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Studio 9 | Beitrag vom 15.07.2015

DresdenVerein AFROPA hilft Asylsuchenden

Von Anette Selg

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(dpa-Zentralbild / Oliver Killig)
Im Stadtteil Neustadt ist der Dresdner Verein AFROPA zuhause. (dpa-Zentralbild / Oliver Killig)

Der aus Mosambik stammende Emiliano Chaimite hat den Verein AFROPA gegründet. Ziel des Dresdner Vereins ist die Förderung der afrikanisch-europäischen Verständigung, die Mitglieder kommen aus zehn Nationen. Bei dem Verein finden auch Flüchtlinge Unterstützung.

In Dresdener Stadtteil Neustadt versteckt sich zwischen kleinen Kneipen und Hinterhofgalerien ein Ladenlokal - hier ist der Dresdner Verein AFROPA zuhause.

"Wenn Beratung ist oder Veranstaltungen, sind wir hier. Und ich setze mich meistens hier hin, hier in dem kleinen Kabuff."

Emiliano Chaimite, Gründer und Vorsitzender des afrikanischen Vereins, sitzt am Schreibtisch - umgeben von Pokalen.

"Ja, wir haben auch eine Fußballmannschaft und nehmen an bestimmten Turnieren teil oder veranstalten selber Turniere. Und das sind unsere Errungenschaften, sozusagen. Einmal der Gomondai-Cup, dann Celle Hannover sind wir auch unterwegs gewesen, Interkulturelle Tage, eben verschiedene Freizeitfußballturniere, wo wir daran teilnehmen."

Zurzeit organisiert der Verein AFROPA regelmäßig die Veranstaltung "Das interkulturelle Sofa". Auf dem Sofa erzählen Menschen aller Herkunftsländer ihre unterschiedlichen Geschichten. Und das schwere Möbelstück auf Rollen haben Chaimite und seine Freunde sogar schon zu den Anti-Pegida-Protesten geschoben.

Mit 18 aus Mosambik in die DDR

Emiliano Chaimite ist ein kräftiger, freundlicher Mann. Vor rund 30 Jahren, damals war er 18, kam er aus Mosambik in die DDR, als Vertragsarbeiter in eine Gießerei bei Magdeburg:

"1989 wurden die Betriebe, die Kombinate damals, geschlossen, der Umbruch. Man hat uns nahe gelegt, entweder 3000 D-Mark Abfindung zu nehmen und nach Hause zu fliegen, oder man musste sich selber kümmern um eine Wohnung und Arbeit. Das war natürlich der Knackpunkt. Und die meisten haben natürlich Angst bekommen, vor dem, was kommt. Da haben die meisten gesagt: OK, wir nehmen 3000 Mark, dann fliegen wir. So ist das Gros erstmal rausgelockt worden aus der DDR."

Emiliano Chaimite bleibt in Deutschland. Freunde in Berlin verschaffen ihm eine Unterkunft, er findet einen Job bei der Post. In seinen Pass stempeln die Westberliner Behörden dennoch: "ausreisepflichtig" und "Arbeitsverbot". Seine Rettung ist der Dresdner Pfarrer der Martin-Luther-Gemeinde, genau hier, in seiner jetzigen Nachbarschaft.

"Dieser Pfarrer gehörte zur Äußeren Mission Evangelische Kirche, die eigentlich in Tansania und so tätig waren. Aber die haben diesen Missstand bemerkt und sich entschlossen, für die ehemaligen Vertragsarbeiter irgendwas zu machen. Die haben praktisch alle aufgesammelt, die ohne Organisation waren, in der Luft hingen und haben noch mal einen Sprachkurs organisiert und Berufsausbildungen oder Angebote, mit Betrieben wie TÜV, Krankenhäuser und so weiter."

Heute arbeitet Emiliano Chaimite als Krankenpfleger in der Urologie eines Dresdner Krankenhauses.

"Wenn man sich unter großen Mühen integriert hat, und selber jemand ist, der kämpft, der was verändern möchte, hab ich mich fürs Bleiben entschieden. Ich hatte ja ne Aufgabe, ich wollte ja, dass eines Tages Migranten einziehen ins Dresdner Rathaus. Dort in Verwaltung, Politik mitarbeiten, und wir sind nur kleines Stück vorangekommen."

In Dresden verwurzelt

Vor allem die Begegnung mit dem Dresdner Pfarrer hat aus ihm einen politisch aktiven Menschen gemacht. Neben seiner Vereinsarbeit war er lange Jahre im Ausländerbeirat der Stadt tätig, hat am neuen Dresdner Integrationskonzept mitgearbeitet. Heute ist Emiliano Chaimite verwurzelt in Dresden, doch einfach war es nie.

"Meine Begrüßung war der Gomondai-Tod, sozusagen. Der Jorge Gomondai, der 1991 hier aus der Straßenbahn geworfen wurde, nachdem er zusammengeschlagen worden ist, und verstarb. Und die grölende Menge, die dann hier Straßenbahn gefahren sind und gerufen haben: Ausländer raus. Das war ja so mein Eindruck."

An den mosambikanischen Vertragsarbeiter Gomondai erinnert mittlerweile ein Platz in Dresden. Doch die tiefe Enttäuschung über die gegenwärtigen Zustände in der Stadt ist Emiliano Chaimite anzumerken.

"Also, es geht ja nicht alles spurlos vorbei an einem. Wirklich, manche haben sich sehr zurückgehalten, klare Position zu beziehen. Wer Hass versprüht, wer das duldet, nicht klar verurteilt, der macht sich mitschuldig. Und es ist in der Tat so, und wir leben jetzt in einem vergiftetem Raum. Dieser komische Name, Pegida, bestimmt auch andere Leute, das hat die Atmosphäre hier so vergiftet, dass mittlerweile die Gesellschaft denkt, es gibt Freund und Feind, gut und böse."

Trotz der polarisierenden Stimmung engagiert sich Emiliano Chaimite weiter, Dresden ist jetzt sein Zuhause.

"Ich denke, dieser Kontakt zu den Menschen, das gibt mir auch etwas, sonst würde ich es nicht machen. Es gibt Menschen, die sind sehr angenehm und ich kenne so viel, sehr sehr gute Menschen. Das ist so eine Sache, wo Pegida ganz weit wegrutscht. Zum Glück."

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