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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.02.2010

Durchbruch zur Moderne im Café

Van-Gogh-Museum Amsterdam präsentiert Schau zur Künstlergruppe um den Avantgardisten Paul Gauguin

Von Kerstin Schweighöfer

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Ausschnitt aus einem Selbstporträt von Paul Gauguin, das bei der Ausstellung in Amsterdam zu sehen ist. (Van Gogh Museum, Amsterdam)
Ausschnitt aus einem Selbstporträt von Paul Gauguin, das bei der Ausstellung in Amsterdam zu sehen ist. (Van Gogh Museum, Amsterdam)

Das Van-Gogh-Musuem Amsterdam hat versucht, die legendäre Ausstellung, die Paul Gauguin und seine avantgardistischen Malerfreunde zur Pariser Weltausstellung 1889 im Cafés des Arts zeigten, zu rekonstruieren. Das Museum präsentiert Stillleben, Porträts und Landschaften der Künstlergruppe, die als "Schule von Pont Aven" berühmt wurde.

Nostalgische weiße Lampenschirme und gemütliche dunkelbraune Tische mit Thonet-Stühlen. Carminrote Wände und Plakate mit Impressionen der Pariser Weltausstellung 1889 samt Eiffelturm: Beim Betreten der Gauguin-Schau im Amsterdamer Van-Gogh-Museum wähnt sich der Besucher in einem Pariser Café. Dementsprechend fiel bei der Eröffnung die Begrüßung von Direktor Axel Rüger aus:

"Bienvenue au Café des Arts..."

Wobei es um ein ganz bestimmtes Café geht, das mitten auf dem Expo-Gelände lag: Das "Café des Arts" eines gewissen Monsieur Volpini. Der stand kurz vor der Eröffnung der Weltausstellung am Rande der Verzweiflung: Er hatte eine Ladung Spiegel bestellt, doch der Produzent konnte nicht rechtzeitig liefern – und was in aller Welt sollte er nun an die carminroten Wände seines neuen Cafés hängen, mit dem er die Expo-Besucher überraschen wollte?

Der Pariser Maler Emile Schuffenecker witterte sofort die Chance seines Lebens: Er war ein enger Freund von Paul Gauguin und hatte sich der Künstlerkolonie im bretonischen Pont-Aven angeschlossen, erzählt Kustodin Maartje de Haan vom Van-Gogh-Museum:

"Auf der Weltausstellung wurde nur etablierte Kunst gezeigt. Maler wie Gauguin und seine Freunde erhielten keine Einladung. Die hätten deshalb am liebsten ihren eigenen Pavillon eröffnet, nach dem Vorbild von Courbet und Manet, denen das 1855 und 1869 gelungen war. Doch dazu fehlte ihnen das Geld. Deshalb wandte sich Schuffenecker kurzerhand an Monsieur Volpini und fragte ihn, ob er die Wände seines Cafés nicht vielleicht mit Avantgardekunst schmücken wollte statt mit Spiegeln."

Der Rest ist Geschichte: Monsieur Volpini verpasste seinem Etablissement den Namen "Café des Arts", pfiff auf den gängigen Publikumsgeschmack und zeigte die erste gemeinsame Manifestation einer Künstlergruppe, die als "Schule von Pont Aven" berühmt werden sollte.

"Für diese Schule typisch waren schwarzumrandete Farbflächen, eine starke Zweidimensionalität sowie der Einfluss japanischer Drucke und primitiver Kunst."

Der größte Teil der Arbeiten, die damals im Café des Arts hingen, sind nun im Amsterdam zu sehen: Das Van-Gogh-Musuem hat diese legendäre Ausstellung mit rund 60 Arbeiten zu rekonstruieren versucht: Stillleben, Porträts und Landschaften von Schuffenecker und Emile Bernard, von Charles Laval und Louis Anquetin.

Gauguin ist neben einer Reihe von Gemälden wie die "Mangopflücker" oder die "Bretonischen Mädchen beim Tanz" auch mit elf Zinkdrucken vertreten, die heute den Namen Volpini-Serie tragen: Sie lagen im Café des Arts in einer Mappe auf der Bar, wo die Gäste sie sich anschauen konnten – darunter Motive mit bretonischen Bäuerinnen, Nackten und Badenden oder exotischen Südseelandschaften: "Es war seine künstlerische Visitenkarte", erzählt Kustodin de Haan:

"Gauguin wollte seine Arbeiten so gerne verkaufen, aber niemand wollte sie haben. Sein Kunsthändler Theo van Gogh, der Bruder von Vincent, sagte deshalb: 'Fertige eine solche Mappe mit Drucken an, das tun andere Künstler auch, das ist billig und sehr effektiv, denn auf diese Weise kannst du viele Menschen erreichen und mit deinem Werk vertraut machen.'"

Der erste Teil der Amsterdamer Schau steht ganz im Zeichen der Ausstellung im Café des Arts. Im zweiten Teil wird nachvollzogen, wie stark der Einfluss der Zinkdrucke auf Gauguins gesamtes späteres Schaffen war.

Denn zahlreiche Motive aus der Volpini-Serie tauchen später immer wieder auf – die Rückenfigur der "Badenden Frau" zum Beispiel: Die verwendet Gauguin auch bei zahlreichen Holzschnitten oder keramischen Arbeiten. Und die Pose der beiden sitzenden tahitischen Frauen auf dem berühmten Gemälde "Was gibt's Neues?" aus Dresden – einer der Höhepunkte der Amsterdamer Schau - geht auf den Zinkdruck "Die Grille und die Ameisen" zurück. Auch dort sind zwei sitzende Frauen zu sehen.

Verkauft hat Gauguin von seinen Zinkdruckmappen zu seinem Leidwesen nur eine Handvoll – für rund 30 Euro pro Stück. Die meisten hat er an Freunde verschenkt.

Das van Gogh-Museum hat die Originalmappe, die im Café des Arts auf der Bar lag, bis ins kleinste Detail rekonstruiert – selbst kleine Risse und Klebeband fehlen nicht. Die Mappe liegt einladend auf einem großen Tisch mitten im Ausstellungssaal.

Museumsbesucher sollen darin nach Herzenslust blättern - und sich vorkommen wie anno 1889 die Cafébesucher von Monsieur Volpini. Im Museumsshop kann man die Mappe auch kaufen – für rund 100 Euro. Eine Menge Geld, muss Kustodin Maartje de Haan einräumen. Aber dafür bekomme man auch eine täuschend echte Kopie:

"… bedriegelijk echt!"

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Van-Gogh-Museum Amsterdam

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