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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 10.11.2014

Ehemaliges Jugoslawien"Heute leben wir wie auf einer Autobahn"

Wirtschaftlich geht es Serbien und seinen Nachbarländern schlecht

Von Karla Engelhard

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Blick auf Serbiens Hauptstadt Belgrad (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Blick auf Serbiens Hauptstadt Belgrad (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Während 1989 die Mauer fiel, begannen in der jugoslawischen Föderation die Gräben zwischen den Völkern zu wachsen. Der Staat zerfiel in sieben Republiken. Ein Besuch in einer deutschen Firma in Belgrad auf der Suche nach den Spuren der Geschichte.

Druckablassen beim hessischen Industriegashersteller Messer am Stadtrand von Belgrad. Die deutsche Firma hat bereits 1997 den jugoslawischen Staatskonzern Technogas übernommen, damals noch für D-Mark. Kurz nach dem Frieden von Dayton und bevor die Nato, mit deutscher Beteiligung, nicht nur die serbische Hauptstadt Belgrad bombardierte.

Auf dem Chefsessel von Technogas saß in den 1970er-Jahren Slobodan Milosevic, angeklagter, aber nie verurteilter Kriegsverbrecher. 2006 starb er in einer Zelle des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag an einem Herzinfarkt. Ernst Bode, Chef von Technogas, blickt auf seinen Vorgänger zurück, den ihm Mitarbeiter so beschrieben:

"Milosevic war vom Profil her jemand, der gesagt hat, wenn jemand Ausgleich wollte, nein, das müssen wir reinhauen, da müssen wir für klare Verhältnisse sorgen, da müssen wir durchmarschieren."

Dabei startete Präsident Slobodan Milosevic 1989 als Hoffnungsträger. Er versprach am 28.Juni 1989, am Sankt Veits Tag, vor jubelnden Serben, das heilige Kosovo zu Serbien zurückzuholen und die Jahrhunderte alte Diskriminierung der Serbe zu beenden.

"Es lebe Jugoslawien! Es lebe die Brüderschaft zwischen den Völkern!"

DDR hatte kurzzeitig die Nase vorn

Es folgten jedoch Bruderkriege gegen Slowenien, gegen Kroatien, gegen Bosnien-Herzegowina, gegen Kosovo. Die Folgen: zehntausende Toten, hunderttausende Vertriebenen, eine zerstörte Wirtschaft und internationale Ächtung.

Vor dem Aufstieg von Slobodan Milosevic waren die deutsch-jugoslawischen Beziehungen in Politik und Handel rege. Deutschland war der größte wirtschaftliche Partner. Jugoslawische Gastarbeiter zog es zu Tausenden in die Bundesrepublik. Nachdem Titos Jugoslawien die DDR 1957 anerkannte, zog sich das politische Bonn zurück, die deutsche Wirtschaft nicht.

Zumindest diplomatisch hatte die DDR kurzzeitig die Nase vorn, denn zu dieser Zeit wurde der Arbeiter und Bauernstaat von Eleonore Staimer in Belgrad vertreten. Sie galt als sehr fähige Botschafterin mit besten Kontakten, war sie doch die Tochter des ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck. Sie kannte den jugoslawischen Staatspräsidenten Tito noch aus Moskauer Exil-Zeiten, wo man einander im Emigrantenhotel "Lux" begegnet war.

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings kühlten sich die Beziehungen zwischen den beiden kommunistischen Ländern ab. Die Bundesrepublik blieb attraktiv für Jugoslawen: Ihre Wirtschaft für die jugoslawischen Gastarbeiter und die deutschen Touristen als Devisenbringer vor allem an der kroatischen Küste. Während 1989 die Mauer zwischen Deutschland Ost und West fiel, begannen in der jugoslawischen Föderation die Mauern zu wachsen. Der Vielvölkerstaat zerfiel in sieben unabhängige Republiken, alle nicht viel größer als deutsche Bundesländer.

"Das goldene Jugoslawien gibt es nicht mehr"

"Vieles hat sich mit dem Zerfall Jugoslawiens verändert. Das 'goldene Jugoslawien' gibt es nicht mehr. Man hat damals langsam gelebt. Heute leben wir wie auf einer Autobahn, auf der wir mit 300 km/h auf der Überholspur dahinrasen. Alles verändert sich in einem unheimlichen Tempo. Wenn ich zurückblicke geht es uns seit dem Zerfall Jugoslawiens schlechter, das ist in allen ehemaligen jugoslawischen Republiken so."

Bajram Temaj ist albanischer Bäcker im serbischen Novi Sad. Er hat dort mehrere Bäckerläden, eine Pizzeria und ein Kaffee. Wirtschaftlich liegen die meisten ehemaligen jugoslawischen Republiken jedoch am Boden. Es fehlt an Investitionen, an Knowhow und außerdem stecken die dringend notwendigen Privatisierungen maroder Staatsbetriebe, vor allem in Serbien noch in den Kinderschuhen.

Die erfolgreiche Übernahme eines jugoslawischen Staatskonzerns durch eine deutsche Firma war und ist da die Ausnahme. Ernst Bode, Mann der ersten Stunden:

"Keinen einzigen Arbeitsplatz haben wir geschaffen, im Gegenteil, wir haben 900 Arbeitsplätze vernichtet. Als wir hierherkamen waren wir 1300 Leute ungefähr, wir sind jetzt 350. Wir haben mehr Geschäft als zu dem Zeitpunkt als wir kamen, aber wir sind eine durch und durch gesunde, erfolgreiche und solide Firma. Und 900 Arbeitsplätze abzubauen ist in Serbien gelungen, ich möchte mal sehen ob das in Deutschland gelungen wäre."

Das vereinte Deutschland ist für Serbien, das nur unwesentlich größer ist als Bayern, zum Handelspartner Nr. 1 aufgestiegen. Belgrad werden von Brüssel gute EU- Beitrittschancen bescheinigt. Zwei ehemalige jugoslawische Republiken, Slowenien und Kroatien, sind schon Mitglieder der Europäischen Union. Bosnien Herzegowina, Mazedonien, Montenegro und Kosovo haben noch einen weiten Weg vor sich.

 

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