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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 21.08.2019

E-Sport Computerspiele gehören nicht ins olympische Programm

Ein Kommentar von Carmen Borggrefe

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Computerspieler vor dem Bildschirm: Spieler der Mannschaften "Snogard" während der E-Sport-Bundesliga. (picture alliance / dpa / lno / Angelika Warmuth )
Eine Fußball-Bundesliga für E-Sport gibt es schon länger. (picture alliance / dpa / lno / Angelika Warmuth )

Aus dem Freizeitvergnügen "Computerspiele zocken" hat sich mittlerweile eine weltweit organisierte E-Sport-Szene entwickelt. Bald könnten E-Sports sogar zur olympischen Disziplin werden. Der Sportsoziologin Carmen Borggrefe geht das zu weit.

Beim Sport geht es – soziologisch betrachtet – um die Kommunikation körperlicher Leistungen, die keinen Zweck außer sich selbst haben. Und damit steht fest:

Längst nicht jede körperliche Aktivität kann als Sport bezeichnet werden. Ein Pianist erbringt zweifellos hochkom­plexe körperliche Leistungen, aber er kommuniziert ja nicht, wie virtuos er die Tasten bedient, er macht also keinen Sport, sondern er macht Musik. Und auch beim E-Sport gibt es zwar eine körperbezogene Handlung – nämlich die Bedienung eines Controllers – aber auch diese Handlung dient nicht primär dazu, zu zeigen, wie schnell oder wie schön man klicken kann, sondern sie ist Mittel zum Zweck, einen Avatar zu bewegen.

Die Zuteilung von Sieg und Niederlage erfolgt im E-Sport nicht darüber, wie viele Klicks pro Minute jemand schafft oder welche Tastenkombinationen koordi­nativ bewältigt werden, sondern darüber, wie viele Tore der Avatar bei der Fußballsimulation schießt, wie viele gegnerische Monster er tötet oder Terroristen erschießt.

Töten hat mit Sport nichts zu tun

In E-Sport-Übertragungen achten die Zuschauer daher vor allem auf das virtuelle Geschehen an der Videowand, während die motorische Aktivität der Spieler für die Beobachtung wettkampfmäßiger Video- und Computerspiele keine Rolle spielt. Das unterscheidet diese Spiele fundamental vom Sport.

Um an dieser Stelle einem häufig genannten Einwand zu begegnen: Was ist denn dann mit Schach? Da geht es doch nun wirklich nicht um Bewegung!

Das ist richtig. Beim Schach wird keine körperliche Leistung kommuniziert. Es handelt sich also nicht um Sport. Schach genießt als Gründungsmitglied des Deutschen Sportbundes lediglich Bestandsschutz, würde jedoch heute aber niemals als Sportart in den DOSB aufgenommen werden.

Bei wettkampfmäßigen Video- und Computerspielen geht es jedoch nicht nur um die fehlende sportartbestimmende motorische Aktivität. Hinzu kommen vor allem Legitimationsprobleme auf ethisch-moralischer Ebene. Die Wettkampfszene im E-Sport wird dominiert von solchen Spielen, in denen es um die Simulation von Töten, Zerstören und Erobern geht, also um Sinn-Kontexte, die mit Sport nichts, aber auch gar nichts zu tun haben – und die sich mit den Zielen und Werten der olympischen Idee nicht vereinbaren lassen. Töten – in welcher Form auch immer – hat generell mit Sport nichts zu tun.

Dem IOC mangelt es an gesellschaftlicher Akzeptanz

Bezogen auf die Olympischen Spiele hat das IOC ja in seinen bisherigen Verlautbarungen auch zum Ausdruck gebracht, dass man eine Integration der sogenannten "Killerspiele" rigoros ablehne, und dass man sich – wenn überhaupt – nur eine Öffnung gegenüber den Sportsimulationen vorstellen könne. Das Massenphänomen E-Sport beruht aber nicht auf Sportsimulationen – das ist nur ein ganz kleiner Teil des Marktes –, sondern es beruht in erster Linie auf solchen Spielen, bei denen über die Simulation von Tötungshandlungen entschieden wird, wer gewinnt oder verliert.

Die gesellschaftliche Legitimation des IOC und des gesamten olympischen Spitzensports ist durch die zahlreichen Doping- und Korruptionsskandale ohnehin schon schwer beschädigt. Hier sollten sich die Verantwortlichen folglich genau überlegen, ob man sich mit dem E-Sport noch ein weiteres Problem ins Haus holt, auch wenn dieses Phänomen hohe Gewinne und den Zugriff auf neue Zielgruppen verspricht. Dem IOC mangelt es derzeit ja auch weniger an Geld, als an gesellschaftlicher Akzeptanz.

Porträt der Sportsoziologin Carmen Borggrefe (privat)Carmen Borggrefe (privat)Carmen Borggrefe wurde 1975 in Minden (Westfalen) geboren. Sie studierte Sportwissenschaft, Geschichte, Englisch und Pädagogik an der Universität Bielefeld, wo sie auch promovierte und habilitierte. Seit 2012 ist sie Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Stuttgart und leitet dort die Abteilung Sportsoziologie und -management. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen "Trainer-Athlet-Kommunikation im Spitzensport", "Organisation und Organisationsentwicklung im Sport", "Duale Karriere" sowie "Inklusion und Exklusion im Sport". FOTO: Jörg Dieckmann

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