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Vollbild | Beitrag vom 03.06.2017

Ein Algorithmus als DrehbuchautorDer Hasselhoff-Monolog, der aus dem Computer kam

Von Simone Schlosser

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Ein Rechenzentrum des Internetdienstanbieters 1&1 aufgenommen am 07.01.2015 am Standort Karlsruhe (Baden-W (dpa)
Ein Rechenzentrum bei der Arbeit - sieht so Hollywoods Schreibstube der Zukunft aus? (dpa)

Ein neuer Kurzfilm beschert David Hasselhoff einen Glanzauftritt als Schauspieler. Seine Zeilen hat ihm allerdings ein Computer in den Mund gelegt - avancierte Algorithmen machen es möglich. Drehbuchautoren brauchen um ihre Jobs dennoch nicht fürchten, sagen die Produzenten.

Zwei Drehbuchautoren sitzen im Empfangsbereich einer Produktionsfirma. In verschlissenen Sakkos mit Ansteckern der amerikanischen Autorengewerkschaft. Dazu tiefe Augenringe. Der Inbegriff schlecht bezahlter Drehbuchautoren, die um ihre Wertschätzung kämpfen. Und dann kündigt die hübsche Produzentin auch noch an, ihre Vertragsbedingungen nicht anzunehmen, denn welcher Film braucht heute noch Drehbuchautoren?

Alle Filme brauchen Drehbuchautoren, so die klare Antwort der beiden, und die Produzentin stimmt ihnen zu – teilweise. Denn sie hat ihre eigene Vorstellung eines Drehbuchautors: Eine Bot-Armee aus Computer-Algorithmen, die wahlweise Shakespeare, Aaron Sorkin oder David Hasselhoff zitieren, und ein Drehbuch ganz von alleine schreiben.

Ein Computer als Drehbuchentwickler

Eine Szene aus dem Kurzfilm "It’s no Game", der einen satirischem Blick in die Zukunft des Fernsehens wirft. Ross Goodwin ist einer der beiden Macher.

"Der Film ist eine Art Meta-Version von unserem Vorgänger "Sunspring". Es geht diesmal mehr um den Roboter Benjamin, und weniger um die von ihm geschriebene Geschichte. Ein Kommentar auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz in kreativen Arbeiten."

Ross Goodwin ist Mitte dreißig, Daten-Forscher, Hacker, Künstler, und ehemaliger Ghostwriter für die Regierung von Präsident Barack Obama. Zusammen mit dem Filmemacher Oscar Sharp hat er den Kurzfilm "It's no Game" entwickelt. Nach dem Science Fiction-Abenteuer "Sunspring" ihr zweiter Film, der mit Hilfe eines Computer-Algorithmus geschrieben wurde:

Wenn Shakespeare auf David Hasselhoff trifft

"Wir haben diesmal mehrere Algorithmen programmiert. Einen Shakespeare-Algorithmus. Einen Aaron-Sorkin-Algorithmus. Einen mit den Fernsehserien von David Hasselhoff. Wir haben auch Woody Allen ausprobiert. Aber das hat leider nicht funktioniert. Der hat anscheinend zu wenig Filme."

Der auffälligste Unterschied zwischen "Sunspring" und "It's no Game": das eine ist eine absurde Genre-Parodie ohne zusammenhängende Handlung, das andere eine pointierte Branchen-Satire mit einem klar erkennbaren Erzählstrang. Der Grund dafür ist simpel, erklärt Programmier Ross Goodwin: Diesmal haben sich die beiden nicht alleine auf den Algorithmus verlassen, sondern Filmemacher Oscar Sharp hat Teile des Drehbuchs mitgeschrieben.

"Etwa Dreiviertel des Films wurden durch den Algorithmus geschrieben. Zum einen wollten wir diesmal ein breiteres Publikum ansprechen, und zum anderen wollten wir zeigen, dass diese Technik ein Zusatz ist, aber niemals ein Ersatz sein kann."

Die Berichterstattung über Künstliche Intelligenz sei einseitig

Der Höhepunkt des knapp acht Minuten langen Kurzfilms: Ein Monolog von und mit David Hasselhoff. Ein emotionales Best of von "Knight Rider" und "Baywatch."

"Ein Großteil der Berichterstattung über Künstliche Intelligenz ist sehr tendenziös. In den Überschriften heißt es dann gerne: Ist das noch ein Werkzeug oder das Ende der Kreativität? Das schürt die Ängste der Menschen. Wir versuchen, dem mit Humor zu begegnen."

Teilweise scheinen diese Ängste nicht unbegründet. In Hollywood fällt heute kaum noch eine Budgetentscheidung ohne einen entsprechenden Computer-Algorithmus, der auf der Grundlage von Nutzerdaten, eine Prognose für das jeweilige Projekt abgibt. Netflix hat sich so den Erfolg von "House of Cards" vorhersagen lassen. Sony Pictures das Einspielergebnis der Weltraum-RomCom "Passengers".

Hilfestellung bei Schreibblockaden

Aber auch die Projekte von Entwickler Ross Goodwin und Filmemacher Oscar Sharp haben einen praktischen Nutzen: Sie verstehen Computer-Algorithmen als eine Möglichkeit, der eigenen Kreativität auf die Sprünge zu helfen. Nach "Sunspring" haben sie zahlreiche Anfragen namhafter Drehbuch-Autoren bekommen:

"Für unsere Kunden entwickeln wir Algorithmen, die genau auf die Einflüsse spezialisiert sind, die sie in ihren Filmen haben möchten. Ein direktes Mittel gegen die klassische Schreibblockade. Wenn mir als Autor nichts mehr einfällt, schreibt der Algorithmus weiter. Sätze, die ich dann wiederum überarbeiten kann."

Der Autor als Kurator eines computergenerierten Texts. Für Ross Goodwin ist das nicht das Ende der Kreativität, sondern ihr Anfang. Zusammen mit Filmemacher Oscar Sharp plant er bereits die nächsten Projekte. Aktuell arbeiten sie an einem Algorithmus, der nicht nur schreiben kann, sondern auch andere Bereiche der Filmproduktion beherrscht: Regie, Kamera, Schnitt.

"Es geht uns nicht darum, anderen Menschen Angst einzujagen, sondern provokant zu sein. Die Zuschauer dazu zu bringen, darüber nachzudenken, wo Technologie sinnvoll ist und wo sie es nicht ist. Gerade wenn sie Teil der Kreativ-Branche sind."

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