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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 11.10.2019

Drohende Klima-ApokalypseKapitulation, aber mit Hingabe!

Ein Plädoyer von Arno Orzessek

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Ausgetrockneter Boden, rauchende Schlote, eine Vogelschar am dunklen Himmel: die Apokalypse (Illustration) (imago/Panthermedia)
Unendlich viele Maßnahmen seien nötig, um die ökologische Katastrophe zu verhindern – und trotzdem bliebe der Erfolg ungewiss, meint Arno Orzessek. (imago/Panthermedia)

Jonathan Franzen hat vor kurzem im Magazin "New Yorker" vorgeschlagen, sich davon zu verabschieden, dass der Klimawandel aufhaltbar sei. Auch Publizist Arno Orzessek schlägt sich mit öko-apokalyptischen Gedanken herum – verzweifelt darüber aber nicht.

Die Älteren werden sich erinnern: Während des Kalten Kriegs musste man kein besonders großer Schisser sein, um die Auslöschung der Menschheit durch einen Atomkrieg zu befürchten. Ost und West hielten genügend Sprengköpfe für den 'Overkill' bereit, also die mehrfache Vernichtung des Gegners. Ein Szenario, das die Theologin Ute Ranke-Heinemann zu der Nachfrage animierte, woher man überhaupt "100 Milliarden Menschen" zum Töten hernehmen soll.

Zwar gibt es die Overkill-Kapazitäten auch noch heute, aber die Gegenwart steht nicht mehr im Zeichen der atomaren Bedrohung, sondern der drohenden Öko-Apokalypse. Und das sehen angesichts von Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, Umweltverschmutzung, Ressourcen-Verbrauch, Artensterben und Klimawandel nicht nur hartleibige Pessimisten so.

Öko-Apokalypse: schwerer zu verhindern als ein Atomkrieg

Leider lässt sich die Öko-Apokalypse schwerer verhindern als ein finaler Atomkrieg. Damit dieser ausbleibt, müssen die Menschen nur die Finger von den unheilvollen Sprengköpfen lassen. Zur Abwendung der Öko-Apokalypse sind hingegen unendlich viele Maßnahmen nötig – und trotzdem bliebe der Erfolg ungewiss.

Und während sich so gut wie niemand einen Atomkrieg wünscht, will fast jeder seinen Anteil am Wohlstand alias "Konsumkapitalismus" haben, der den ökologischen Niedergang vorantreibt. Wie es scheint, kann es den modernen Menschen samt seinen zivilisatorischen Errungenschaften überhaupt nur im Rahmen einer Öko-Apokalypse geben.

Und so stellt sich die Frage: Ist es eigentlich klug, mit allen Mitteln gegen die düsteren, zum Teil längst unumkehrbaren Tendenzen anzukämpfen, wie es Greta Thunberg fordert? Oder wäre es klüger, dass sich die Menschheit schon mal auf die kommenden Katastrophen vorbereitet, wie es Jonathan Franzen im "New Yorker" vorschlägt?

Jonathan Franzen verfällt in biblische Rhetorik

Womöglich könnten unserer Vorstellungskraft dabei Apokalypse-Filme wie "Mad Max", "The Day after Tomorrow" und "Hell" helfen, Filme, die Menschen unter endzeitlichen Bedingungen beobachten. Doch gemach! Nicht umsonst sind das fiktionale Werke mit einem Zug zu wilder Spekulation. Und auch ein rationaler Zeitgenosse wie Franzen verfällt auffälligerweise in biblische Rhetorik, wenn er "epische Fluten" und "apokalyptische Feuer" vorhersagt. 

Seien wir also nüchtern! Tatsächlich lassen sich Ausmaß und Verlauf der befürchteten Öko-Apokalypse wissenschaftlich nicht genau vorausberechnen. Zwar sind Einzelphänomene wie der Zusammenhang von CO2-Ausstoß, Erderwärmung und Anstieg der Meere durchaus berechenbar und erlauben belastbare Prognosen. Es ist jedoch ungewiss, ob sich der Niedergang des Ökosystems insgesamt über Jahrzehnte oder Jahrhunderte vollzieht oder auf einen plötzlichen Kollaps zusteuert.

Wissenschaft steckt in einem Erkenntnis-Dilemma

Ein Kollaps, der den Überlebenden den Planeten tatsächlich wie am Morgen nach dem letzten Tag hinterließe und sie zum Aufbau einer neuen Zivilisation nötigen würde. Die Wissenschaft steckt nämlich in einem Erkenntnis-Dilemma: Sie kann die Zukunft seriöserweise nur anhand der Daten von gestern und heute prognostizieren, ohne die Gestalt, den Einfluss und die Wechselwirkungen der Faktoren von morgen und übermorgen zu überblicken.

Im übrigen gibt es auch überall die Gegenstimmen der Zuversichtlichen: Technik-Optimisten setzen in puncto Emissionen auf Innovation, Aufklärungs-Optimisten in puncto Bevölkerungswachstum auf den Einfluss steigender Bildung, ökonomische Optimisten in puncto Migration auf die Ausmerzung vieler Fluchtursachen und politische Optimisten generell auf eine gerechtere Weltordnung.

Läuft auf Sisyphos-Arbeit hinaus

Doch ob Optimisten oder Pessimisten: Beide können sich ihrer Sache objektiv nicht sicher sein – was in puncto Verhalten der Menschheit für einen Kompromiss spricht. Georg Christoph Lichtenberg hat sich einst gefragt, was der Mensch tun kann, "wenn er so deutlich erkennt, daß nicht der ganze Plan vor ihm liegt? Antwort: Nichts weiter, als den Teil des Plans mit Treue und Tätigkeit bearbeiten, den er vor sich hat."

Und das heißt wohl für die von der Öko-Apokalypse bedrohte Gegenwart, Thunberg und Franzen zugleich ernst zu nehmen... Also sich gegen den Niedergang der Biosphäre zu stemmen, aber dabei den möglichen Misserfolg schon in Rechnung zu stellen.

Das läuft erkennbar auf eine Sisyphos-Arbeit hinaus. Und man kann nur hoffen, dass Albert Camus richtig lag, als er behauptete: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Der Autor Arno Orzessek (imago/STAR-MEDIA) (imago/STAR-MEDIA)Arno Orzessek, geboren 1966 in Osnabrück, studierte in Köln Literaturwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte. Er arbeitet als freiberuflicher Journalist vor allem für die "Süddeutsche Zeitung" und das Deutschlandradio. Arno Orzessek lebt in Berlin.

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