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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.11.2016

Eckweiler im HunsrückEine Kirche ohne Dorf

Von Anke Petermann

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Besuchergruppe des "Eckweilerer Sommers", ein Kulturprogramm in Rheinland-Pfalz, auf dem Weg zur Heilig-Kreuz-Kirche im Hunsrück. (Anke Petermann)
Da ist eine Kirche - aber wo ist das Dorf? (Anke Petermann)

Die kleine Heilig-Kreuz-Kirche ist über 500 Jahre alt. Das Gotteshaus steht in Eckweiler im Hunsrück - und ist eine Kirche ohne Dorf. Denn die dreihundert Eckweilerer siedeln bis Ende der 70er-Jahre um. Im Juni 1979 wird die Gemeinde aufgelöst, 1981 und 82 der Ort planiert.

Ein Kirchturm mit schwarzem Schieferdach spitzt aus der Talsenke. Es nieselt im Soonwald. Der Raps leuchtet knallgelb auf den Feldern. Die Wiesen, Büsche und die Trauerweide nahe der Kirche glänzen in feuchtem Grün.

Der rote Soonwald-Bus fährt vor - voll besetzt mit Wochenend-Touristen, einheimischen und auswärtigen. Doch kaum jemand will an der Eckweilerer Kirche aussteigen - zu ungemütlich draußen. Drinnen im Bus erzählt die "Soonwald-Fee" Geschichten aus der Gegend, es ist warm und lustig. Da kann man sich Eckweiler und sein 500 Jahre altes Kirchlein genauso gut aus dem Busfenster ansehen und dann weiterschaukeln zum Denkmal für den "Jäger aus Kurpfalz", den legendären Soonwald-Förster des Mainzer Kurfürsten im 18. Jahrhundert. Das ist die nächste Bus-Station.

Gut gelaunte Buswanderer winken aus dem Fenster. Es wird wieder still in Eckweiler. Nicht ganz. Die Alt-Eckweilererinnen im Holzpavillon an der Trauerweide haben sich viel zu erzählen. Heute wohnen sie in Daubach, Roxheim und Bad Sobernheim. Sich zu treffen - etwas Besonderes.

Die Männer der "Eckweilerer Mädchen" stehen draußen um den grün beschirmten Grill und bewachen die Würstchen.

Als der Kirchturm umfiel

Die Frauen bauen eine Kaffee- und Kuchen-Tafel unterm Pavillondach auf. Damit sich die Besucher, die mit Bus oder Auto aus Koblenz, Mainz, Simmern und Oberwesel angereist sind, nach einem geführten Spaziergang durch die heutige "Wüstung Eckweiler" stärken können. Die Wüstung, also das vor mehr als dreißig Jahren aufgegebene Dorf.

Die Einnahmen fürs Selbstgebackene spenden die Frauen, damit die Eckweilerer Kirche erhalten wird. Armin Kilian setzt sich zu ihnen in den Pavillon. Seit einem Schlaganfall ist der Rentner nicht mehr gut zu Fuß. Aber seine Kindheitserinnerungen hat er parat. Geboren ist Kilian im Vorkriegsjahr 1938. Und was liegt an einem trüben Sonntag siebzig Jahre nach Kriegsende näher, als zurückzublicken: März 1945, die Amerikaner marschieren in den Hunsrück ein. Oberhalb von Eckweiler baut die SS Panzersperren auf. Die US-Soldaten kontern mit Phosphorgeschossen.

"Un da hat das ganze Dorf gebrannt."

Sechs Jahre war der Bauernsohn damals alt.

"Mir ware in de Kellere, im Keller, also ich un noch mehr junge Bube han gesehn, wie der Kirchturm umgefall' is,"

Kilian hält inne, schaut auf die Heilig-Kreuz-Kirche mit dem wiederaufgebauten Schiefer-gedeckten Turm auf der anderen Seite der Dorfstraße.

"Umgefall in de Kirchraum rein. Sechzig oder siebzig Prozent vom Dorf war verbrannt. Scheune und Stroh und Heu, alles hat gebrannt. Bei uns hat das Vieh uffm Hof geleje, die han sich losgerisse und sind dann im Hof verendet, wegen Rauchvergiftung. Nachher sind dann sonntags die Panzer durchgefahren, durch Eckweiler und han die Leut‘ all aus de Kellere rausgeholt. Die kleene Kinner, die han 'Heil Hitler' gesacht, weil der Postbote un de Schullehrer, da mussten wir im Krieg noch 'Heil Hitler' sagen, und da ham mir gemeint, das wär‘ so. Und da ham die Schwarze gelacht, gell, fer uns Kinner. Und da hab ich de erste Kaugummi kriegt, Chewing Gum!"

Die Amerikaner zogen wieder ab – im Sommer wurde der Hunsrück der französischen Besatzungszone zugeschlagen. Im August 1946 entstand auf deren Gebiet Rheinland-Pfalz, als letztes Land der westlichen Besatzungszonen. Zwei Jahre später hatten die Kilians ihren Bauernhof in Eckweiler wiederaufgebaut. Elf Hektar Feld bewirtschaftete die Familie – Selbstversorger, wie damals die meisten im Dorf. Zweimal im Jahr wurde geschlachtet.

"Ja, mir ham alles angeplanzt! Mir konnte uns selbst ernähren! Mir han nix kaufe brauche wie … die Mutter hat Essig un Öl un Zucker un Salz gekauft,"

im Kolonialwarenladen. Direkt neben dem Gasthof an der alten Trauerweide. Da wo jetzt der Holzpavillon und der grünbeschirmte Grill stehen: die improvisierte Eckweilerer Wirtschaft.

Damals gab es ein Postamt und eine Volksschule

Sommer 1948 – Währungsreform. In der Familie Schauß kommt ein Sohn zur Welt. Albert Schauß ist heute Vorsitzender des Eckweilerer Freundeskreises. Der Verein organisiert das Kulturprogramm in und vor der Kirche.

Fast einen Monat vor der ersten Soonwald-Bus-Tour ist das denkmalgeschützte Gotteshaus mit mehr als hundert Besuchern bis auf die letzte Bank-Reihe besetzt. Auch ohne dass an diesem Tag der rote Bus verkehrt.

Die Orgel erklingt von der kleinen Empore. Türkisfarben gestrichen sind Bänke und Holzempore, durch die pastellfarbenen Fenster hinterm Altar fällt das Sonnenlicht. Heimelig und heiter ist die Stimmung in diesem Gottesdienst, mit dem alljährlich der sogenannte "Eckweilerer Sommer" beginnt. Albert Schauß strahlt: die Kirche als Ort von Gemeinschaft und Gesprächen, genau so hatten er und seine Mitstreiter vom Freundeskreis sich das gewünscht. Schauß steht mit Waltraud Werner zusammen, beide echte Eckweilerer, darauf legen sie Wert:

Werner: "Sogar in Eckweiler geboren, du a noch, gell?!"

Schauß: "Ja, da simmer noch besonders stolz drauf, denn selbscht in der Zeit war das schon nicht mehr so alltäglich, ne."

Werner: "Die Ursel ist in Sobernheim geboren und ich daheim."

Schauß: "Nicht im Krankenhaus gell!"

Werner: "Nee, nicht im Krankenhaus. Zuhause. Hausgeburt, genau!"

Schauß: "Damals hieß das nit Hausgeburt, da kam die 'Ammebas‘', und dann war das gut, gell."

Wieland: "Die is überall hin mit‘m Motorrad. Ich habe noch n Foto von der gesehen, wie se – da war noch so‘n Beiwägelschen noch dabei,…"

... lacht Elke Wieland. Ihre Großmutter betrieb den Kolonialwarenladen im Dorf. 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Mit Kirche, Laden, Volksschule samt einem Lehrer, Gasthaus und einer fast fünfhundert Jahre alten Poststation auf der Linie Brüssel – Innsbruck hatte Eckweiler alles, womit ein Dreihundert-Einwohner-Dorf "Staat" machen konnte. Einschließlich Sägewerk und Schmiede, aus der später ein florierender Metallbaubetrieb samt Landmaschinenhandel und Tankstelle wurde. Nur war Ende der Vierziger vieles im Dorf noch nicht wieder "gebrauchsfertig", erinnert sich Armin Kilian auf der Holzbank im Pavillon.

"Die Kirsche war ja lange e Ruine. Und in Eckweiler gab’s ja auch e Gesangverein.  Un da war ich – mit 14 Jahr‘ hat mei Vatter misch mitgenomme in de Gesangverein. Da simmer mit‘m LKW un de Gesangverein druff uff de Hunsrück gefahre, uff die größere Dörfer un han dort Kirschekonzerte veranstaltet für den Wiederaufbau der Kirsche. Ei, die Fenster un de Glocke un das alles. Un da war ich auch dabei. Ja, un die Kirsche ist dann in de fuffzischer Johre dann fertig geworden,"

Armins Vater, hauptberuflich Bauer, spielte dort schon vor dem Krieg die Orgel, insgesamt ein halbes Jahrhundert lang. Das Orgeln hatte er auf dem Harmonium der Erbtante gelernt. 1956 wurden die Glocken wieder in den Kirchturm gehängt, zwei Jahre später war ganz Eckweiler wieder aufgebaut. Der gemeinsame Einsatz schweißte zusammen. Und, so erzählt Gaby Schauß:

"Da gab‘s ja auch noch keinen Fernseher. Oder wenn, vielleicht irgendwo in nem Lokal, dass es einer gab. Ja, und dann hat man halt den Kontakt gesucht und ist in die Nachbarschaft und hat erzählt, oder hat auch mal zusammen was gearbeitet. Im Winter: die Frauen vielleicht geflickt, Säcke geflickt. Oder wenn die Einmachzeit war, die Zwetschgen, die Pflaumen, die sind reihum gekernt worden. Weil die haben ja dann in großen Kesseln, ziemliches Volumen, Pflaumenmus gekocht. Und das war die Nachbarschaftshilfe früher, und dann hat man halt erzählt."

Flugplatz als Wirtschaftsfaktor für die Region

Anfang der fünfziger Jahre hatten die Franzosen den alten Feldflugplatz Pferdsfeld auf dem Plateau oberhalb des Dorfs beschlagnahmt. Das Gelände nutzten sie für militärische Manöver. Parallel dazu bauten sie dreißig Kilometer nordwestlich im Hunsrück den Fliegerhorst Hahn. Beide Flughäfen und deren Ausbau übernahmen nach dem Abzug der Franzosen die Amerikaner. In der Kirche hat Albert Schauß alte Fotos ausgebreitet.

Der Flugplatz war natürlich auch ein riesiger Wirtschaftsfaktor für die Region. Die vielen Handwerker, die dort arbeiten konnten. Mein Vatter hat auch bei der Pipeline mitgewirkt, diese NATO-Pipeline, in der dann das Kerosin zu den Flugzeugen gepumpt wurde. Dann wurde die Flugplatzfläche noch bewirtschaftet von den Landwirten, und bei der Feuerwehr waren Leut‘ beschäftigt, und auch sonst Zivilangestellte.

1958 geht der Fliegerhorst von der US-Luftwaffe an die drei Jahre zuvor gegründete Bundeswehr. Pferdsfeld wird von den NATO-Partnern mit genutzt, schließlich ist die Bundesrepublik seit 1955 Mitglied im westlichen Verteidigungsbündnis. Und Rheinland-Pfalz wird mit den Luftwaffenstützpunkten Ramstein in der Pfalz, Büchel in der Eifel, Hahn und Pferdsfeld im Hunsrück zum "Flugzeugträger der NATO". Tiefflieger donnern über die gesamt Republik, eine "Landplage" nennt es später das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Der kalte Krieg - in den Hunsrück-Dörfern Pferdsfeld, Rehbach und Eckweiler ist er vor allem laut. Die Gefahr für die Bevölkerung in der Einflugschneise steigt.

Logistik nach der Logik des Kalten Krieges

Vor der Kirche breitet der Freundeskreis-Vorsitzende eine Karte aus und deutet auf einen hellen Fleck.

"Rehbach lag hier. Rehbach wurde ja 1965 schon umgesiedelt. Das lag direkt in der Einflugschneise, und als damals - die G 95 war das, …"

… ein Jagdflieger, und als der, so Albert Schauß,

"… den Flugplatzzaun mit dem Fahrwerk mitgenommen hat, da ha han sie gesat, oh, oh, oh, wenn der mal ein bisschen tiefer kommt, hat er die Häuser mitgenommen. Dann wurde Rehbach umgesiedelt und ein Stückschen weiter wieder aufgebaut."

Zehn Jahre später läutete eine neue Kampfflugzeug-Generation das Ende von Eckweiler und Pferdsfeld ein.

"Ja, die Umrüstung auf die Phantom – das war und ist auch heute noch der lauteste Jagdbomber der Bundeswehr, die sind hier teilweise im Verband gestartet, bis zu vier, das war ein Getöse, das kann man sich nicht vorstellen. Das war nachweislich gesundheitsschädlich, und das gab auch den  Anstoß, dass die Bundesregierung gesagt hat, wir müssen die Bevölkerung schützen vor den Gesundheitsgefahren."

In der Logik des Kalten Kriegs hieß das: Nicht der Fliegerhorst mit 1600 Soldaten sollte leiser werden oder weichen, sondern das tausend Jahre alte Bauerndorf mit 300 Einwohnern musste weg. Demonstrationen? Aufstand? Fehlanzeige. Gegen den Flugplatz als wichtigen Arbeitgeber wollte kaum jemand protestieren. Auch der damalige Mittvierziger Armin Kilian nicht.

"Die Soldaten, die han ja auch Geld ausgegeben. Anders wie heut‘. Heut is das ne armselisch‘ Gegend hier. Als die Soldaten da waren, da war was los. Die meisten Leute han das auch hingenommen gell,…"

… dass nämlich das Dorf wegen der Tiefflieger unbewohnbar geworden war und aufgegeben werden musste. Wenn Albert Schauß Besucher durch die verlassenen Dorfstraßen der Wüstung Eckweiler führt, wundern sich manche über die fehlende Gegenwehr.

"Es war ja keiner gegen die Phantom. Wir wollten ja nur keinen gesundheitlichen Schaden nehmen. Wir haben ja gut gelebt mit dem …"

"Ja, aber dass Sie das so akzeptiert haben, wenn Generationen da wahrscheinlich schon aufgewachsen sind, erstaunt mich auch."

So die Koblenzerin, die sich gemeinsam mit einem halben Dutzend Interessierter im strömenden Regen durch die Wüstung Eckweiler führen lässt. 1986 wurden südlich von Kastellaun im Hunsrück rund hundert US-Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen stationiert. Dagegen protestierten 200.000 Menschen, die größte Demonstration je in dieser Mittelgebirgsregion. Ein Eckweiler-Besucher aus Oberwesel erinnert sich, dass es auch zum Militärflugplatz Pferdsfeld kritische Stimmen gab.

"Wir hatten ja in den achtziger Jahren eine starke Friedensbewegung hier. Und der Spruch war: 'Heute Pferdsfeld, morgen Trümmerfeld?' Oft mit nem Fragezeichen versehen. Der Gedanke, der dahintersteht, ist nachvollziehbar: ne militärische Waffe ist immer auch gleichzeitig ein Ziel."

Die lärmgeplagten Eckweilerer aber hatten andere Sorgen. Der Staat in Gestalt der Oberfinanzdirektion Koblenz kaufte ihnen Häuser und Grundstücke ab. "Reich wurde man dabei aber nicht", sagt Gaby Schauß, die im trockenen Pavillon geblieben ist:

Die Bauern fanden Arbeit beim Flugplatz

"Das war halt nicht wie damals in Rehbach, dass man für ein altes Haus ein neues bekam. Sondern es wurde der Zeitwert bezahlt. Das Bauland, das Gartenland, die Felder. Die sind auch, die Kommission, durch jedes Haus und hat genau geguckt, ist da Parkett drin oder ist da nur ein PVC-Boden drin. Oder sind’s Holztüren und so. Es wurde der Zeitwert bezahlt. Und dann hat allerdings der Bund auch noch Finanzierungshilfe geleistet."

Für die Neuansiedlung in den Nachbardörfern oder im eigens für Pferdsfelder und Eckweilerer erschlossenen Neubaugebiet in der Nachbarstadt Bad Sobernheim. Familie Schauß Junior hatte gerade ein Haus aufs Eckweilerer Grundstück hinter Alberts Elternhaus gebaut, noch nicht ganz fertig. Da hieß es für Alt und Jung: neu bauen, umziehen.

"Wir sind tatsächlich auf dem Höhepunkt unserer Dorfkultur aufgelöst worden. Die nächsten Schritte waren ja: die Landwirte haben aufgehört, sogenannte Feierabendbauern, ja, die haben nur noch nach der Arbeit was gemacht. Arbeit war noch zu bekommen. Die Bauern fanden noch Arbeit, aufm Flugplatz oder im nahen Sobernheim. Aus der Scheune oder Stall, da wurde dann ne Garage gemacht, das Auto reingestellt, alles schön, …"

… zumindest von außen. Doch im Grunde waren es "schlimme Entscheidungen", gibt Schauß zu. In der eigenen Familie erlebte er den Streit um das mit, was die ältere Generation als ihr Vermächtnis betrachtete. "Das tut man nicht, man nimmt nicht das Vieh aus dem Stall", warf damals der Großvater dem Vater vor. Eckweiler als reines Bauerndorf war also längst passé, als der Ort umgesiedelt und bis 1982 eingeebnet wurde. Was übrig blieb: Dorfsträßchen mit überwucherten Bordsteinen und Mäuerchen. Ein Ort wie im Dornröschen-Schlaf.

"Was wunderbar gedeiht, sind die Dornenhecken, die Brombeerhecken."

Verschwunden die alten Bauerngärten mit Kartoffeln, Kohlrabi, Schwarzwurzeln und Lauch. Aber die hartnäckigsten Gartenblumen blühen immer noch zwischen wildem Wiesenschaumkraut und Hahnenfuß: hellblau die Vergissmeinnicht und sonnengelb der Gemswurz.

Der Freundeskreis Eckweiler und die Initiative Soonwald

An einem Kirschbaum lehnt eine Holzleiter. Im Sommer und im Herbst ernten die Alt-Eckweilerer Kirschen, Äpfel und Birnen in den verlassenen Gärten. Das Land ums alte Dorf bewirtschafteten früher drei Dutzend Bauern, heute: zwei. Die mischen ihre Spritzmittel mit dem Wasser aus dem Eckweilerer Brandlöschteich, der Ende der Fünfziger Jahre betoniert wurde.

"Ja, da kam Wasser rein, und dann war das unser Schwimmbad. Das war ein Erlebnis."

Erzählt Albert Schauß, während der Regen ins alte Löschbecken und auf die Schirme der kleinen Besuchergruppe prasselt. Zum Abschluss noch eine Frage in die Runde:

"Was meinen Sie, wie würde Eckweiler aussehen, wenn es nicht umgesiedelt worden wäre 1980/81? Wären Sie dann hier, um rundgeführt zu werden?"

"Nee mit Sicherheit nicht. Wir sind ja gerade deswegen hier, weil es umgesiedelt ist, und wie sieht es aus."

Schauß nickt: Unbeachtet wäre der Niedergang des alten Bauerndorfs Eckweiler vonstatten gegangen, davon ist er überzeugt. Er formuliert provozierend:

"Man muss eigentlich sagen, was Besseres hätte uns nit passieren können, sonst wären vielleicht auch in die Situation gekommen, wie sie heute viele, viele Hunsrück-Dörfer haben: Überalterung, Landflucht – ja, und so haben wir Eckweiler in guter Erinnerung."

Allerdings gehört der Rentner nicht zu denen, die das das Ausbluten der Hunsrück-Dörfer kampflos hinnehmen. Mit dem Freundeskreis Eckweiler und der "Initiative Soonwald" kämpfen er und andere seit mehr als zwei Jahrzehnten dagegen an. Am Rande verständigt sich Schauß mit der Mundart-Autorin Elfriede Karsch über eine geplante Lesung im Rahmen des Kulturprogramms:

Schauß: "Räuber- und Schelmengeschichten, das muss ich mir mal aufschreiben."

Karsch: "Räuber- und Schelmengeschichten aus dem Hunsrück, aus dem Soonwald."

Dass einem Ort mit Wurzeln im 9. Jahrhundert angesichts von Landflucht und Dorfsterben im Grunde nichts Besseres als eine bezahlte Umsiedlung passieren konnte – die Autorin aus einem Nachbarort sieht das anders.

Es ist auch so schmerzhaft, weil dieser Flugplatz Pferdsfeld, der war ja nur einen ganz kurzen Zeitraum da, und dann ist die Mauer gefallen, Gott sei Dank. Auf der einen Seite ist es ja großartig, dass die Wiedervereinigung kam und dass dieses militärische Abrüsten stattfand.

Vorbei der Kalte Krieg - Rheinland-Pfalz als "Flugzeugträger der NATO" hatte gewaltige Aufgaben der Konversion vor sich. Das Jagdbombergeschwader mit den donnernden Phantom-Maschinen wurde von Pferdsfeld im Hunsrück nach Laage in Mecklenburg-Vorpommern verlegt. Dass das mal so kommen würde, hatten die Eckweilerer ja nicht geahnt, als sie beschlossen, ihr Dorf aufzugeben. Elfriede Karsch zieht als Fazit:

"Die Pferdsfelder, Eckweilerer und Rehbacher haben ihr Zuhause verloren."

Allerdings sind nur die wenigsten, zumeist Ältere, darüber noch verbittert.

Das Gefühl heimatlicher Geborgenheit nennt man im Hunsrück "Geheischnis". Genau dieses Gefühl suchen die Eckweilerer, wenn sie zu Gottesdiensten in der denkmalgeschützten Kirche oder zu Kaffee und Kuchen unter der Trauerweide zusammenkommen. Mit dem Eckweilerer Sommer laden sie Auswärtige ein, an ihren Erinnerungen teilzuhaben. "Unser Bestreben war", sagt Albert Schauß,

"... die Strahlkraft dieses Ortes und das, was seine Mystik ausmacht, auch anderen zugänglich zu machen. Und es hat funktioniert. Und ich weiß bis heute nicht, warum."

Vielleicht weil die Wüstung zum Nachdenken anregt. Über Heimat, über Geborgenheit. Vielleicht weil sie Besucher anzieht, deren Lebensthema das ist. Bei Kaffee und Kuchen im Pavillon stellt sich heraus: die Koblenzerin stammt aus einem 300-Einwohner-Ort, wie Eckweiler es mal war, gelegen zwischen Bernburg und Dessau in Sachsen-Anhalt. Mitte der fünfziger Jahre verließ die gebürtige Sachsendorferin die DDR gemeinsam mit der Familie. Koblenz - ihr neues Zuhause, ohne wenn und aber. Die Eckweilerer tröstet, dass sich Zugereiste auf ihren Erinnerungsort einlassen. "Soonwald für Einsteiger – Einheimische nicht ausgeschlossen" ist das Motto.

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