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Thema / Archiv | Beitrag vom 31.01.2011

"Durch Strafe lernt man Flucht und Vermeidung"

Lernforscherin lehnt Drill von Kindern ab

Elsbeth Stern im Gespräch mit Katrin Heise

Rein definitorisch kann nicht jeder der Beste sein, warnt Lernforscherin Stern. (AP)
Rein definitorisch kann nicht jeder der Beste sein, warnt Lernforscherin Stern. (AP)

Psychologin Elsbeth Stern von der ETH Zürich hält nichts davon, Kinder mit Drill unter Druck zu setzen, wie es Yale Professorin Amy Chua in ihrem heiß diskutierten Buch vorschlägt. Kinder würden Kompetenzen "grundsätzlich nicht durch Strafe" erwerben, gibt Stern zu bedenken.

Katrin Heise: Sicher ist es die tiefe Angst der westlichen Industrienationen vorm Abstieg, während die asiatischen Länder, allen voran China, an uns vorbeiziehen. Diese Angst heizt die Debatte um härtesten Drill der Kinder an. Amy Chua, chinesische Einwanderin in die Vereinigten Staaten, die als Professorin in Yale unterrichtet, die hat diesen Weg der Erziehung bei ihren Töchtern gewählt, um Bestleistungen zu erzwingen.

Sprecherin: "Zum Beispiel wird ein Kind, das ein A- nach Hause bringt, von westlichen Eltern meistens gelobt. Die chinesische Mutter hingegen ringt vor Entsetzen nach Luft und will wissen, was schiefgegangen ist. Kommt ein Kind mit der Note B nach Hause, werden manche westliche Eltern das Kind immer noch loben. Brächte ein chinesisches Kind die Note B nach Hause – was nie passiert –, käme es erst mal zu einem schreienden, Haare raufenden, elterlichen Donnerwetter. Daraufhin würde die am Boden zerstörte chinesische Mutter Dutzende, vielleicht Hunderte Prüfungsaufgaben beschaffen und mit ihrem Kind so lange pauken, bis es für ein A reicht."

Heise: Das ist ein kleiner Eindruck gewesen aus Amy Chuas pädagogischer Streitschrift, wenn man sie so nennen will, "Die Mutter des Erfolgs" heißt sie im Deutschen. Auch, wenn dem Westen verweichlichter Erziehungsstil konstatiert wird, auch in unserer Gesellschaft macht man sich natürlich permanent Gedanken um den besten Weg zum schulischen Erfolg, denn nur dieser verspricht ja ein Weiterkommen. Schulischer Erfolg soll zum Beispiel durch immer frühere Frühförderung der Kinder sichergestellt werden. Amy Chua berichtet beispielsweise, ihre Tochter habe bereits mit 18 Monaten das Alphabet gekonnt. Ich bin jetzt mit der Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich verbunden, schönen guten Tag, Frau Stern!

Elsbeth Stern: Guten Tag, guten Morgen!

Heise: Sagen Sie, ist das überhaupt realistisch, dass ein Kind schon mit 18 Monaten das Alphabet beherrscht und ein bisschen später die Grundrechenarten?

Stern: Ich kann es mir schwer vorstellen, und wenn, dann ist es auf jeden Fall nicht die Norm und auch nichts, was wir anstreben müssen. Man kann Lesen und Schreiben immer, und Rechnen, sehr gut, zwei, drei Jahre später genau so gut noch lernen.

Heise: Was geschieht denn mit Kindern, die früh sehr massiv gefördert werden?

Stern: Das ist schwer, die meisten Kinder lassen sich Gott sei Dank einfach gar nicht so fördern. Die meisten Kinder, die ich kenne, wenn man die mit Alphabet konfrontieren würde und sie wollen lieber mit dem Teddybär spielen, würden so lange schreien, bis sie den Teddybär bekommen. Und das ist auch die gesunde Reaktion.

Heise: Ja gut, man kann ja dann mit dem Teddybären das Alphabet lernen. Das wird ja immer spielerischer gemacht, aber es steckt immer mehr Lernen, Lernen, Lernen dahinter.

Stern: Also das ist nicht nötig. Was Kinder früh lernen müssen, ist Sprechen, und sie müssen mit guter Sprache konfrontiert werden. Sie müssen angesprochen werden und man muss ihnen zuhören. Sprachförderung, allerdings im natürlichen Kontext, das steht wirklich an in der Frühförderung. Und dort gibt es auch viele Versäumnisse, wenn man Kinder vorm Fernseher sitzen lässt, wo sie zwar passiv Sprache hören, aber nicht selber interagieren können. Da verpasst man Chancen, die sich möglicherweise – genaue Daten haben wir da noch nicht – schädlich auswirken. Also alles, was man machen muss mit kleinen Kindern, ist, mit ihnen so kommunizieren, dass sie auch Spaß daran haben und dann eben ganz spielerisch dazulernen.

Heise: Im Vordergrund der Bemühung stand bei Chua: Meine Kinder sollen die Besten sein. Haben Bestleistungen nicht auch ein bisschen was mit Intelligenz zu tun? Ich meine, kann man mit Drill überhaupt Bestleistung erzwingen?

Stern: Nein, nein. Also man kann, grundsätzlich kann man alle Menschen fördern, aber es gibt genetisch bestimmte Begabungsunterschiede, die dann auch festlegen, zu welchem Limit man kommen kann. Ich habe mich mit dem Buch, ich habe das Buch nicht gelesen, werde es auch nicht lesen, aber ich ...

Heise: ... Sie lehnen es ab?

Stern: Warum soll ich, ich habe so viel anderes zu lesen, dass ich nicht solche reißerische Sachen lese. Was auf jeden Fall ja, also was man ja machen muss, ist, alle Menschen entsprechend ihren Begabungen weiterbringen und ihnen Lerngelegenheiten geben. Aber wenn ich es richtig sehe, so erfolgreich sind ja die Kinder auch gar nicht. Also wenn ich sehe, die älteste Tochter wurde wohl permanent zum Klavierspielen gezwungen, aber sie gehört nicht zu den Wunderkindern, die im Moment in den Konzertsälen rumgereicht werden.

Also auch dort schien es einfach Grenzen in der Begabung zu geben, und man muss sich die Frage stellen, ob sich der Einsatz gelohnt hat, wenn ein Kind mit diesem Drill für den Hausgebrauch ganz gut Klavier spielt. Also sie scheint ja gerade kein Klavierstar zu sein.

Heise: In der Carnegie Hall, da hat sie schon gespielt, also ein bisschen über den Hausgebrauch, aber tatsächlich ein Wunderkind, was rumgereicht wird, ist sie nicht geworden.

Stern: Ja eben, genau.

Heise: Welchen Lernerfolg erzielt man denn eigentlich mit Drill, oder schwächen wir mit Drill und dieser Disziplin eigentlich sogar eher was ab?

Stern: Ja, wir schwächen etwas ab, wenn man nicht weiterkommt. Es ist sicherlich richtig, dass man manchmal sich zu Dingen zwingen muss, weil es immer attraktivere Alternativen gibt. Kinder würden lieber fernsehen oder mit der Playstation spielen, statt Vokabeln lernen. Und es gehört zu der elterlichen Erziehung und auch zur schulischen Förderung, dass man eben ja mit den Kindern bespricht, wie man eben auch ja Dinge, die nicht so viel Spaß machen, in den Tag integriert und wie man sich auch dazu zwingen muss.

Zum Beispiel, indem man sich Ziele setzt, und wenn man sie erreicht hat, dann kommt die Belohnung, und nicht vorher. Das ist durchaus sinnvolle Selbstdisziplinierung, die die Kinder selber lernen müssen. Aber mit externem Drill bringt man Kinder, die keine Begabung haben, überhaupt nicht weiter, sondern frustriert sie nur, sodass sie eben nicht mal die Ziele erreichen könnten, die eigentlich ja in ihrem Begabungsmuster vorgesehen sind.

Heise: Mit der Psychologin und Lernforscherin Elsbeth Stern erkunden wir die Wege zum Lernerfolg. Frau Stern, der Druck setzt ja eigentlich sogar schon früher an, bevor die Eltern vielleicht überhaupt mit Strenge auftreten. Der Druck kann doch auch schon da ansetzen, wo diese Angst von strengen Eltern irgendwie sich auf die Kinder überträgt, nämlich die Angst, das Potenzial der Kinder muss optimal gefördert werden, sonst haben sie überhaupt keine Chance. Was macht dieser Druck mit Kindern?

Stern: Ja der macht … Angst führt grundsätzlich zu Flucht und Vermeidung, so sind wir biologisch angelegt. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was wir in unserer Gesellschaft eigentlich machen sollen, wir sollen uns ja den Problemen stellen. Es geht nicht um Leben und Tod, wenn es um Lesen und Schreiben geht, sondern wenn man etwas nicht kann, dann soll man eben ermutigt werden, sich mehr anzustrengen. Das ist sicherlich sinnvoll. Aber das erreicht man nicht, indem man Angst provoziert oder seelische Grausamkeiten, wie das Verbrennen von Stofftieren, in Aussicht stellt.

Heise: Diese Angst von Eltern, also diese Angst, die die Eltern verbreiten, kommt ja oft daher, dass sie selber diesen Druck empfinden. Eben, sie wollen Lebensweg, Karriereweg der Kinder so eben, so einfach wie möglich machen und üben deswegen vielleicht Druck aus, Druck, der schon in der dritten Klasse beginnt, dass das Gymnasium auf jeden Fall geschafft wird oder überhaupt erst mal angestrebt wird. Was müsste man aber eigentlich doch in dieser Gesellschaft fördern? Denn Flexibilität und Kreativität sind doch vonnöten?

Stern: Ja. Also wir wissen überhaupt nicht, welche Anforderungen auf unsere Kinder, auf die nächste Generation zukommen. Deshalb ist es nicht sinnvoll, sie mit Drill zu den Dingen zu bringen, die im Moment vielleicht angesagt sind. Gerade dann hat das Kind gerade das Falsche gelernt. Das Kind muss immer das Gefühl haben, es hat sein Leben in der Hand, es hängt davon ab, wie stark es sich anstrengt, was es erreicht.

Es muss lernen, selber für sich Ziele zu setzen und zu wissen, wie man sie erreicht. Das gehört zu den wichtigen Erziehungsaufgaben. Und man muss auch lernen mit Misserfolg umzugehen, der kommt bei jedem irgendwann mal, und eben sich nicht entmutigen lassen, sondern aber genau auch überlegen, ob man mit mehr Anstrengung mehr hätte erreichen können. Das ist sicherlich was, worüber Kinder auch nachdenken sollten.

Heise: Welchen Stellenwert hat das soziale Lernen, die Offenheit für die Welt, was sonst noch um einen rum geschieht, außerhalb der Schule?

Stern: Das ist natürlich sehr wichtig, aber da steht auch nicht im Widerspruch zum kognitiven Lernen. Wenn ich ein Buch lese, dann mache ich das ja nicht, weil ich ja damit Worterkennung automatisiere, sondern weil ich einfach an dem Inhalt interessiert bin. Also gute Lernumgebungen, die fördern automatisch eben die Neugierde auf die Welt, die fördern automatisch eben soziales Lernen, weil man eben ja die Perspektive anderer Menschen auch kennenlernt. Und das muss man natürlich.

Heise: Das heißt, wo sehen Sie das richtige Maß, wenn man das Potenzial eines Kindes optimal nutzen möchte? – Das klingt aber auch schon wieder so: Das Potenzial optimal nutzen, das ist alles so ...

Stern: ... ja gut, man muss einfach schauen, wo Kinder Interessen haben, was sie wirklich können. Und wenn man zum Beispiel sieht, das Kind ist eigentlich gut im Geigespielen, aber so Üben hat es nicht so richtig große Lust und sagt, ja morgen übe ich lieber doppelt so lang als heute, dann kann man durchaus mal eben mit dem Kind ein ernstes Wort reden und kann sagen, du bist gut, wenn du das halten willst, dann musst du jetzt jeden Tag eine halbe Stunde üben, und ich sorge jetzt mit dir dafür, dass wir das einfach einhalten. Das sind durchaus sinnvolle Maßnahmen, die man ergreifen sollte als Eltern.

Heise: Und dann auch mal durch Tiefebenen gehen, wo das Kind dann alles andere als lernen will?

Stern: Genau, ja. Mit dem Kind wirklich diese Dinge besprechen. Aber es ist nicht sinnvoll, ein unmusikalisches Kind zum Klavierspielen zu zwingen.

Heise: Und es können auch nicht alle die Besten sein.

Stern: Nein, eben, das ist schon rein definitorisch nicht möglich, weil der Beste sein heißt, es muss auch Schlechte geben. Nein, wichtig ist wie gesagt, dass man die Begabungen der Kinder erkennt, und natürlich Dinge, die wichtig sind, die jeder können muss, Lesen, Schreiben und Rechnen, dort müssen Schule und Eltern alles tun, damit eben die notwendigen Kompetenzen erworben werden. Aber das lernt man grundsätzlich nicht durch Strafe – wie gesagt, durch Strafe lernt man Flucht und Vermeidung –, sondern indem man eben die Lernziele so realistisch setzt, dass das Kind Kompetenz- und Erfolgserleben hat.

Und gerade bei schwächeren Kindern ist es wichtig, dass sie lernen, sich nicht immer mit anderen zu messen, sondern ihren Fortschritt zu beobachten, dass sie eben sehen, gestern haben sie noch zehn Fehler im Diktat gemacht, heute nur noch acht, und morgen vielleicht nur noch sechs. Das kann dann viel wichtiger sein, als eben zu sagen, erst ab der Note zwei reden wir überhaupt weiter.

Heise: Das eigene Kind beobachten, sich selbst beobachten, rät also die Lernforscherin und Psychologin Elsbeth Stern. Frau Stern, ich danke recht herzlich für das Gespräch!

Stern: Ja, bitte!

Heise: Morgen lassen wir Bernhard Bueb, der vor Jahren für mehr Disziplin focht, hier zu Wort kommen.

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