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Länderreport | Beitrag vom 05.05.2020

Dürre in Schleswig-Holstein und BrandenburgTrockene Felder, darbende Störche

Von Johannes Kulms und Vanja Budde

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Eine vertrocknete Sonnenblume vor verschwommenem Hintergrund (Paweł Czerwiński/Unsplash)
Schon 2018 gab es eine Rekorddürre in Deutschland (Paweł Czerwiński/Unsplash)

2020 könnte es zu neuen Dürre-Rekorden in Deutschland kommen. Doch selbst wenn nicht: Die Feuchtgebiete trocknen aus. Eine Notstandsmeldung aus Schleswig-Holstein und Brandenburg.

Zu Jahresbeginn herrschte in Schleswig-Holstein wochenlang Jahresbeginn Land unter. Es regnete fast ununterbrochen und bis Anfang März standen viele Felder unter Wasser. Und dann? Wurde es trocken. Sehr trocken. In zwei Monaten fiel fast kein Regentropfen mehr im hohen Norden. Der Wind trocknete die Böden aus.

Heiko Wendell-Andresen führt einen Milchviehfutterbaubetrieb in Beringstedt. Der Hof liegt etwa auf halber Strecke zwischen Rendsburg und Itzehoe. Die Landschaft hier wird Geest genannt. Die Böden sind deutlich sandiger und trockener als in der küstennahen Marsch oder im östlichen Hügelland. 

Der Regen der letzten Tage reicht für zwei Wochen

Wendell-Andresens Betrieb hat 520 Milchkühe und etwa noch einmal so viel Jungvieh. Damit die mehr als 1000 Tiere satt werden, ist der Hof auf gute Ernten angewiesen. Grundlage dafür liefern 400 Hektar Grünland und noch mal 300 Hektar Ackerbau mit Mais, Getreide und einer Mischkultur aus Mais und Sonnenblumen. 

25 Millimeter Regen sind in den letzten Tagen gefallen. Das bedeutet etwas mehr Grün und etwas mehr Entspannung für den Milchviehhalter mit Blick auf den Futternachschub. Doch wohin die Reise in diesem Jahr gehen wird, kann Heiko Wendell-Andresen noch nicht sagen:

"Für die nächsten zwei Wochen reicht das erst mal. Aber wir sind ja noch ganz am Anfang des Jahres. Die Böden sind trocken. Die sind auch noch trocken vom letzten Sommer. Der Grundwasserspiegel ist niedrig – wir bräuchten noch mehr." 

Wassermangel jetzt schon zu erkennen

Es ist noch zu früh für eine Aussage, heißt es auch von Isa-Maria Kuhn, Sprecherin bei der Schleswig-Holsteinischen Landwirtschaftskammer. In einigen Regionen mit leichten Böden könnten Bauern tatsächlich ein Déjà-vu erleben, und schmerzhaft an das Dürrejahr 2018 erinnert werden.

"Auf den leichten Standorten, da sieht man den Wassermangel jetzt schon. Sowohl der Roggen als auch die Wintergerste, die fangen jetzt so langsam an, ihre Blätter einzurollen. Wir hoffen, dass jetzt die Niederschläge der letzten Tage die Situation etwas entschärft haben. Aber man kann über die Kulturen hinweg sicherlich sagen, dass die Spitzenerträge weg sind." 

"Das Wetter wird kleinräumiger"

Kaum ein Beruf sei so sehr vom Wetter abhängig wie der des Landwirts, sagt Kuhn. Wobei auch Förster sehr stark die Auswirkungen vom ausbleibenden Regen spürten. In den Wäldern käme es bei mehr Trockenheit auch zu mehr Problemen mit Schädlingen und einer stärkeren Waldbrandgefahr. Erst vor wenigen Wochen hat es in der Nähe von Rendsburg, wo auch die Landwirtschaftskammer ihren Sitz hat, wegen der Trockenheit in einem Moor gebrannt.

"Was wir in den letzten Jahren beobachten, ist, dass das Wetter sehr vielschichtig ist. Also es kann sein, dass bei meinem Nachbarn 30 Millimeter Regen fallen und mein Schlag hat nichts abbekommen. Also, das Wetter wird kleinräumiger und regionaler, das beobachten wir."

Trockenheit im Feuchtgebiet 

Eine weitere Region, der Dürren zusetzen, ist der Spreewald. Fast eine Million Touristen im Jahr kommen normalerweise. Sie lassen sich von Fährmännern in pittoresken Holzkähnen durch das Wasserlabyrinth staken, fahren mit dem Fahrrad oder Kajak durch die natürlichen Fließe und künstlich angelegten Kanäle, der verwunschenen Landschaft, in der manche Dörfer bis heute nur auf dem Wasserweg erreichbar sind und wo die slawische Minderheit der Wenden ihre Traditionen pflegt.

Eigentlich sollten im Spreewald jetzt Frösche in den Feuchtwiesen quaken, Insekten summen, Störche brüten. Doch davon ist wenig zu hören und zu sehen, denn es ist viel zu trocken in dem Feuchtgebiet, erklärt Bernd Elsner vom Weißstorch-Informationszentrum des NABU.

"Die Trockenheit ist dieses Jahr wieder extrem. Das heißt, die Grundlage für Insekten ist nicht da, das ist schlimm."

"Es ist erschreckend"

Nicht nur für die Störche, die Anfang April aus ihren Winterquartieren in Afrika zurückgekehrt sind, sondern schlimm für viele Vögel des Spreewaldes. Einer Erhebung des NABU zufolge sind viele Arten in den vergangenen 30 Jahren um bis zu 90 Prozent zurückgegangen. Der Brachvogel beispielsweise gilt nach Angaben der Naturschützer mittlerweile im Spreewald als ausgestorben, der Rotschenkel sei akut bedroht. Und es trifft nicht nur Vögel:

"Viele Arten sind verschwunden. Ob es der Laubfrosch ist, ob es die Molche sind. Die Gras- und Wiesenfrösche sind rückläufig. Es ist erschreckend, wenn man das so sieht."

Die Trockenheit der Feuchtwiesen mache auch den Kranichen und insbesondere den Weißstörchen schwer zu schaffen, sagt Bernd Elsner. So seien vor 20 Jahren waren noch ungefähr 100 Paare zu finden, jetzt sind es nur noch 74. Das heißt, ein Viertel ist leider rückläufig.

Landwirtschaft oder Weißstörche?

Im Spreewald versanden viele einst artenreiche Nebenarme, weil das Wassermanagement vor allem die Hauptfließe schiffbar hält – mit Blick auf den Tourismus und seine Kahnfahrten, kritisieren Umweltschützer. Zurzeit sei es dermaßen trocken, dass die oberen Wasserbehörden von Sachsen und Brandenburg eine Arbeitsgruppe eingesetzt hätten, die alle 14 Tage aufs Neue entscheide, wie viel von dem kostbaren Nass wohin geleitet wird, berichtet das "Aktionsbündnis Klare Spree".

Gleichzeitig wollen und müssen immer mehr Landwirte rund um den Spreewald angesichts des Klimawandels ihre Felder bewässern. Die Veränderungen in der Landwirtschaft machen auch den Weißstörchen das Leben schwer, sagt Vogelschützer Bernd Elsner:

"Vor 20 Jahren, 30 Jahren waren noch viele Brachflächen, wo der Storch dann doch dieses und jenes Futter gefunden hat. Heutzutage haben wir Spargelfächen, Erdbeerflächen, alles unter Folie. Alles, ich will nicht sagen vergiftet, aber doch alles behandelt. Und direkt im inneren Spreewald, da gibt es keine Viehherden mehr, oder der Kleinbauer mäht nicht mehr kontinuierlich seine Flächen, so dass der Storch da auch nicht ganzjährig Futter hat."

Zuviel Sulfat und Eisenhydroxid in die Spree

Denn im hohen Gras können sich Heuschrecken, Mäuse und Frösche gut verstecken. Monokulturen und Pestizide sind für Insekten und Vögel überall ein Problem. Doch im Spreewald kommt noch eine besondere Belastung dazu: Die Spree entspringt in der sächsischen Lausitz, im Braunkohlegebiet. Die Tagebaue wurden nach der Wende stillgelegt.

Der Spiegel des für die Kohleförderung abgepumpten Grundwassers steigt seitdem wieder und schwemmt Sulfat und Eisenhydroxid in die Spree. Das Eisen in Form von rotbraunem Schlamm tötet Mikroorganismen und Fischlarven. Solch belastete Fließe seien ökologisch quasi tot, klagt das "Aktionsbündnis Klare Spree".

Zu wenig Storchküken

Ein Paar Weißstörche mit ihren zwei Metern Flügelspannweite brütet derzeit im Storchennest neben der Freiwilligen Feuerwehr des Spreewaldörfchens Raddusch. Bernd Elsner legt den Kopf in den Nacken, schaut besorgt zum Nest oben auf einem hohen Mast empor. Die Reproduktionsrate der Weißstörche sei zu gering, klagt er.

"Es wird brenzlig, im Moment sieht man ja die Abnahme, man hat ja die Nachzucht nicht. Wir haben circa ein Junges pro Nest, oder 1,2, und wir brauchen 1,4, bis 1,6, um die Population zu erhalten."

Vogelschützer Bernd Elsner und seinen Mitstreitern bleibt da nur zu hoffen, dass es trotz all dieser Widrigkeiten in diesem Jahr dennoch genug Storchenküken schaffen, groß zu werden.

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