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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 23.05.2014

DVD-TippSozialrealismus mit einer Prise Utopie

Die belgischen Regiebrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne

Von Christian Berndt

Film directors Jean-Pierre Dardenne, left, and Luc Dardenne at the photocall for the film Two Days, One Night (Deux Jours, Une Nuit) during the 2014 Cannes Film Festival. (picture alliance / dpa / Ekaterian Chesnokova)
Jean-Pierre Dardenne (links) mit seinem Bruder Luc Dardenne auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes (picture alliance / dpa / Ekaterian Chesnokova)

Sie sind Stammgäste auf dem Filmfestival von Cannes und haben zweimal die Goldene Palme gewonnen. Zwei Filme der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind auf DVD erhältlich: "L’enfant – Das Kind", der Goldene-Palme-Gewinner von 2005, und "Der Junge mit dem Fahrrad".

Erschöpft stapft Sonja die Treppen zu ihrer Wohnung hoch, das Baby auf dem Arm. Sie kommt gerade aus der Klinik, wo sie frisch entbunden hat. Aber: Als sie die Tür aufschließt, erlebt sie einen Schock:

Filmausschnitt:
"Bruno, mach auf!"
"Was habt ihr bei mir zu suchen?"
"Bruno hat's für eine Woche vermietet." 

Sonias Freund Bruno hat, während sie im Krankenhaus war, einfach ihre Wohnung vermietet. Also geht sie wieder los, um ihn zu suchen - und findet ihn in der Stadt:

"Du bist raus? - Ja. Guck mal, er sieht Dir ähnlich. - Wie hast Du ihn genannt? - Jimmy, wie besprochen. Willst Du ihn mal halten? - Ich wecke ihn doch auf."

Sonia bleibt erstaunlich gelassen. Sie scheint einiges gewöhnt zu sein von ihm, denn Bruno ist ein sympathischer Nichtsnutz, der sich mit Gaunereien durchschlägt. Sonia akzeptiert das, sie hat viel Spaß mit ihm. Dass Bruno sich nicht fürs Kind interessiert, nimmt sie hin. Doch das rächt sich, als Bruno ein verhängnisvolles Angebot bekommt:

"Wollt ihr euch selbst um das Kind kümmern? - Klar. - Wenn ihr das nicht schafft, es gibt Leute, die zahlen für eine Adoption."

Bruno braucht nicht lange, um zu überlegen - er verkauft das Baby. Wie er diesen Deal geschäftsmäßig abwickelt, als würde er ein gestohlenes Handy verhökern, erzählen die belgischen Regiebrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne in "L'enfant - Das Kind" mit erschütternder Nüchternheit. Gedreht ist der Film - wie immer bei den Dardennes - im südbelgischen Industrierevier, einer Region des Verfalls und der Arbeitslosigkeit, die der Film in seiner ganzen tristen Verlorenheit zeigt. Und auch Bruno ist ein Produkt dieses Verfalls. Arbeit ist für ihn keine Option, aber er hat sich dem Niedergang perfekt angepasst: Er macht zu Geld, was er kriegen kann. Aber so trist diese Welt im typischen, schnörkellosen Realismus der Dardennes gezeichnet ist, so wenig verurteilen die Regisseure ihren Filmhelden, wie Luc Dardenne im Bonusmaterial der DVD deutlich macht:

Luc Dardenne: "Ja, alles ist dort zerstört, es ist schwierig dort zu leben. Aber obwohl sie es sehr schwer haben, haben sie eine enorme Lebenslust. Bruno ist eine Figur, die wir versuchen, zur Entdeckung zu führen. Zur Entdeckung seines Kindes, seiner Freundin, der Liebe."

Wenn man Sonia und Bruno herumalbern sieht, hat das eine anziehende Vitalität. Und als Sonia erfährt, was er getan hat, und zusammenbricht, versucht Bruno, das Kind zurückzuholen. Diese Utopie der Veränderbarkeit macht "Das Kind" so kraftvoll - und zeichnet auch den ebenfalls in Cannes prämierten Film "Der Junge mit dem Fahrrad" von 2011 aus.

Schock in erster Minute

Hier gibt es den Schock gleich in der ersten Minute: Ein Junge, den sein Vater für kurze Zeit im Heim abgegeben hat, um angeblich einige Dinge zu regeln, versucht zuhause anzurufen:

"Leg auf Cyril. Es ist wie beim letzten Mal, die Stimme sagt Dir, dass die Nummer nicht vergeben ist. Komm, leg auf, gib mir das Telefon. - Du hast die Nummer falsch eingegeben."

Cyrils Vater ist unbekannt verzogen. Der Junge will es nicht wahrhaben, er reißt aus, um seinen Vater zu suchen - vergeblich. Doch dann passiert etwas Merkwürdiges: Als ihn die Leute vom Heim erwischen, klammert er sich instinktiv an eine fremde Frau. Er wird von ihr fortgerissen, aber einige Tage später taucht Samantha - so der Name der Frau - im Heim auf. Sie hatte mitbekommen, dass der Junge sein heißgeliebtes Fahrrad vermisst, und nun bringt sie es ihm wieder. Spontan fragt Cyril:

"Darf ich an den Wochenenden zu Ihnen? - Das kann ich nicht einfach entscheiden, da muss ich mit Deinem Direktor reden. - Er ist sicher einverstanden, er sucht immer Gastfamilien, sprechen Sie doch jetzt mit ihm. - Nein, ich komm schon jetzt zu spät zur Arbeit, ich werde ihn anrufen. - Das sagen Sie, aber Sie werden es nicht machen. - Doch das werde ich."

Samantha macht es tatsächlich - und kümmert sich fortan um den Jungen. Wie immer bei den Filmfiguren der Dardennes wird keinerlei psychologische Erklärung für dieses ungewöhnliche Verhalten geliefert:

Luc Dardenne: "Der Zuschauer fragt sich: ‚Warum machst sie das?' Im weiteren Verlauf muss man akzeptieren, dass es dafür einfach keinen Grund gibt. Sie spürt nur die Hilflosigkeit des Jungen. Sie sagt sich: Ich oder niemand. Deshalb tut sie es."

Der Verzicht auf psychologische Erklärungen macht die Filme der Dardennes so unvorhersehbar spannend, und damit auch frei von jedem Fatalismus. "Ein Märchen unserer Zeit" sollte der Film ursprünglich heißen, aber das ist nicht verharmlosend gemeint. Cyrils' verzweifelte Suche führt ihn in die Fänge eines jungen Kriminellen, der Kinder für seine Geschäfte anheuert. Wie eine moderne Oliver-Twist-Geschichte entwickelt sich "Der Junge mit dem Fahrrad".

Es liegt eine bedrohliche Stimmung über dem Geschehen, das jederzeit in die Katastrophe kippen kann. Und doch signalisieren die Dardennes hier stärker als in ihren bisherigen Filmen Hoffnung, erstmals ist Musik zu hören, in einigen Szenen scheint sie vorsichtig Erlösung anzukündigen. Wie die Dardennes in "L'enfant" und "Der Junge mit dem Fahrrad" brutale Realität mit humaner Utopie verbinden, ist auf wunderbare Weise einzigartig im heutigen Kino.

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