Hörspielmagazin, vom 17.01.2019

Edgar Allan Poes "Pym" als HörspielPoe's Fiction

Von Sarah Murrenhoff

Seeabenteuerroman, Expeditionsbericht, Bildungsroman, Schauergeschichte - „Die Geschichte des Arthur Gordon Pym“ von Edgar Allan Poe ist rätselhaft und schlägt Wellen bis heute. Was fasziniert an diesem Roman und wie kann ein Hörspiel dies aufgreifen?

"Schiffbruch des Dreimasters 'Emily'" von Eugène Isabey. (Gérard Blot / Agence photographique de la Réunion des Musées Nationaux - Grand Palais des Champs Elysées)
"Schiffbruch des Dreimasters 'Emily'" von Eugène Isabey. (Gérard Blot / Agence photographique de la Réunion des Musées Nationaux - Grand Palais des Champs Elysées)

Edgar Allan Poe war ein kurioser Typ, der eigenwillige Texte schrieb. Noch dazu in einer Zeit, in der diese Texte alles andere als gewünscht waren. Aber das hat den Münchener Verleger und Regisseur Michael Farin besonders gereizt. Er hat ein Faible für eigenwillige Texte und literarische Grenzgänger, die ihrer Zeit voraus oder einfach zeitlos sind.

"Ich habe den Arthur Gordon Pym als Jugendlicher gelesen", erzählt Farin, der Poes Pym zu einem zweiteiligen Hörspiel adaptiert hat. Neben zahlreichen Erzählungen ist das phantastische Seeabenteuer aus dem Jahr 1838 Edgar Allan Poes einziger Roman und inzwischen ein Hauptwerk der amerikanischen Literatur. Der Roman sprengte damals alle Genregrenzen und überforderte die Kritiker seiner Zeit. "Der hat mir als Jugendlicher ungeheuer gut gefallen. Ich wusste, ehrlich gesagt, nicht mehr genau, warum. Ich wusste nur, dass es mich tief beeindruckt hat."

Den ersten Kontakt mit Edgar Allan Poe macht man meist im Jugendalter

Das ist typisch für Poes Leserschaft. Das Jugendalter scheint perfekt, den ersten Kontakt mit Poes schaurig-phantastischen Erzählungen zu machen. Die Geschichte des Arthur Gordon Pym nimmt den Leser an die Hand und reißt ihn mit in eine Handlung, die rastlos und zielgerichtet immer weiter in Richtung Untergang vorprescht.

Was als adoleszenter Traum von Seeabenteuern beginnt, schlägt um in hyperrealistische Schilderungen immer phantastischer werdender Geschehnisse: Meuterei, Schiffbruch, Begegnungen mit Geisterschiffen, Massaker, Lebendig-Begraben-Sein, der Horror des Kannibalismus. Wie im Fieber wird jeder Alptraum von einem noch unbändigeren Schreckensszenario abgelöst.

"Man wird hineingesogen in eine andere, fast jenseitige Welt"

"Für mich ist es eine Lebensreise", sagt Michael Farin, Bearbeiter und Regisseur der zweiteiligen Hörspieladaption von Poes Pym, "Edgar Allan Poe hat eine Geschichte geschrieben, die aufhört, um anzufangen. Man wird hineingeworfen in eine Welt, in der man einfach agieren muss. Und irgendwann wird man hineingesogen in eine andere, fast jenseitige Welt. Dann kommt der Schlund, der einen verschlingt, verschluckt und der einem nur noch die Möglichkeit lässt, sich vorzustellen, nicht mehr zu sein."

Es sind die obsessiven Visionen der Selbstauslöschung und die Faszination des Abgrunds, die nicht nur Jugendliche fesseln. Indem Poe scheinbar Unlogisches miteinander verbindet, spricht er auch die Sensibilität derer an, die sich die Unausgewogenheit und Vehemenz der Jugendjahre erhalten haben: Künstlerinnen und Künstler.

Von Baudelaire bis Jules Verne - Edgar Allan Poe faszinierte sie alle

So war es der Dichter Charles Baudelaire, der Edgar Allan Poe in Europa entdeckte und das Moderne an Poes dunklem Blick auf die Zivilisation erkannte und schätzte. Jules Verne setzte 1897 die Geschichte des Arthur Gordon Pym gar fort in seinem Roman "Die Eissphinx". Später sollten Charles Romyn Dake 1899 und H.P. Lovecraft 1936 mit alternativen Fortschreibungen folgen. Und auch der schottische Musiker Eric Woolfson entdeckte Poe als Kind, woraufhin ihn dieser rätselhafte Schriftsteller Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen sollte. Sein Album "Poe. More Tales of Mystery and Imagination" dient als musikalisches Zeugnis dieser Faszination.

Und da sind dann noch Michael Farin und der Übersetzer Hans Schmid, die gemeinsam im Mare-Verlag eine über 500-seitige kommentierte Neuübersetzung des Arthur Gordon Pym herausgegeben haben. Ein Wagnis, bedenkt man die bekannte Übersetzung des Schriftstellers Arno Schmidt.

"Das ist unser Pulp Fiction"

Für das Hörspiel POEsPYM hat Farin mit dem Komponisten Georg zeitblom gearbeitet. "Es ist eine literarische Geschichte", sagt Farin, "aber mit einem dominanten Musikanteil. Musik soll für mich immer zwei Sachen ermöglichen: Zum einen soll sie die Sprache klar und transparent werden lassen, andererseits aber auch die Handlung und die gesamte Stimmung vorantreiben."

Beim Hörspiel POEsPYM haben Farin und zeitblom genau auf diese Effekte gesetzt. "Wir arbeiten so zusammen", sagt zeitblom, "dass wir immer neue Atmosphären, Sounds, akustische Landschaften bilden." Geräusche, wie man sie aus anderen Hörspielen kennt, sucht man in POEsPYM vergeblich. "Alles, was die Geräusche normalerweise im Hörspiel machen, baut die Musik eigentlich auf und ein", erläutert der Komponist.

Und die treibende Handlung des "Arthur Gordon Pym" – zudem komprimiert auf zweieinhalb Stunden Hörspiel – verlangt nach viel Musik. Die Musik von zeitblom stellt den Hörer oder die Hörerin immer wieder in eine atmosphärische Situation, um die Handlung dann umso abrupter fortzusetzen – ähnlich, wie es auch bei der Lektüre von Poe passiert. "Das ist unser Pulp Fiction", sagt Farin, "die Geschichte ist sehr auf Action angelegt, verzichtet auf jede Psychologisierung, auf jede Tiefendimension im psychologischen Bereich. Es wird wirklich nur Handlung geboten, und die Musik treibt diese Handlung noch mal schneller und mehr, fast härter voran."

Eine Wiederauflage der aufwändigen, fußnotenreichen Neuübersetzung wird im Belleville-Verlag erscheinen.

Zum Hörspiel:

Hörspiel nach Edgar Allan Poe - POEsPYM (1/2)
(Deutschlandfunk Kultur, Hörspiel, 20.01.2019)

Die düsteren Mächte von Tsalal - POEsPYM (2/2)
(Deutschlandfunk Kultur, Hörspiel, 28.01.2019)

Zum Entstehen des Hörspiels:

Hörspiel-Werkstatt - POE‘s Production
(Deutschlandfunk Kultur, Hörspiel, 03.02.2019)