Pfarrer Christoph Wonneberger aus Leipzig

Von Ralf Geißler

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Montagsdemonstration im Leipzig am 17. Oktober 1989 (AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig am 17. Oktober 1989 (AP Archiv)

Die Medien haben ihn fast vergessen: Christoph Wonneberger - den emsigen Pfarrer aus Leipzig. Bereits 1977 beriet Wonneberger Kriegsdienstverweigerer in der DDR. Daraus entstand die Initiative Sozialer Friedensdienst, die der Pfarrer per Kettenbrief bekannt machte. Aus diesem Engagement heraus entwickelte er in Dresden die ersten Friedensgebete innerhalb der DDR.

Als Wonneberger 1985 nach Leipzig wechselte, setzte er dort seine Arbeit für die Friedensgebete fort. Am 25. September 1989 organisierte er in der Nikolaikirche ein Gebet zum Thema Gewaltfreiheit, an das sich die erste große Demonstration anschloss. Ende Oktober 1989 erlitt Wonneberg einen Schlaganfall und verschwand aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Dabei war er es, der die Kirche zu mehr Mut gegenüber dem Staat antrieb. "Ich habe die Kirche genötigt, weiter zu gehen, als sie eigentlich wollte", sagt er heute.

Christoph Wonneberger: "Nein, ich war nicht Angst, nicht ängstlich. Also. Also. Ja. Nee. Dann hätte ich ja vieles gar nicht machen können. Ich wollte mich doch nicht von der Angst besetzen lassen. Sondern im Gegenteil. Es sollte doch was. Irgendwo nach vorne zu gehen. Passieren. Also ich hatte auch das Gefühl, wenn ich das nicht gemacht hätte, obwohl ich gewusst hätte, was zu tun war, dann hätte ich gesagt: Ich müsste vor mich selber zu schämen. Also. (Lacht.)"

Manchmal ist es noch zu hören. Wenn er um Worte ringt und die richtige Formulierung sucht. Christoph Wonneberger leidet noch immer unter den Spätfolgen seines Schlaganfalls. Lange war er verstummt. Der wortgewaltige Pfarrer, den die SED fürchtete – und auch so mancher Kirchenfunktionär.

Christoph Wonneberger: "Also hier müsste ich mal gucken. Das sind zwei verschiedene Aufnahmen. Noch aus Dresden. Bei einer Veranstaltung in der Kirche, wo ich Pfarrer war in Dresden. In der Weinbergkirche. Meistens habe ich da irgendwelche Aufnahmen gemacht oder jemand anderes hat es für mich gemacht."

Wonneberger sitzt im Wohnzimmer seiner Erdgeschosswohnung im Leipziger Süden. Sanierter Altbau. Helles Parkett. Türen aus abgeschliffenem Holz. In jeder Ecke ein frischer Blumenstrauß. Der 65-Jährige kramt in einem Stapel alter Kassetten, die auf dem Couchtisch liegen. Aufnahmen aus seiner Kirche.

"Also das sind jetzt hier so zwei Sachen mit der Bettina Wegener."

Wonneberger schiebt eine Kassette in die Stereo-Anlage. Und aus den Lautsprechern erklingt das, was die Stasi ein illegales Konzert nannte. Ein Live-Mitschnitt von 1981. Wegeners Lied "Kinder":

Gesang Bettina Wegener: "Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten. Kommt sonst nichts heraus. Leute ohne Rückgrat haben wir schon zuviel."

Wonneberger: "Die war mehrmals bei mir da in der Kirche. Also. Die war ja verboten und hatte keine Möglichkeit irgendwo aufzutreten und ich kannte sie auch schon länger. Und auch ihren Mann. Und ja. Ich fand ja auch überhaupt, was sie geschrieben hat. Die Lieder. Fand ich insgesamt schon gut."

Von 1977 bis 1984 arbeitet Wonneberger als Jugendpfarrer in Dresden. Und so ziemlich jeder verbotene Künstler der DDR tritt in seiner Kirche auf – außer Wolf Biermann. Den hat die DDR einfach zu früh ausgebürgert, sagt Wonneberger. Lächelt.

Wonneberger: "Na ja, ich habe natürlich immer gedacht, man muss ein Stück vorher gehen. So. Also. Weil ich als Pfarrer habe eben weniger Risiko, also muss ich auch mehr wagen. Also, diejenigen, die nicht so geschützt sind wie ich, die können sich nicht so viel rausnehmen wie ich. So."

Manchmal wirkt Wonneberger wie ein Schelm. Gewitzt. Mit diesem Funkeln in den Augen. Ein kleiner, zierlicher Mann mit Spitzbart und Nickelbrille, der sich damals von der Stasi nicht einschüchtern lässt.

Wonneberger läuft zu seinem Wohnzimmerschrank. Irgendwo da drin muss er noch liegen. Der Aufruf zu einem Sozialen Friedensdienst.

"Mal gucken. Ach. Also ich weiß natürlich nicht ..."

Aus einer roten Mappe purzeln Fotos.

"Das sind Kinderbilder. Mein Sohn hier (lacht).
Und meine Frau 1989. Schwanger mit meiner Tochter."

Ein Schwarz-Weiß-Bild zeigt Wonneberger mit seiner Frau. Ein lachendes Paar mit einem Schild in den Händen. Aufschrift: "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir zuerst unsere Raketen abbauen müssen". Das haben sie Mitte der 80er Jahre an Freunde in der DDR verschickt.

"Hier den Krempel. Man kriegt das alles gar nicht geordnet alles richtig. Also das zum Beispiel hier. Das ist hier relativ, fast original hier."

Dann findet er ihn. Den Aufruf, der Geschichte macht. Ein hauchdünnes Blatt Papier, eng mit Schreibmaschine bedruckt. Wonneberger will seinen Text nicht selbst vortragen.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das, so wie ich es geschrieben habe und so wie ich es auch vorgetragen habe, das kann ich einfach nicht mehr. Da fehlt mir so das äh, na, äh Kurzzeitgedächtnis. Dass ich das so rüberbringen kann. Also."

Es sind aber Sätze, die ihm viel bedeuten. Er bittet, den Text vorlesen zu lassen.

"Die Volkskammer der DDR möge beschließen: Als gleichberechtigte Alternative zu Wehrdienst und Wehrersatzdienst wird ein Sozialer Friedensdienst eingerichtet. Die Erfassung, Musterung und Einberufung dazu erfolgt dem Wehrdienst entsprechend. Das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht vom 24.01.1962 und die dazu erlassenen Folgebestimmungen ist dahingehend zu ändern."

Die Formulierung – weder provokativ noch anbiedernd. Präzise wie in einem fertigen Gesetz begründet Wonneberger, warum ein Sozialer Friedensdienst in der DDR notwendig ist. Auf die Idee kommt er 1980. Als Pfarrer begegnet er immer wieder jungen Männern, die nicht zur Armee wollen. Außerdem kennt Wonneberger den schlechten Zustand vieler Pflegeheime in der DDR.

"Also ständig das zu erleben, wo Leute dann so auch ein Stück auch verenden müssen in ihrem Leben. Und die Pfleger oder Pflegerinnen sind auch ständig überfordert. Aber das ist ja auch furchtbar. Wie will man da aushalten? Das ist ja eine Ur-Unkultur auch gewesen ein Stück. Und wenn man das dann vergleicht, man will rüsten für irgendeine Verteidigung. Für irgendwas. Was gibt’s denn da zu verteidigen eigentlich? Da kann man nur lachen."

Wonneberger verschickt seinen Aufruf 1980 als Kettenbrief. Wer das Schreiben erhält, macht zehn Durchschläge und verteilt es weiter. So landet der Text bei einem Stasi-IM und schließlich beim Staatsapparat.

"Der hat nicht gleich reagiert. Also, der hat das am Anfang gar nicht mitgekriegt. Also. Das gab eine ganz schöne Verzögerung bevor die das also mitgekriegt haben, was das für eine Initiative ist wirklich. Also. Da gab es also schon viele tausende Durchschläge, die im Land geflattert haben."

Wonneberger lächelt zufrieden. Sein Aufruf entfaltet in den 80er-Jahren eine immense Kraft. Aus der Initiative Sozialer Friedensdienst entstehen die wöchentlichen Friedensgebete – überall in der DDR. Wonneberger selbst organisiert diese Gebete zuerst in Dresden an der Weinbergkirche. 1984 zieht er nach Leipzig.

Die ehemalige Leipziger Stasi-Zentrale. Runde Ecke am Diettrichring. Dutzende Besucher betreten den Veranstaltungssaal im vierten Stock. Sie sind gekommen, um Christoph Wonneberger zu hören. Er hat sich zu der Gesprächsrunde überreden lassen – aus Anlass des 20. Jahres der Friedlichen Revolution. Und ausgerechnet vorgestern muss er sich bei einer Fahrradtour erkälten.

"Wenn man solche doofen Touren fährt hier und ohne Bekleidung losfährt. Und relativ nass. Und dann hatte ich noch einiges zu fahren."

Zur erhöhten Körpertemperatur kommt Lampenfieber dazu. Wonneberger läuft immer wieder durch die Tür zum Veranstaltungssaal und wieder heraus. Er streicht mit der Hand über seinen Bart. Die Aufregung. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt seit Jahren. Unter die Besucher mischen sich Weggefährten. Darunter Uwe Schwabe. Ein kräftiger Mann Mitte 40 mit Halbglatze und einem dünnen Zopf.

Uwe Schwabe: "Also man muss ja wissen, Wonneberger ist einer derjenigen gewesen, der ein Querdenker war. Und das auch mit seinen kirchlichen Mitarbeitern immer zu spüren bekommen hat, dass er sozusagen um die Ecke gedacht hat. Er war nicht ein geradliniger Mensch, der gesagt hat: Das ist mein Weg, den gehe ich. Sondern er hat viele Sachen ausprobiert, viele Sachen getestet. Und ist natürlich deshalb immer an Grenzen gestoßen. Nicht nur beim Staat, sondern auch bei der Kirchenleitung."

Schwabe gehört Mitte der 80er-Jahre zur Initiativgruppe Leben, prangert die Umweltverschmutzungen in der Region Leipzig an. Die Stasi überwacht ihn fast rund um die Uhr. Unterstützung erhalten er und viele andere Oppositionelle von Wonneberger. Der Pfarrer stellt Räume und Telefon zur Verfügung.

Uwe Schwabe: "Das war ja nicht leicht damals gewesen. Viele Pfarrer, viele Kirchenvorstände haben ihre Kirchen dicht gemacht und gesagt: Das ist nicht unsere Intention, mit den Leuten wollen wir nichts zu tun haben. Bei Pfarrer Wonneberger konnte man die Räume immer nutzen, um Veranstaltungen zu machen, Konzerte zu organisieren, über Menschenrechtsverletzungen informieren. Da war er also immer der erste Ansprechpartner für uns. Wenn wir Veranstaltungen geplant haben, haben wir immer zuerst bei Pfarrer Wonneberger nachgefragt."

Schwabe eilt in den Veranstaltungsaal, um noch einen guten Platz zu erwischen. Minuten später ist jeder Stuhl besetzt. Selbst auf den Fensterbrettern und auf dem Fußboden drängeln sich Besucher. Im Nachbarraum bauen die Veranstalter eine Videowand auf. Sie wollen das Gespräch dorthin übertragen. Mit 15 Minuten Verspätung steigt Tobias Hollitzer vom Bürgerkomitee Leipzig auf ein kleines Podest und begrüßt die Gäste.

"Ich denke, man kann mit Fug und Recht sagen: Ohne das Engagement von Christoph Wonneberger hätte es wohl weder die Friedensgebete noch die Montagsdemonstrationen in der uns bekannten Form gegeben."

Applaus.

Hollitzer setzt sich mit seinem Co-Moderator an einen kniehohen weißen Tisch. Zwischen ihnen nimmt Christoph Wonneberger Platz. Zu Beginn des Gesprächs spricht er zögernd über seine Jugend in Sachsen.

"Ne, ne. Pfarrer wollte ich eigentlich niemals werden. Also. Äh. Also da habe ich gesehen, wie mein Vater mit seiner Arbeit verheiratet war und das wollte ich eigentlich nicht. Also wollte ich was anderes eigentlich finden. Da habe ich einen Betrieb in der Nähe gefunden. Als Maschinenschlosser bei Diamant."

Dort schraubt Wonneberger als junger Mann Strickmaschinen zusammen – landet dann aber doch beim Theologie-Studium in Rostock. Er will gegen den strengen und eifrigen Vater bestehen können – in den langen abendlichen Diskussionen über Religion. An der Universität fällt Wonneberger zum ersten Mal der Stasi auf. Er schließt sich einer unabhängigen Studenteninitiative an.

"Dann haben wir versucht, das eigentlich auch irgendwie ein Stück zu vernetzen, vielleicht mit anderen Theologen noch in Jena und Halle und Greifswald. Also ein Netz zu spannen. So. Aber das hat nicht lange gehalten. Drei von denen, die das besonders betrieben haben, sind also schnell ins Gefängnis gekommen."

Auch Wonneberger sitzt als junger Mann mehrfach im Knast. Doch das Regime lässt ihn wegen seiner guten Kontakte zur Kirche im Westen immer wieder laufen.

Er lehnt jetzt entspannt auf seinem Stuhl und plaudert von seinen Anfangsjahren als Jugendpfarrer. Und davon, wie er nach seinem Umzug nach Leipzig die Koordination der Friedensgebete in der Stadt übernimmt. Die Gebete werden von Woche zu Woche politischer. Im August 1988 entzieht ihm die eigene Kirchenleitung die Verantwortung.

"Na ja, dass das mal passieren könnte, das konnte ich mir schon vorstellen. Aber dass das innerhalb von zwei Tagen einfach in den Briefkasten kommt. So. Das fand ich natürlich unwahrscheinlich."

Wonneberger schüttelt mit dem Kopf. Dass seine Kirche dem Druck der SED 1988 nachgibt, versteht er bis heute nicht.

"Für mich gibt es keine Erklärung. Dass es einen Druck gibt von allen Seiten. Von oben und unten. Das ist doch logisch, dass es da einen Druck gibt. Aber wie man den weitergibt und wie fair man damit umgeht. Das ist eine andere Geschichte."

Im Saal ist es still. Die Gäste hören aufmerksam zu. In der Fragerunde meldet sich Hinrich Lehmann-Grube als erster. Ein grauhaariger, schlanker Herr. 1990 von Hannover nach Leipzig gezogen und erster Bürgermeister der Stadt nach der friedlichen Revolution.

Hinrich Lehmann-Grube: "Können Sie irgendwie definieren zu welchem Zeitpunkt ungefähr aus diesem teilweisen Widerstand eine grundsätzliche Opposition, ein grundsätzlicher Widerstand gegen den Staat geworden ist?"

Wonneberger überlegt kurz.

"Also Opposition war ich nie in dem Sinne. (Lachen im Saal. Applaus). Alles, was gestaltet wurde in der Gesellschaft, das war eben einfach noch nicht gelungen. Und wenn man in dieser Gesellschaft leben will, dann muss man sie mit ändern wollen. Und dieser Begriff Opposition das gehörte nicht zu dem Volar, Vokabular für mich."

Ein paar Leute im Saal nicken mit den Köpfen. Es sind jene, die viele Jahre mit Wonneberger zusammengearbeitet haben.

Nach der Veranstaltung leert sich der Saal nur langsam. Viele schütteln Wonneberger noch die Hand. Er erhält Blumensträuße. Am Ausgang wartet Ex-Bürgermeister Lehmann-Grube auf seine Frau. Er gibt zu, dass er Wonneberger heute das erste Mal erlebt hat.

"Das hängt wohl auch damit zusammen, dass er durch seinen Schlaganfall, den er Ende Oktober 1989 erlitten hat, dann im Grunde für lange Zeit von der Bühne verschwunden ist. Und es hat andere gegeben, die diese Bühne sehr bereitwillig betreten haben."

Diese anderen – oft geehrten aber gar nicht so mutigen Pfarrer aus der Leipziger Nikolaikirche – sind heute nicht gekommen. Wonneberger stört deren Ruhm nicht. Er lässt ihnen auf der medialen Bühne gern den Vortritt, lebt gut damit, nicht ständig zu jedem Thema ein Interview geben zu müssen.

Wonneberger betritt seine Kirche. Sankt Lukas in Leipzig Volkmarsdorf. Ein Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert. Die letzte Kirche, in der er gearbeitet hat – von 1984 bis 1989.

"Ich liebe den Raum hier. Weil der ist so offen. Man ist nicht festgelegt. Das ist eben sehr schön, dass man hier Platz hat. Kein großer Altar. Dass man sehr viel was gestalten kann hier."

Der hohe Kirchenraum sieht noch aus wie damals. Eine dunkle Orgelempore, alte Bänke aus verblichenem Holz. Die bunten Glasfenster zeigen die Evangelisten Matthäus, Lukas, Markus und Johannes. Dazu ein völlig unpassender Linoleumfußboden. Wonneberger läuft auf den Altarraum zu. Dort steht noch das vier Meter hohe Holzkreuz, das er aus zwei alten Dachbalken gezimmert hat.

"Ich habe das hier mit Stacheldraht umwickelt. Richtig mit alten Stacheldraht. Einfach ein Stück darzustellen, na ja. Eben auch das namenlose Leiden, einfach auch ein Stück, dass man das deutlich macht."

Vor dem Kreuz hat Wonneberger nicht nur zu Gottesdiensten eingeladen, sondern auch zu Großveranstaltungen. Im Juli 1989 findet in Leipzig ein Kirchentag statt. Doch die Basisgruppen für Menschenrechte, für Demokratie und Gerechtigkeit werden von der Kirchenführung ausdrücklich ausgeladen.

"Und da hab ich dann gesagt: Pass auf. Ich biete Euch an, wenn ihr wollt, wir machen etwas statt Kirchentag. Und da habe ich dann also gleich den Namen genannt und gesagt wir machen einen Statt-Kirchentag also mit tt."

Rund 2500 Menschen nehmen an Wonnebergers Statt-Kirchentag teil. Bürgerrechtler aus der gesamten DDR diskutieren, singen und demonstrieren im Juli 1989 in und vor seiner Lukas-Kirche.

"Ich hatte nie so das Gefühl, so, nicht so das Ding: Ich bin hier der Chef. Mir war es wichtig eigentlich, dass die Leute sich gegenseitig kennen lernen. Und so. Sich auch befruchten gegenseitig. Das ist das Wichtige eigentlich."

Wonneberger läuft an den leeren Kirchbänken vorbei. Neugierig blickt er in einige Nischen, macht plötzlich eine Entdeckung.

"Hier sind die Boxen noch. Ja, die gibt es noch. Die Riesen, die ich hier gebaut habe. (Lacht)"

Er freut sich, als wenn er was Wertvolles wieder gefunden hätte. Hinter einem orangefarbenen Vorhang stehen groß, wuchtig und schwarz zwei Konzertboxen.

"1972 habe ich die gebaut. Weil es gab so was nicht. (Lacht) Man kann die nur zu Zweit anfassen. Wenn wir so was gemacht haben, dann kann man die nur mit der Sack-Karre."

Die Boxen nutzt Wonneberger viele Jahre für die Konzerte, die er organisiert. Aus ihnen tönt der Gesang von Bettina Wegener, Freya Klier, Stephan Krawzcyk und anderen verbotenen Künstlern der DDR.

Zwei Wochen später. Wieder in Wonnebergers Wohnung.

Er legt noch einmal eine alte Kassette in die Stereoanlage. Die Hülle zerkratzt. Die Beschriftung verblichen. Ein Interview mit dem Deutschlandfunk nach der Leipziger Montagsdemonstration vom 2. Oktober 1989.

"Was hat sich denn daraus entwickelt? Sind denn die Größenordnungen, die hier in den westlichen Medien genannt werden mit 10.000 und mehr Teilnehmern."

"Also 10.000 ist wesentlich zu gering. Es ist nach den Schätzungen und Vergleichen der Augenzeugen, da muss man sagen, dass mindestens 25.000 bei der Demonstration beteiligt waren."

Konzentriert lauscht Wonneberger im schwarzen Ledersessel seinen eigenen Worten. Im Herbst 1989 ist das das Telefon in seiner Pfarrwohnung der Draht der Leipziger Opposition in den Westen. Im selben Raum versteckt Wonneberger auch eine Druckmaschine. Am 9. Oktober 1989 läuft sie auf Hochtouren. Seine Menschenrechtsgruppe druckt rund 30.000 Flugblätter. Ein Aufruf zur Gewaltfreiheit.

"Ein paar sind von uns extra in die verschiedenen Kirchen dann gegangen und haben Leute gebeten, dort dann das zu verteilen mit. Und dann sind wieder von uns einige durch die Stadt noch. Die sie kannten. Dann nimmst Du mal noch 20 mit und Du dann noch 50, um sie auf der Straße zu verteilen."

Die Demonstration bleibt gewaltfrei. SED-Chef Erich Honecker tritt zurück. Nur wenig später, am 30. Oktober 1989, erleidet Wonneberger seinen Schlaganfall.

"Es war eigentlich für mich schon eine Phase der Entspannung bevor das gekommen ist, der Schlaganfall. Ich habe schon zwei Wochen vorher einen Freund von mir, wir saßen zusammen und da habe ich gesagt: Ich muss mir jetzt irgendeine andere Arbeit suchen. Ich bin nicht mehr nötig. Inzwischen haben die Leute selber sich in die Hand genommen. Ihr Leben. Also ich bin jetzt nicht mehr so wichtig."

Er macht eine lange Pause. Gedankenversunken sitzt Wonneberger in seinem schwarzen Ledersessel. Die Wiedervereinigung bekommt er nach seinem Schlaganfall gar nicht mit. Er liegt Monate lang im Koma. Ganz langsam erwacht er in einer Welt, die nicht mehr die alte, bekannte ist. Er sagt heute, er ist glücklich, dass viele Menschen 1989 den aufrechten Gang gelernt haben. Doch die geringe Beteiligung an den Wahlen heute ärgert ihn.

"Also furchtbar. Ich kann das überhaupt nicht verstehen. Die Leipziger."

Vielleicht – so Wonneberger – brauchen die Menschen wieder jemanden, der sie aufrüttelt. Aber nicht so einen alten Sack wie ihn, sagt er. Die Jungen sollen ran.

"Es gibt zwar ständig immer was zu tun, das ist richtig. Aber ich habe auch nicht mehr das Gefühl, ich muss nicht im Brennpunkt des Geschehens sein. Und ich fühle mich auch nicht mehr so – äh, wie soll ich das sagen. Ich kann jetzt auch nicht mehr. Ich kann auch alles nicht mehr so gut überschauen, die Wirklichkeit, wie ich das früher konnte. Ich habe jetzt auch nicht mehr so das. Ich habe auch den Instinkt verloren, was dran ist. Das ist nicht mehr wie früher."

Wonneberger legt noch einmal die alte Kassette mit Bettina Wegener ein, die verbotene Künstlerin, die mehrfach in seiner Kirche auftreten durfte.

Gesang: "Es ist vorbei, es geht mit uns zu Ende. Du gehst nach links und ich gehe gerade aus. Und an der Kreuzung lassen unsere Hände schon voneinander. Es ist mit uns aus."

Es ist spät abends. In der Wohnung wird es immer dunkler, weil eine Regenfront heran zieht. Wonneberger muss die Wäsche vom Hof holen, bevor sie nass wird. Seit seiner Genesung kümmert er sich um den Haushalt. Er hat seine zwei Kinder groß gezogen, kocht regelmäßig für die Familie. Eine Rückkehr in den Pfarrdienst verwehrt ihm die Kirche nach seiner Genesung, weil er sich nur eine halbe Stelle zutraut.

"Ich hätte schon gern so. Obwohl, wenn ich also die letzten Jahre, wo ich meine Kollegen erlebt habe, habe ich immer das Gefühl gehabt, die waren doch alle doch relativ müde. Immer weniger Stellen und sowas. Und sich auf das Nötigste beschränken müssen. Oh. Ich weiß nicht, ob ich das ausgehalten hätte. Also nur so viel Pflicht und so wenig Kür. Also, ob ich das noch lange durchgehalten hätte. Das weiß ich auch nicht. Es war vielleicht auch ein gnädiges Schicksal."

In Wonnebergers Wohnung ist es inzwischen so dunkel, dass er das Licht anschalten muss. Vor dem Fenster fallen die ersten Regentropfen. Wonneberger nimmt einen leeren Korb für die Wäsche und eilt auf den Hof. Gottesdienste, sagt der pensionierte Pfarrer zum Abschied, besucht er nur noch selten. Die Predigten langweilen oft. Es fehlen ihm die mutigen Querdenker.

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