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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.10.2005

Eichmann im Weißen Haus?

Auf den hannoverschen Hannah-Arendt-Tagen wird über "Das Böse" diskutiert

Von Jochen Stöckmann

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Die Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1954. (AP-Archiv)
Die Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1954. (AP-Archiv)

In der Geburtsstadt von Hanna Arendt findet jährlich ein Austausch zwischen Philosophen und Politikern statt. In diesem Jahr ging es unter dem Titel "Die beste aller Welten? Das Böse denken und dem Bösen entgegentreten" um den fundamentalistischen Terror. Susan Neiman aus Potsdam stellte die These auf, das Böse sitze im Weißen Haus.

Seit acht Jahren werden in Hannover, der Geburtsstadt von Hannah Arendt, zu Ehren der Philosophin Gesprächsrunden im Rathaus veranstaltet. "Philosophie trifft Politik" heißt das Motto, und Themen wie "Politische Beteiligung und die Zukunft der Parteien" oder auch "Gewalt in der Demokratie" lassen durchaus aktuelle Bezüge ahnen.

Ob allerdings aus dem rhetorischen Aufeinandertreffen der philosophischen Theorie und einer meist nur noch machtpolitischen Praxis auch Richtungsänderungen resultieren, bleibt dahingestellt. Heute ging es mit "Die beste aller Welten? Das Böse denken und dem Bösen entgegentreten" wieder einmal um ein Thema, das auf den Nägeln brennt: Die weltweite Bedrohung durch fundamentalistischen Terror. Zwei Philosophen, Susan Neiman aus Potsdam und der Münchner Julian Nida-Rümelin, legten ihre Thesen vor. Die Erwiderung kam von Günther Beckstein, bayerischer Innenminister, und Ernst Uhrlau, Koordinator der deutschen Nachrichtendienste.

Wenn bei den Hannah-Arendt-Tagen mit Blick auf das moralphilosophische Werk der gebürtigen Hannoveranerin "Das Böse" den Titel abgibt, dann kommt die Sprache bald auf Adolf Eichmann, jenen Architekten der "Endlösung", jenen bürokratisch effektiven Nazi-Massenmörder, den die Prozessbeobachterin Hannah Arendt nach seiner Verurteilung in Jerusalem als Verkörperung der "Banalität des Bösen" beschrieben hat. Julian Nida-Rümelin, Philosophieprofessor aus München, interpretierte vor diesem Hintergrund den heutigen Terrorismus als Spielart des "Bösen" im Arendtschen Sinne:

"Also ich vermute, dass wir demnächst den Typus Eichmann auch aus dem El Kaida-Umfeld vor Gericht haben werden. Jenen Typus, der sagt "Ich habe den Eindruck gehabt, dass die im Großen und Ganzen doch akzeptable und richtige Ziele verfolgen, ich hatte keine andere Möglichkeit, ich habe meinen Teil beigetragen, mir wäre manches weniger grausam lieber gewesen, aber ich fühlte mich auch in der Pflicht"."

Susan Neiman dagegen, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forum und eigentlich mit den Feinheiten philosophischen Denkens vertraut, schlug harsche Töne an:

"Es ist nachvollziehbar, ihr Fall von einem El-Kaida-Eichmann, aber ich sehe die Eichmanns woanders. – Wo? – Im Weißen Haus!"

Das gab – im vollbesetzten Saal des hannoverschen Rathauses – viel Beifall und kaum Widerspruch. Einzig Ernst Uhrlau, Koordinator der Nachrichtendienste im Bundeskanzleramt, nahm als "Praktiker" die These der Philosophen ernst, wonach "das Böse" sehr komplex sei, sich holzschnittartigen Zuschreibungen meist entzieht. Uhrlau umriss stattdessen jene aktuellen Verwerfungen der internationalen Politik, mit denen Hannah Arendt kaum gerechnet haben dürfte:

"Dass Israel heute ein Gegenüber in den Netzwerken von Zarkawi hat, die diese Art einer Endlösung betreiben und dass Israel, wie der iranische Präsident das formuliert hat, von der Landkarte ausradiert werden soll."

Und auch Susan Neiman bewies ja durchaus Sinn für Differenzierung, als sie, die US-Bürgerin, eine weitere rhetorische Attacke auf "ihre" Regierung ritt:

"Wer darauf besteht, das Böse auf eine Art zu definieren, läuft Gefahr, andere Formen zu verkennen. So behauptete Donald Rumsfeld neulich, was in Abu Ghraib passiert ist, war falsch. Aber es ist nicht dasselbe wie Menschen den Kopf abzuschlagen und das auf Video aufzunehmen. Ende des Zitats. Tatsächlich ist die eine Form des Bösen das Produkt eines komplexen Systems, das es den Individuen leicht macht, sich ihrer Verantwortung zu entziehen und die andere das Produkt eines unbarmherzigen individuellen Willens."

Damit war die Figur des Terroristen eingeführt, eine Inkarnation des Bösen und das diametrale Gegenteil der Gesellschaft aufgeklärter Bürger – die auf der anderen Seite mit jenem "Apparat" des Staates konfrontiert sind, der bei der Terrorabwehr Bürgerrechte einschränkt. Die Lage ist also undurchsichtig – gerade deshalb warnt Nida-Rümelin, der ehemalige Kulturstaatsminister, vor Denk-Schablonen:

"Wenn wir nine-eleven in das Paradigma des Kulturkampfes stellen, haben wir schon verloren. Wenn man sagt, da prallen Kulturen aufeinander, da kann es individuelle Verantwortungszuschreibungen nicht mehr geben, dann ist das die falsche Analyse: Man muss mir erst einmal zeigen, was da islamistisch oder islamisch ist. Da könnte man genauso von den Napalmbomben als christlichem Terror sprechen, etwa im Vietnam-Krieg."

Genau in diesem Sinne aber scheint Susan Neiman das "Böse" im 21. Jahrhundert zu sehen, als ein monströses Zwitterwesen aus individuellem Terror und staatlich sanktioniertem Krieg – etwa wenn sie sich in die Rolle eines US-Militärstrategen im Irak versetzt:

"Nicht die Zivilbevölkerung zu bombardieren sondern einen Terroristenbunker, nehme aber in Kauf, dass ich collateral damage verursache, wie es so schön heißt – was ist dann eigentlich meine Absicht?"

Nun ist das Problem der asymmetrischen, der ausgesprochen "bösen" Gewalt ja gerade, dass die Terroristen eben keine Bunker brauchen – weil sie die Zivilbevölkerung als Schutzschild haben. Und Nida-Rümelin - wohl wissend, dass im "Krieg gegen den Terror" jede Entscheidung moralisch angreifbar ist – entzieht sich gleich allen Fragen, auf die philosophisch feine Art:

"Ich bin nicht Radikalpazifist und sage, jede Form des Krieges ist unter allen Bedingungen unzulässig, ich sage nur: Die Kriegslogik steht im Widerspruch zum humanistischen Fundament unserer Moralität."

Bei soviel Hilflosigkeit der Denker gegenüber dem Bösen hätte ein Praktiker wie Günter Beckstein leichtes Spiel haben können. Aber der bayerische Innenminister wurde nicht müde, für Integration, interreligiösen Dialog und Toleranz als langfristig wirksamstes Mittel gegen jede Art von Terror zu plädieren. Kurzfristig jedoch muss die Polizei für Sicherheit sorgen, auch wenn ihr Wissen um "das Böse", um informelle Strukturen und Anwerbungspraktiken fundamentalistischer Netzwerke nicht immer gleich eine Strafverfolgung nach sich zieht – aus rechtsstaatlichen Gründen auch nicht ziehen darf:

"Die Teilnahme an einem Ausbildungslager ist ja noch keine Straftat, zumal der Übergang von Korankursen und Terrortechniken fließend ist. Da gibt es eine Subkultur in unserem Land, die von den Ideologen von Multikulti nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen wird, dass wir etwa in diesem Sommer 30.000 Sommerkurse für junge Leute hatten in diesen fundamentalistischen Bereichen."

Nicht polizeitaktisch, sondern fast schon als gewichtiges moralphilosophisches Apercu wirkte am Ende die Bemerkung des Innenministers Beckstein zum politisch korrekten Umgang mit dem Bösen:

"Viele Gespräche mit sogar relativ radikalen Gruppierungen verlaufen sehr angenehm, und zwar deshalb, weil die Leute einen schamlos anlügen."

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