Dresden wie es war und ist

27.12.2010
Mit seinem neuen Buch will Uwe Tellkamp eine Verbindung zwischen dem einstigen und dem heutigen Dresden herstellen. In den 33 Kapiteln balanciert Tellkamp gekonnt zwischen einst und jetzt.
Den Ausgangspunkt für Uwe Tellkamps Dresdner Erkundungen bildet ein Dachboden des Hauses in der Oskar-Pletsch-Straße 11. Ausgehend von diesem geheimen Ort, der zum Weißen Hirsch gehört, jenem Viertel also, das Tellkamp bereits als Schauplatz für seinen Erfolgsroman "Der Turm" ausgewählt hatte, spannt der Autor seinen weit in die Vergangenheit hinabführenden Erzählfaden. Mit ihm will er eine Verbindung zwischen dem einstigen und dem heutigen Dresden herstellen. "Dresden", heißt es in Tellkamps Buch, "ist ein langer Blick zurück."

So erklärt es sich, dass das zur Vergangenheit gehörende Dresden, in dem der 1968 geborene Autor aufwuchs, einen deutlich größeren Raum einnimmt, als das heutige, in dem der mit vielen Preisen ausgezeichnete Schriftsteller inzwischen wieder lebt. Tellkamp balanciert in den 33 Kapiteln seines Buches gekonnt zwischen einst und jetzt. So entsteht ein in der Schwebe gehaltenes Bild der an der Elbe liegenden "Sandsteinschönen", die in lasziver Gelassenheit dazu einlädt, bestaunt zu werden.

Zu Tellkamps Dresdner Kindheit gehört der Friseursalon Harand ebenso wie das Miederwarengeschäft von Ruth Vogel, das die Dresdner der Einfachheit halber "Busen-Vogel" nannten. Und er erinnert an den Laden eines Orthopädieschuhmachermeisters, wobei er als Kind tief beeindruckt von dem 28 Buchstaben zählenden Wort war. Solche Beschreibungen hätten nicht mehr als Lokalkolorit, wäre es Tellkamp nicht gelungen, anhand der Beschreibungen Zeittypisches festzuhalten. In der Manier eines Flaneurs spaziert er in Gedanken durch das verschwundene Dresden und ruft dabei jene Zeit wieder in Erinnerung, von der östlich der Elbe bis 1989 das Leben geprägt wurde. Tellkamps Dresdenbild setzt sich aus einer "Summe von Augenblicken" zusammen. Aus jenen, die ihm in Erinnerung geblieben sind, entwirft er das Bild seiner Stadt, das aber lässt genügend Platz, um neben das von Tellkamp beschriebene Erinnerungsbild eigene legen zu können.

Beschienen werden diese Impressionen von einer "zweiten Sonne", wie Tellkamp sie nennt. Unter dieser Sonne erscheinen die Erinnerungsbilder in einem anderen Licht, sodass es möglich ist, auf ihnen den eigenen Doppelgänger zu erkennen. Gelegentlich muss der Autor allerdings an einer "Schmetterlingsklingel" drehen, damit die zur Vergangenheit gehörenden "Schimären sich wieder mit einer Wirklichkeit verbünden."

Tellkamps barocker Stil passt zu der von August dem Starken geprägten Stadt, in der das Ornamentale seinen würdigen Platz hat. Mit offensichtlichem Genuss windet sich Tellkamps Sprache in feinste Höhen und man muss ein gewisses Vergnügen am Akrobatischen haben, um daran Gefallen zu finden. Der Autor versteht sein Handwerk. Doch gerade deshalb fällt auf, dass der erste Teil seines Buches sorgfältiger gearbeitet worden ist. In der zweiten Hälfte verschwindet unter viel sprachlicher Finesse oft das Wesentliche und es fehlt den Geschichten an Originalität.

Besprochen von Michael Opitz

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn - Dresdner Erkundungen
Mit Fotografien von Werner Lieberknecht
Insel Verlag, Berlin 2010
165 Seiten, 19,90 Euro
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