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Zeitfragen | Beitrag vom 17.02.2020

Eco City WünsdorfGeplante Stadt der Selbstversorger

Von Trisha Balster und Viola Blomberg

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Blick auf das Gelände des ehemaligen Militärstützpunktes Wünsdorf (Trisha Balster / Viola Blomberg)
Ehemaliger Militärstützpunkt Wünsdorf: Hier könnte eine autark betriebene Stadt entstehen. (Trisha Balster / Viola Blomberg)

Nachhaltig leben auf einem Ex-Militärgelände: Stadtplaner und Forscher wollen südlich von Berlin eine Öko-Modellstadt entstehen lassen. Die Initiatoren verstehen die Eco City Wünsdorf auch als eine Antwort auf die weltweite Klimakrise.

Etwa eine Stunde südlich von Berlin liegt Wünsdorf, ein Ortsteil der Stadt Zossen mit etwa 6000 Einwohnern. Außer einem kleinen Asia-Imbiss gibt es hier am Bahnhof nicht viel zu sehen. Wenn es nach den Initiatoren des Projekts Eco-City geht, soll sich das bald ändern. Denn: In Wünsdorf-Waldstadt könnte eine Öko-Modellstadt entstehen. Die erste der Welt, sagen die Initiatoren.

Ausgeklügelt wird das Konzept seit 2015 von einem Netzwerk aus Stadtentwicklern und Forschern, allen voran der Berliner Professor und Architekt Eckhart Hahn. Seine Vision: Die Eco City soll eine Antwort auf die weltweite Klimakatastrophe sein, durch die Misswirtschaft und Flucht entstehen.

Eine autark betriebene Stadt, deren Bewohner sowohl Produzenten als auch Konsumenten sein sollen, die ausschließlich erneuerbare Energien nutzen.

Modellprojekt auf ehemaligem Militärgelände

Noch aber ist es hier eher grau als grün. Wir sind verabredet mit Michael Sparfeld. "Das ist eigentlich wirklich tot hier", sagt er. "Hier gibt es auch einen alten Gasthof, der irgendwann mal abgebrannt ist." Er ist in der Region zu Hause und engagiert sich für Eco-City.

"Ich wohne seit gut sieben Jahren hier, seitdem ist das so eine Ruine", erzählt er. "Dieser Bahnhof ist halt ein wichtiger Teil des Konzepts, oder der Idee, Eco City hier anzusiedeln, weil dadurch eine sehr gute Verkehrsanbindung an Berlin und andere Orte gegeben ist. Und es gibt dann auch so etwas wie eine Grünachse von Eco City Richtung Bahnhof, um hier eine schnelle, angenehme Anbindung zu haben."

Vom Bahnhof fahren wir einige Kilometer mit dem Auto bis zum ehemaligen Militärgelände. Hier soll die Stadt der Zukunft einmal entstehen. Die zentrale Idee: In der Eco City gemeinsam eine nachhaltige Lebensweise entwickeln. Das könnte dann auch Vorbild für andere Orte auf der Welt sein.

Verwitterte Kasernen hinter verschlossenen Eisentoren

Jetzt aber befinden wir uns erst mal vor verschlossenen Eisentoren. Viele Teile des circa 100 Hektar großen Geländes sind umzäunt. "Betreten verboten" steht auf gelben Schildern. Dahinter liegen verwitterte Kasernen und verwildertes Brachland – Militärbrache.

Denn Wünsdorf galt lange als wichtiger Militärstützpunkt – erst für die Nationalsozialisten, nach dem zweiten Weltkrieg dann für sowjetische Truppen. Gemeinsam mit Michael Sparfeld machen wir vor dem ehemaligen Haus der Offiziere halt:

"Seit '95 stehen die Gebäude leer, und seitdem wird eigentlich auch versucht, die zu veräußern an potentielle Investoren, Käufer, sonst wie. Das hat aber die ganze Zeit nicht funktioniert. Teil der Idee ist auch, diese Gebäude zu retten."

"Betreten verboten" steht auf einem Schild an einem Metallzaun. (Trisha Balster / Viola Blomberg)"Betreten verboten": Seit 1995 stehen die Gebäude auf dem ehemaligen Militärgelände leer. (Trisha Balster / Viola Blomberg)

Nach den Vorstellungen von Eckhart Hahn soll das Gelände als Ausbildungsstätte genutzt werden. Internationale Experten, die bereits bei der Planung des Projekts mitgewirkt haben, werden dann, so die Idee, Menschen aus Deutschland, Europa und Flüchtlinge aus weltweiten Krisengebieten in nachhaltiger Lebensweise unterrichten – theoretisch und praktisch.

Die Eco City soll also nicht nur eine Modellstadt werden, sondern auch ein Campus. So könnten die ehemaligen Kasernen für die Auszubildenden als Wohnhäuser genutzt werden.

Anbaufläche für Obst, Gemüse und Kräuter

"Das heißt, in ihrer täglichen Lebenspraxis erfahren sie, wie es ist, in einer Öko-Stadt: Das heißt mit Kreisläufen, mit eigener Energieversorgung, mit eigener Nahrungsproduktion, wo das Wasser nicht mehr in die Kanalisation geht."

Dafür soll rund 25 Hektar Anbaufläche geschaffen werden – für Obst, Gemüse und Kräuter.

"Und die Auszubildenden lernen, wie man unfruchtbares Land in fruchtbares Land mit den eigenen Nährstoffen umwandelt. Wie man erntet und wie daraus Nahrungsmittel macht."

Doch im Moment steht auf dem Gelände lediglich eine nicht ausgelastete Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Für Eckhart Hahn aber ein guter Ansatzpunkt: "Hier sind 1000 Plätze für Auszubildende. Weniger als 500 sind belegt. Über 500 sind leer. Es könnte morgen angefangen werden. Aber das ist politischer Wille."

Und das ist im Moment das Problem: Noch gibt es die Eco City nämlich nur auf dem Papier, denn die Zossener Stadtverordneten halten das Projekt für unrealistisch und lehnen eine Unterstützung bisher ab.

Keine Unterstützung von den Stadtverordneten

In einer Pressemitteilung heißt es: Die Flächen, die im Besitz der Entwicklungsgesellschaft Wünsdorf/Zehrensdorf sind, würden nicht zur Verfügung stehen. Außerdem wird befürchtet, dass der Zuwachs an größtenteils ausländischen Auszubildenden die Bevölkerungsstruktur kaputt mache.

Trotz dieses Widerstands und einiger Vorbehalte: Bei der Bevölkerung sei das Interesse da, sagt Michael Sparfeld: "Es gibt hier sehr viele Menschen, die, ich denke mal, Neuem gegenüber auch durchaus aufgeschlossen sind. Die sich freuen würden, wenn hier in Richtung Ökologie, Umweltschutz, regenerative Energien mehr laufen würde."

Doch das ist heute noch schwer vorstellbar. Denn was mit dem Gelände schließlich passiert, darüber entscheidet eben die Stadt Zossen. Und für einige Teile würden mit anderen Interessenten verhandeln.

Eckhart Hahn und sein Team sind trotzdem weiter auf der Suche nach Investoren und führen Gespräche mit nachhaltigen Finanzinstituten.

Und er glaubt weiter fest an sein Projekt: "Die Idee ist stärker als der Ort. Wenn der Widerstand in Zossen so groß sein sollte, wovon ich nicht ausgehe, dass er einfach zu mühsam ist zu überwinden, dann gibt es natürlich auch andere Standorte."

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Hörfunk-Projekts im Studiengang Kulturjournalismus der Universität der Künste Berlin.

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