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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 10.02.2016

Eiergasse in Berlin-MitteUnterwegs in der kürzesten Straße Berlins

Von Ann-Kathrin Liedtke

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Ein Straßenschild in der Eiergasse im Berliner Nikolaiviertel (Ann-Kathrin Liedtke)
Die Eiergasse ist die kürzeste Straße in Berlin (Ann-Kathrin Liedtke)

Das Nikolaiviertel gehört zu den ältesten Stadtteilen Berlins. Hier findet man nicht nur Relikte aus dem Mittelalter, sondern auch die kürzeste Straße der Stadt: die Eiergasse. Trotz einer Länge von nur 16 Metern ist die Straße bei Touristen sehr beliebt.

Zwischen pastellfarbenen, dreistöckigen Häusern mit verzierten Fenstern ragen die roten Türme der Nikolaikirche empor. Ruhig ist es hier. Beinahe vergisst man, dass dies Berlin ist. Nur wenige Schritte entfernt laufen zwei Frauen über das Kopfsteinpflaster und zeigen auf ein Straßenschild: die Eiergasse. Hier führt Nikolaus Struck seit mehr als 20 Jahren sein Antiquariat und handelt mit alten Grafiken und Landkarten.

"Das ist das Wichtige an unserem Geschäft, dass die Menschen hier reingehen können, sie können die Karten in die Hand nehmen. Sie finden dann auf den alten Karten von Berlin diese kleine Straße und sagen: 'Mensch, da ist ja die Eiergasse eingezeichnet!' Aber die Geschichte ist ja, dass der Molkenmarkt, der hier vor dem Geschäft liegt, letzten Endes irgendwann für alle dort verkaufenden Händler zu klein geworden ist und dann hat man die Landwirte, die Eier verkauften, in die Eiergasse gelegt. Daher stammt dann wohl auch der Name."

Der Handel mit den alten Karten hat sich verändert. Viele Menschen kaufen heute lieber im Internet. Nikolaus Struck aber möchte persönlich für seine Kunden da sein.

Geschäfte mit alten Landkarten gibt es kaum noch

"Als ich vor 20 Jahren hierher gekommen bin, gab es noch fünf bis sieben Geschäfte, die mit alter Grafik, alten Stichen gehandelt haben. Die haben alle zwischenzeitlich geschlossen. Und mein Geschäft und ein Geschäft am Gendarmenmarkt – wir sind die letzten verbliebenen, die intensiv mit alten Stichen und Grafiken in Berlin handeln."

An den Wänden des Antiquariats hängen alte Stadtansichten und Landkarten, hinter Vitrinen liegen aufgeschlagene Bücher mit kunstvollen Zeichnungen. Auf der Suche nach der Eiergasse im Nikolaiviertel durchblättert Nikolaus Struck seine Berlin-Karten.

"Auf den Plänen ist es teilweise nicht verzeichnet, weil sie einfach zu kurz ist, zu klein ist. Da müssen wir mal genau gucken, hier ist die Nikolaikirche, hier ist der Molkenmarkt, Eiergasse! Theoretisch muss der Name drauf sein."

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Viertel in der Mitte der Hauptstadt zu großen Teilen zerstört. Erst 1984 begann die Regierung der DDR im damaligen Ost-Berlin mit dem Wiederaufbau nach seinem historischen Vorbild.

"Das Nikolaiviertel wie es jetzt besteht, ist ja praktisch zu 95 Prozent ein Neubau oder Wiederaufbau der DDR und es gibt kleine Beschreibungen auch von Berliner Archiven, da sieht man sehr schön, dass hier kein Stein auf dem anderen stand, also die Eiergasse auch komplett zerstört war, die Nikolaikirche war eine Ruine. Und das ist alles erst zur 750-Jahr-Feier Berlins wieder aufgebaut worden."

Seit dem Mauerfall ist die Eiergasse ein Touristenmagnet

Seit dem Mauerfall verändert sich die Gegend rund um die Eiergasse ständig und wurde zu einem Touristenmagneten. Auch im Restaurant gegenüber dem Antiquariat ist der Wandel zu spüren. Torsten Rühlicke arbeitet im "Paddenwirt" und wohnt nur wenige Minuten von der Eiergasse entfernt.

"Jünger und moderner wird es nach und nach. Also die alte Tradition bleibt erhalten, aber es ziehen immer mehr jüngere Leute her und es wandelt sich auch so ein bisschen in den Geschäften – dass es auch für jüngere Leute was wird."

Mit gutbürgerlicher deutscher Küche will die Gaststätte an das ursprüngliche Nikolaiviertel erinnern. Alte Fotos von Ur-Berliner Stammgästen an den Wänden und unzählige kleine Froschfiguren zeigen die Geschichte des "Paddenwirts", die bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückgeht.

"Wir haben natürlich keine Froschschenkel. Werden wir natürlich oft gefragt. Aber wir haben natürlich viele Frösche da. Wir quaken nicht wie die Frösche, aber wir erzählen wie die Berliner. Das ist vielleicht ganz nett. Und der Paddenwirt war weiter vorne früher, an der Spree. Von daher kommt ja auch der Name: Padde – Kröte. Da wurden noch die Holzbierfässer per Schiff angeliefert und da ist mal ein Fass runtergefallen und ist zersprungen. Und da kamen dann die ganzen Padden und labten sich an dem Bier. Und so ist der Name mal entstanden."

Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg blieb vom historischen Berlin wenig erhalten. Dem Nikolaiviertel ist seine Rekonstruktion an vielen Stellen deutlich anzumerken und erscheint beinahe künstlich. Die Eiergasse aber wirkt authentisch. Sie zeigt, wie wandelbar die Stadt ist und wie viel Geschichte in ihr steckt.

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