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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.08.2010

Duell zwischen Hobbyfotograf und Putzfrau

Inger-Maria Mahlke: "Silberfischchen", Aufbau Verlag, Berlin 2010, 208 Seiten

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Der Protagonist fotografiert gerne - zum Beispiel seine tote Frau, die er mehrere Tage lang im Garten liegen lässt. (AP)
Der Protagonist fotografiert gerne - zum Beispiel seine tote Frau, die er mehrere Tage lang im Garten liegen lässt. (AP)

Hermann Mildt, die Hauptfigur des Romans "Silberfischchen" von Inger-Maria Mahlke, ist als Typus aus der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte gut bekannt: ein Kleinbürgerkauz, ein Mann, der penibel auf die Ordnung von Dingen und Haushaltsgegenständen achtet und zugleich Schrullen und Neurosen pflegt, die seiner kleinen, hermetischen Welt eine anarchische Note verleihen.

Zwanghaftigkeit und Verwahrlosung liegen bei dem 73-jährigen ehemaligen Polizeibeamten eng beieinander. Er lebt in Berlin, ist Witwer und wurde vor Jahren frühpensioniert, weil er seine Ehefrau nach ihrem Tod ein paar Tage lang im Garten liegen ließ und, anstatt Arzt und Bestatter anzurufen, immer wieder fotografierte. Allein dieses Detail zeigt, dass es sich bei "Silberfischchen" um eine schwarz eingefärbte, bitterkomische Groteske handelt.

Zum ebenso skurrilen wie abgründigen Kammerspiel á deux wird die Geschichte des verschrobenen Hobbyfotografen Hermann Mildt durch das plötzliche Auftauchen der 51 Jahre alten polnischen Putzfrau Jana Potulski. Sie läuft Hermann Mildt an einer Bushaltestelle in Frankfurt/Oder über den Weg, und da ihre Tasche samt Reisepass gestohlen wurde und sie nicht über die polnische Grenze fahren kann, folgt sie dem Zufallsbekannten kurz entschlossen nach Berlin, quartiert sich in seiner Wohnung ein, nimmt seine Wohnzimmercouch als Schlafstätte in Beschlag und stellt sein Leben auf den Kopf.

Aus der Überrumpelung entwickelt sich ein Duell, ein wilder Schlagabtausch, in dem sich subtile Mordgelüste mit Erotik, xenophobe Attacken mit sehnsüchtigen Annäherungsversuchen zu einer explosiven Melange mischen. Das gemeinschaftliche Wohnen des Pensionisten und der polnischen Putzfrau eskaliert mehr und mehr. Am Ende geht es um Leben und Tod.

Der Stoff, aus dem die junge deutsche Autorin Inger-Maria Mahlke ihren Debütroman "Silberfischchen" entwirft, ist keineswegs neu, auch die Dramaturgie ihrer Geschichte folgt einem bekannten Schnittmuster. Mahlkes Erzählweise besitzt jedoch eine eigenwillige Handschrift. Sie mischt sachlich präzise Beschreibungen mit leicht surrealen Bildern, Slapstick-Szenen mit poetischen Momenten und erweist dabei eine erstaunliche Souveränität. Mahlkes kurzer, konzentrierter Roman ist komisch und zugleich anrührend.


Besprochen von Ursula März

Inger-Maria Mahlke: Silberfischchen
Aufbau Verlag, Berlin 2010
208 Seiten, 16,95 Euro

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