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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 14.10.2012

Ebergeruch im Schweinefleisch?

Die Sauerei mit den Ferkeln

Von Udo Pollmer

Kurz nach den geburt wird männlichen Ferkeln der Hoden abgeschnitten - das soll jetzt verboten werden. (AP)
Kurz nach den geburt wird männlichen Ferkeln der Hoden abgeschnitten - das soll jetzt verboten werden. (AP)

Die öffentliche Diskussion über das Verbot einer Kastration neugeborener Ferkel ohne jede Betäubung hat nun eine zweite Diskussion in Gang gesetzt: Metzger fürchten, dass ihnen und damit auch dem Verbraucher Stinkefleisch von Ebern untergejubelt wird.

Sie sind ja so süß, die Kälbchen, die Ferkelchen und die Küken. Dummerweise wird jedes zweite Tier als Männchen geboren. Die wachsen zu Stieren, zu Ebern und zu Hähnen heran. Aber das kann man nicht immer gebrauchen. Wenn die Bürger wenig Brathähnchen essen, dafür aber viele Eier, dann kommen die überzähligen männlichen Küken nach dem Schlüpfen ins Hundefutter - die Werbung labert dann von "zartem Geflügel". Männliche Ferkel und Kälber werden kastriert, dann brauchen sie weniger Futter, setzen mehr Fett an und ihr Fleisch ist zarter.

Deshalb waren früher Kapaune, also kastrierte Hähne oder auch Schöpse, das sind verschnittene Hammel, begehrter als die stolzen Originale. Es handelt sich bei der Kastration also mitnichten um eine Perversion moderner Massentierhaltung sondern um eine uralte, auf der ganzen Welt praktizierte Tradition. Für alle, die sich nach Großvaters Landwirtschaft sehnen, ist das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln eigentlich ein Muss.

Das Verschneiden verbessert nicht nur die Fleischqualität sondern auch das Verhalten. Das erleichtert die Nutzung, - besonders wichtig für die Hobbyhalter von Pferden. Ein Wallach ist halt umgänglicher als ein Hengst. Beim Eber stört außerdem der intensive Geruch seines Fleisches - nach Pissoir. Deshalb werden den Ferkeln kurz nach der Geburt mit dem Skalpell die Hoden entfernt. Nach dem Eingriff, der keine Minute dauert, kommen sie wieder zur Muttersau.

Nun aber wird diese Praxis in der EU verboten, weil das Fehlen einer Betäubung bemängelt wird - verständlich. Also musste die Fleischwirtschaft nach Alternativen suchen. Die erste Idee war die Narkose. Doch wenn die Tiere aus der Narkose wieder aufwachen, tut die Wunde noch genauso weh. Das wirksamste Narkosemittel, es heißt Isofluran, erfordert besondere Schutzmaßnahmen für das Personal, die im Stall nur schwer zu gewährleisten sind. Noch dubioser ist die Betäubung mittels einer Injektion. Das erhöht die Belastung für das Ferkel. Die Betäubung mit Chemie wird vor allem im Biobereich begrüßt - aber nur weil "Betäubung" gut klingt.

Es gibt auch eine unblutige Methode, eine Art Impfung. Man verpasst den Schweinen während der Mast zweimal eine Injektion. Die löst die Bildung von Antikörpern aus, die wiederum die Hormonproduktion wenige Wochen vor der Schlachtung lahmlegen. Bis dahin verflüchtigt sich auch der strenge Geruch. Der Effekt hält etwa sechs Wochen an. Danach würde sich das typische Verhalten und die Fähigkeit zur Fortpflanzung wieder einstellen. In Australien, Russland und Südamerika funktioniert die Impfung bestens. Bei uns wird sie vor allem von den Tierärzten favorisiert.

Das Gefummel mit dem Skalpell macht den Landwirten keinen Spaß, die Impfung kostet Geld und aus der Bio-Narkose wachen manche Tiere nicht mehr auf und müssen entsorgt werden. Deshalb setzen einige Unternehmen der Fleischbranche auf die Jungebermast - eine Mast ohne jede Kastration. Dieses Verfahren befürworten vor allem Tierschützer - weil es auf den ersten Blick vernünftig klingt: Man schlachtet die Eber in der Blüte ihrer Jugend, bevor sich der Geschlechtsgeruch voll entwickelt hat.

Aber das klappt nicht immer wie erhofft. Oft genug sind da frühreife Tiere dazwischen. Dann riecht‘s doch wieder streng und vor allem: Pubertierende Jungeber raufen gerne. Rangordnungskämpfe führen zu massiven Verletzungen. Die sind weitaus schmerzhafter und blutiger als die übliche Kastration wenige Tage nach der Geburt. Wer auf sie verzichtet, braucht später zur Behandlung von Bisswunden womöglich noch kurz vor der Schlachtung Antibiotika. Und schon beißt sich die wohlgemeinte Absicht herzhaft ins Ringelschwänzchen. Mahlzeit!

Literatur:
Stirnimann J: Abgabe von Tierarzneimitteln an Tierhalter zu zootechnischen Behandlungen am Beispiel von Isofluran bei der Ferkelkastration und Lokalanästhetika bei der Enthornung von Rindern.
BbT-Kongress, Bad Staffelstein 23./24.4. 2012
Bader-Mielke C: Impfung gegen Ebergeruch - Beitrag zur Qualitätssicherung. Rundschau üfr Fleischhygiene und Lebensmittelüberwachung 2011; H.4: 116-119
Eidgenossisches Departement des Inneren: Swissmedic: Risiken und Konsequenzen eines grossflächigen Isofluran-Einsatzes bei der Ferkel-Kastration. Stellungnahme vom 27.11.2008.
Ziron M: Wie aggressiv sind die männlichen Mastschweine wirklich? Erzeugerring Westfalen, Jahresbericht 2010: S.55-57
Adam FC et al: Düsser Ergebnisse zur Ebermast; Landwirtschaftliches Wochenblatt 2009, Nr. 42: S. 33-36
Bioland: Schmerzfreie Ferkelkastration bei Bioland. Bioland Partner Aktuell 2011, Nr. 1
Clements R: Entire male pig production: welfare management issues. FAI-Report 17. 8. 2012
Wegscheider W et al: Gefahrstoffe in der Tiermedizin. BGW, Hamburg 2011
Wagner A: Isofluran-Narkose: Wer genehmigt die bundesweite Umwidmung? VETimpulse 2012; H.1: 2-3

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