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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.06.2014

DrogenDer Mann, der Ecstasy entdeckte

Zum Tod des amerikanischen Chemikers Alexander Shulgin

Moderation: Frank Meyer

Die Partydroge Ecstasy (dpa / picture alliance / Sakki)
Die Partydroge Ecstasy (dpa / picture alliance / Sakki)

Als Berater der US-Regierung durfte Alexander Shulgin legal mit Drogen arbeiten. Er hat mehr als 300 davon hergestellt - und fast alle im Selbstversuch getestet. Jetzt ist der Ecstasy-Entdecker im Alter von 88 Jahren gestorben.

Frank Meyer: Gestern ist der Vater von Ecstasy gestorben. Der US-amerikanische Chemiker Alexander Shulgin, der in den 70er-Jahren die Partydroge Ecstasy entdeckt hat. In der Clubszene war diese Droge lange Zeit weit verbreitet. Der Wissenschaftsjournalist Hellmuth Nordwig hat sich mit der Geschichte dieser Droge beschäftigt. Herr Nordwig, reden wir jetzt über den Entdecker Alexander Shulgin selbst – was für ein Wissenschaftler war das denn?

Hellmuth Nordwig: Er war Chemiker, hat an der Universität von Kalifornien studiert, und hat dann in der Industrie geforscht, und es scheint ihm nicht allzu viel Spaß gemacht zu haben, denn er hat sich dann bald den Drogen gewidmet, hat daraus auch einen Job gemacht, ist Berater der US-Regierung geworden und Professor für forensische Toxikologie. Also, er durfte ganz legal mit Drogen arbeiten und hat mehr als 300 davon hergestellt und, das ist jetzt wirklich bemerkenswert, fast alle im Selbstversuch getestet, gemeinsam mit seiner Frau, eben darunter auch das Ecstasy, das Sie schon angesprochen haben, das hat er eigentlich wiederentdeckt, das gab es schon seit 1912. Er hat einen neuen Herstellungsweg gefunden.

Meyer: Ich finde das ja überhaupt bemerkenswert, dass ein Berater der amerikanischen Regierung Drogen wiederentdeckt oder entwickelt, die dann auf den Markt kommen. Wie war das – hat Alexander Shulgin von dieser Wiederentdeckung, wie Sie sagen, von Ecstasy irgendwie profitiert?

Gebrauch der Drogen sehr genau beschrieben

Nordwig: Er hat zahlreiche Vorträge gehalten und Bücher geschrieben, in denen er den Gebrauch der Drogen sehr genau beschrieben hat, und er hat sie auch empfohlen für die Behandlung von psychischen Traumata. Also bis heute wird sie gelegentlich eingesetzt, diese Droge Ecstasy, zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen, und da hat Shulgin natürlich nicht persönlich finanziell profitiert, aber er hat doch sehr dazu beigetragen, sie populär zu machen.

Die Substanz ist eigentlich ein Spitzname, bei den Chemikern heißt sie MDMA, und das A steht für Amphetamin. Das ist ja so eine ganze Gruppe von Substanzen, die eben psychedelisch wirken. Und das Ziel bei Merck, der Firma, der deutschen Firma übrigens, in der es damals entdeckt wurde, 1912, war eigentlich ein ganz anderes. Man wollte ein blutstillendes Mittel haben. Zufällig ist als Zwischenprodukt eben dieses MDMA entstanden. Die Wirkung hat man gar nicht so recht erkannt, das ist eben Shulgins Verdienst dann gewesen, wenn man das so nennen möchte. Er hat diese Substanz dann populär gemacht.

Sie wirkt ja, also eigene Erfahrung fehlt mir da, aber was ich doch inzwischen herausbekommen habe, sie wirkt euphorisierend, verstärkt das Gefühl, mit anderen sozusagen gemeinsam zu ticken und insbesondere auch im Rhythmus der Musik zu ticken, und deswegen ist sie eben auch in der Clubszene so wichtig geworden, diese Droge Ecstasy. Die eigenen Emotionen kann man intensiver wahrnehmen, und auch das Rhythmusgefühl.

Meyer: Und wenn Sie sagen, Alexander Shulgin hat diese Droge nur wiederentdeckt, aber er hat sie populär gemacht, er war sozusagen ein Verfechter dieser Droge – kann man das so sagen?

Er hat der Droge seinen Spitznamen verpasst

Nordwig: Das kann man auf jeden Fall so sagen. Er hat auch mehrere Bücher geschrieben, in denen er ganz detailliert darlegt, wie viel man nehmen muss, wie das dann wirkt, wie man auch den Nebenwirkungen möglicherweise entkommen kann, und das trägt natürlich unterm Strich dazu bei, dass das Leute dann auch mal ausprobieren.

Meyer: Und wenn Sie sagen, Ecstasy ist der Spitzname, zu dem die Substanz erst später gekommen ist – wer hat der Droge diesen Spitznamen verpasst? War das auch Alexander Shulgin?

Nordwig: Das war Alexander Shulgin selbst. Der Spitzname spricht ja auch für sich, denn man gerät tatsächlich in Ekstase. Es ist ja deswegen auch als Partydroge eben so wichtig geworden, vor allem in der Techno- und House-Szene. Die deutsche Drogenstelle schätzt, dass etwa ein Prozent der jungen Erwachsenen damit Kontakt haben. Das ist natürlich eine Zahl, die man mit Vorsicht genießen muss, aber das hängt möglicherweise auch mit der körperlichen Wirkung zusammen. Über die psychische habe ich ja schon gesprochen. Die körperliche Wirkung: geringeres Schmerzempfinden, Bewegungsdrang, also tatsächlich so eine Art Ekstase. Gefahren gibt es natürlich auch, Unterkühlung, Austrocknung, das kann sogar tödlich enden, wenn es auch sehr selten der Fall ist.

Meyer: Viel genommen wurde Ecstasy ja in den 90er-Jahren, Sie haben es angesprochen, in der Techno-Szene, in der Clubkultur. Heute ist Ecstasy – ja was? – verschwunden, zurückgegangen, abgelöst worden durch andere Drogen?

Abgelöst durch Chrystal Meth

Nordwig: Zurückgegangen ja, abgelöst vor allem durch Chrystal Meth. Das ist eine Droge, die aus Osteuropa rüberkommt zu uns und der Polizei wirklich große Probleme macht wegen des Umfangs und vor allem, weil es auch eine sehr viel gefährlichere Droge ist. Sie zerstört den Körper und die Psyche sehr schnell, da wird man emotional sehr labil und sehr stark abhängig. All das ist bei Ecstasy nicht der Fall, und Shulgin hatte das natürlich auch nicht im Sinn. Er hat bis zum Schluss an die bewusstseinserweiternde Wirkung geglaubt und das auch öffentlich vertreten bis zuletzt.

Meyer: Gestern ist der amerikanische Chemiker Alexander Shulgin in Kalifornien gestorben, der Entdecker der Partydroge Ecstasy. Wir haben darüber gesprochen mit dem Wissenschaftsjournalisten Hellmut Nordwig. Ganz herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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