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Konzert / Archiv | Beitrag vom 02.11.2019

Dvořáks "Rusalka" konzertantDie unmögliche Liebe

Moderation: Volker Michael

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Alexander Roslavets, Sally Matthews, Robin Ticciati und das DSO Berlin bei einer konzertanten Aufführung der Oper "Rusalka" in der Philharmonie Berlin am 19.9.2019 (Kai Bienert/DSO Berlin)
Alexander Roslavets, Sally Matthews, Robin Ticciati und das DSO Berlin bei einer konzertanten Aufführung der Oper "Rusalka" in der Philharmonie Berlin am 19.9.2019 (Kai Bienert/DSO Berlin)

Dvořáks Märchenoper "Rusalka" haben das DSO Berlin und der Rundfunkchor beim Musikfest Berlin aufgeführt. Auch der Solistencast konnte sich sehen lassen, Sally Matthews gab die Rusalka, Klaus Florian Vogt den Prinzen. Robin Ticciati dirigierte.

Ihren Antonín-Dvořák-Schwerpunkt in der aktuellen Konzertsaison eröffneten das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und sein Chefdirigent Robin Ticciati mit einem besonders aufwändigen Abend, mit der subtilen Märchen-Oper "Rusalka" des tschechischen Meisters. Die konzertante Aufführung war zugleich der Abschluss des Musikfests Berlin.

Alyona Abramova, Anna Pennisi, Noluvuyiso Mpofu, Robin Ticciati und das DSO Berlin bei einer konzertanten Aufführung der Oper "Rusalka" in der Philharmonie Berlin am 19.9.2019 (Kai Bienert/DSO Berlin)Alyona Abramova, Anna Pennisi, Noluvuyiso Mpofu, Robin Ticciati und das DSO Berlin bei einer konzertanten Aufführung der Oper "Rusalka" in der Philharmonie Berlin am 19.9.2019 (Kai Bienert/DSO Berlin)

Damit erhielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin die seltene Gelegenheit, sich als brillantes und einfühlsames Opernorchester zu profilieren. Wie zuvor im Sommer bereits beim Opernfestival in Glyndebourne interpretierte Sally Matthews die Titelrolle.

Übernahme aus Glyndebourne

Auch die meisten anderen Solisten hatten zuvor in England gesungen, nur der Tenor Klaus Florian Vogt war als Prinz kurzfristig eingesprungen. Außerdem dabei war der Rundfunkchor Berlin in dieser sensiblen und zugleich mitreißenden Aufführung in tschechischer Originalsprache. Das Alterswerk Antonín Dvořáks erstrahlte so in neuem Glanz.

Bethany Horak-Hallett, Colin Judson und das DSO Berlin bei einer konzertanten Aufführung der Oper "Rusalka" in der Philharmonie Berlin am 19.9.2019 (Kai Bienert/DSO Berlin)Bethany Horak-Hallett, Colin Judson und das DSO Berlin bei einer konzertanten Aufführung der Oper "Rusalka" in der Philharmonie Berlin am 19.9.2019 (Kai Bienert/DSO Berlin)

Warum den Menschen im Jahr 2019 Märchen erzählen? Und dann auch noch eines, das ein lebensweiser Komponist quasi zum Ende seines Lebens hin verfasst hat? Die Werke seiner märchenhaften Periode (neben der "Rusalka" fünf Sinfonische Dichtungen wie "Die Mittagshexe") komponierte Dvořák erstaunlicherweise auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, nach seinen großen Sinfonien, dem Cellokonzert und dem Stabat Mater, um nur einige zu nennen. Als wolle er wie ein Großvater seinen Enkeln kluge Geschichten erzählen.

Das Schicksal ist gerecht

Die Stimmung, Handlung und die Aura dieser Oper fasste der im Mai 2017 verstorbene tschechische Dirigent Jiří Bělohlávek so zusammen: "Die Gesetze der Natur sind streng, das Schicksal seinem Wesen nach gerecht und die Liebe ist eine ewige wundervolle Blüte..."  So einfach dieser Satz sich liest, so schwierig ist es, dessen Essenz musikalisch auszudrücken. Die Rusalka, die Nymphe, die Undine, die Meerjungfrau - sie ist eine universelle Märchenfigur, die in den Sagenschätzen der meisten Kulturen der Welt in der ein oder anderen Form vorkommt.

Sinn einer Grenzüberschreitung

Es sind zwei quasi unverbundene Welten, die in der Oper nebeneinander existieren, das Reich des Wassermanns, der Rusalka und ihrer Geschwister, der Nymphen. Auf der anderen Seite befindet sich das Reich der Menschen, des unsteten Prinzen, der schamlosen Fremden Fürstin und der handfesten und ehrlichen "einfachen" Leute Jäger, Heger und Küchenjunge. Irgendwo dazwischen steht die Hexe Jezibaba - sie kann beide Welten überblicken und steuern, sie verhilft Rusalka zu einer menschlichen Gestalt, die jedoch von Stummheit geschlagen ist. Denn Rusalka begehrt auf. Sie will die andere Welt kennen lernen, aus Liebe zum Prinzen, den sie am See getroffen hat, aber auch aus Neugier und Trotz, aus autonomer Kraft? Sie überschätzt sich und alle anderen, vor allem die Treue des Prinzen, der sich mehr zur sinnlichen Fremden Fürstin hingezogen fühlt als zu seiner Rusalka, die stumm und kalt ist wie ein Fisch, wie ein Wasserwesen eben. Das Ende, wie es Dvořák gestaltet, lässt nur ganz wenig Raum für Hoffnung, dass derlei Grenzüberschreitungen sinnvoll sind.

Musikfest Berlin
Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 19. September 2019

Antonín Dvořák
"Rusalka" - Oper in drei Akten auf Märchen von Karel Jaromír Erben und Božena Němcová
Libretto: Jaroslav Kvapil (konzertante Aufführung)

Der Prinz - Klaus Florian Vogt, Tenor
Rusalka - Sally Matthews, Sopran
Der Wassermann - Alexander Roslavets, Bass
Die Fremde Fürstin - Zoya Tserenina, Mezzosopran
Die Hexe Jezibaba - Patricia Bardon, Mezzosopran
Der Heger - Colin Judson, Tenor
Der Küchenjunge - Bethany Horak-Hallett, Sopran
Der Jäger - Georg Streuber, Bariton
Erste Nymphe - Noluvuyiso Mpofu, Sopran
Zweite Nymphe - Anna Pennisi, Sopran
Dritte Nymphe - Alyona Abramova, Mezzosopran
Rundfunkchor Berlin
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Robin Ticciati

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