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Buchkritik | Beitrag vom 31.08.2019

Dror Mishani: "Drei"Ein Mann für alle Lebenslagen

Von Carsten Hueck

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Buchcover zu "Drei" von Dror Mishani. (Diogenes Verlag)
Und irgendwann taucht dann doch der Detektiv auf - in "Drei" von Dror Mishani. (Diogenes Verlag)

Ein Krimi in drei Teilen, ein Detektivroman voll unerwartbarer Wendungen, ein Verbrechen, das nicht im Mittelpunkt steht. Das alles vereint Dror Mishanis Roman "Drei". Ein spannendes wie literarisch anspruchsvolles Werk.

Wer Dror Mishani kennt, wird überrascht sein, dass nun ein Roman des Israelis annonciert ist. Ist er doch international erfolgreich als Krimiautor mit seinen Geschichten um den Wallander ähnlichen Inspektor Avi Avraham, der im heruntergekommenen Süden Tel Avivs den wenig spektakulären Realitäten der israelischen Gesellschaft müde ins Auge blickt. Doch am Ende des ersten der drei Kapitel des Romans "Drei" wird plötzlich klar: Auch dieses Buch ist wieder ein Krimi - spannend, weil höchst raffiniert gebaut, literarisch anspruchsvoll, spielerisch souverän die Möglichkeiten des Genres auslotend.

Aus Perspektive eines allwissenden Erzählers gibt Mishani zunächst Einblick in den Alltag einer geschiedenen Frau. Orna ist Gymnasiallehrerin und lebt mit ihrem neunjährigen Sohn Eran allein in Tel Aviv. Über ein Datingportal lernt sie Gil kennen, einen Anwalt, Anfang 40, ebenfalls geschieden, zwei Töchter.

Verlust von Job und Unterkunft

Gil ist leger und humorvoll, keiner, der sich ständig produzieren muss. Auch nach den ersten Treffen bedrängt er Orna nicht, geht behutsam auf sie ein und gewinnt ihre Aufmerksamkeit mit dem Charme ungekünstelter Durchschnittlichkeit. Während Ornas Ex mit neuer Frau, einer Deutschen und deren vier Kindern, in Kathmandu lebt, versucht Orna schließlich, sich mit Gil ein neues Leben aufzubauen.

Im zweiten Kapitel, das einige Jahre später spielt, steht Emilia im Mittelpunkt, eine aus Riga stammende Pflegekraft, die zum Geldverdienen nach Israel gekommen ist. Sie betreut Gils Vater. Als der stirbt, verliert sie Job und Unterkunft. Gil, in der ihm eigenen großzügig unaufdringlichen Art, stärkt ihr Selbstwertgefühl, hilft ihr, wieder Fuß zu fassen.

Im letzten Kapitel geht es um Ella. Sie hat zwei ältere Töchter und zehn Monate bevor sie Gil in einem Cafe kennenlernt, ein weiteres Kind bekommen. Um zu Hause nicht durchzudrehen, hat sie sich für ein Masterstudium eingeschrieben. Nach einer längeren, kumpelhaften Annäherung an Gil entwickelt sich, obwohl Ella verheiratet ist, doch mehr.

Erstaunlich präzise Psychogramme

Drei lebenshungrige, gestresste, verunsicherte, gleichwohl selbstbewusste Frauen porträtiert Dror Mishani in präzisen Psychogrammen. Er steigt dabei so empathisch und konkret in ihre Gefühlswelt ein, dass man nur staunen kann. Über die vierte Hauptfigur, Gil, erfährt man bis zuletzt sehr wenig. Das ist Absicht und macht seinen Reiz aus. Der Mann bleibt eine Projektionsfläche, über dessen Innenleben – ganz im Gegensatz zu dem der Frauen – kaum etwas nach außen dringt.

Die Handlung von "Drei", einem Verbrechen in drei Teilen, kann man nicht nacherzählen, ohne die Spannung aufzulösen, die kontinuierlich zunimmt. "Drei" ist ein Detektivroman voll unerwartbarer Wendungen, in dem selbst das Auftauchen des Detektivs überrascht. Denn lange findet man sich damit ab, dass das Verbrechen unaufgedeckt bleibt. Dabei steht es gar nicht im Mittelpunkt. Seine Kraft bezieht der Roman durch die lebendigen und anrührenden Schilderungen des Großstadtalltags, der Sehnsüchte anfacht, Kräfte raubt und die Menschen vergessen lässt, was ihnen guttut.

Dror Mishani: "Drei." Roman
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Diogenes, Zürich 2019
335 Seiten, 24 Euro

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