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Zeitfragen | Beitrag vom 29.07.2020

Dreiländereck Litauen-Lettland-WeißrusslandWie aus Nachbarn Fremde wurden

Von Berthold Forssman und Martin Sander

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Blick in ein Wahllokal im ostlettischen Daugavpils beim Referendum über die Zulassung des Russischen als zweite Amtssprache im Jahr 2012  (imago images / EST&OST)
Wahllokal in Daugavpils - die ostlettische Stadt war beim Referendum über die Zulassung des Russischen als zweite Amtssprache im Jahr 2012 eine der wenigen, die mit Ja stimmten. (imago images / EST&OST)

Es gibt Dreiländerecke, die haben eine ganz eigene Dynamik entwickelt - etwa bei Aachen oder bei Basel. Nicht so die Region zwischen Litauen, Lettland und Weißrussland mit ihrer bewegten Geschichte. So fremd wie heute waren sich die Menschen dort nicht immer.

Zarasai ist ein anmutiges Städtchen inmitten der Wälder und Seen Ostlitauens. Gleich am Stadtrand verläuft die Grenze zum EU-Nachbarn Lettland - so gut wie unsichtbar.

So war es schon manches Mal in der Vergangenheit. Zum Beispiel in der Polnischen-litauischen Adelsrepublik von der Mitte des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Schon dieser Staatenbund, der von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte, hieß offiziell Union.

Kęstas Vasilevskis vom Regionalmuseum Zarasai trauert ihr fast ein wenig nach. "Diese Union war etwas geradezu Innovatives und Abenteuerliches, eine Republik mit Teilen des Territoriums von Weißrussland und der Ukraine, fast schon eine Art Prototyp für die Europäische Union, auch wenn man das heute nicht mehr so wahrnimmt."

Die alte Union löste sich 1795 auf. Litauer und Letten wurden nun Untertanen des russischen Zarenreichs. 1918 entstanden aus der Konkursmasse die Republiken Litauen und Lettland. Doch schon 1940 büßten sie ihre Unabhängigkeit wieder ein und wurden der Sowjetunion einverleibt. Damit wurde die litauisch-lettische Grenze erneut bedeutungslos. Zarasai und seine Umgebung bekamen ein Oberzentrum in Lettland in Gestalt der 30 Kilometer entfernten Stadt Daugavpils.

Enge Nachbarschaft in Sowjetzeiten

Die Litauerin Dalia Sargūnienė erinnert sich an ihre Besuche zu Sowjetzeiten. "Man fuhr zu Konzerten, ins Theater, es ist ja eine große Stadt. Wir sind da spazieren gegangen, und ich fand es interessant zu sehen, wie die Nachbarn leben", erzählt sie.

"Damals waren auch die Verkehrsverbindungen viel besser. Wenn man etwas fragen musste, dann machte man das auf Russisch, denn in Daugavpils ist die Mehrheit russischsprachig. Aber wir Litauer finden, dass die Letten unsere baltischen Schwestern sind, wir sind uns ähnlich."

Blick auf den littauischen Ort Zarasai über den Zarasaitis-See (picture alliance/Rainer Hackenberg)Das lettische Daugavpils ist 30 Kilometer entfernt: Blick auf den ostlittauischen Ort Zarasai. (picture alliance/Rainer Hackenberg)

Nach dem Ende der Sowjetunion grenzten sich Lettland und Litauen wieder voneinander ab. Man war wieder Ausland füreinander. Gleich hinter Zarasai wurde wieder kontrolliert. Seit 2007 ist man nun Nachbar im Schengenraum. Die Grenze ist wieder offen.

Trotzdem verläuft die Wiederannäherung nur schleppend, beobachtet Kęstas Vasilevskis vom Museum in Zarasai. "Ich kenne niemanden, der von Zarasai nach Daugavpils pendelt", sagt er.

"Für mich ist Daugavpils allerdings interessant als nächste größere Stadt und durch seine alte Architektur. Ich habe nicht das Gefühl, dass man dort richtig in Lettland ist. Daugavpils ist ein bisschen anders. Wir spotten immer etwas, dass da Europa zu Ende ist."

Lettisches Kulturzentrum im lettischen Daugavpils 

Daugavpils ist die zweitgrößte lettische Stadt nach Riga. Doch Letten stellen in Daugavpils nur ein Fünftel der Bevölkerung. Die Mehrheit bilden ethnische Russen. Außerdem leben dort Polen, Weißrussen und andere Ethnien. Sie unterhalten eigene Kulturzentren - sogar die Letten.

Ein Kuriosum, findet Rimantas Klepšys, Leiter des litauischen Zentrums. "Das ist eigentlich absurd, auf der Welt finden Sie so etwas nicht noch mal. In Daugavpils, also hier in Lettland, da gibt es eine lettische Gesellschaft, weil wir in einer mehrheitlich russischsprachigen Stadt leben."

Daugavpils wurde im 13. Jahrhundert von deutschen Ordensrittern unter dem Namen Dünaburg gegründet. Die historische Abteilung des Regionalmuseums von Daugavpils wird von Valentīna Slavkovska geleitet. Sie zeigt uns die Dauerausstellung mit einem Modell von Dünaburg aus der Zeit, bevor die Stadt Ende des 16. Jahrhunderts an Polen-Litauen fiel. 

"Die jahrhundertelange Zugehörigkeit zu Polen-Litauen hat bewirkt, dass sich unsere Region vom übrigen Lettland unterscheidet, unter anderem durch den großen Einfluss der katholischen Kirche", sagt Slavkovska.

"Nach dem Ende der Adelsrepublik kam Daugavpils zum russischen Gouvernement Witebsk. Insofern sind wir auch dieser Region in Weißrussland historisch verbunden. Seit der Zarenzeit kamen immer mehr Russischsprachige in unsere Stadt, und das prägt uns bis heute."

"Viele Letten sind noch nie hier gewesen"

Trotz mancher Kriegsschäden ist in Daugavpils viel historische Bausubstanz erhalten, darunter die Zitadelle und eine alte Synagoge. Man sei hier stolz auf dieses Erbe, das auch viele Letten gar nicht so gut kennen würden, erklärt Valentīna Slavkovska. "Gäste aus Riga finden uns abgelegen, denn für sie sind es immerhin vier Stunden Fahrt. Viele Letten sind noch nie hier gewesen. Wenn sie dann aber kommen, finden sie Daugavpils schön, einmalig und spannend."

Für Lettland liegen das Dreiländereck und Daugavpils in der Peripherie. Das Pendant auf litauischer Seite ist die Stadt Visaginas – sie ist für die Litauer fast wie ein Fremdkörper. In den 1970er-Jahren begann man dort am Ufer des Drūkšiai-Sees mit dem Bau eines Atomkraftwerks und stampfte mit Visaginas eine ganze Stadt aus dem Boden.

Die Mitarbeiter zogen aus der gesamten Sowjetunion in die großzügig geplante Plattenbausiedlung. Das AKW schloss 2009, doch da hatten die so unterschiedlichen Bewohner von Visaginas bereits ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, meint Oksana Denisenko vom städtischen Kulturzentrum.

"Das einigende Element ist gerade, dass die Mehrheit zugewandert ist. Aber sonst ist Visaginas eine völlig untypische litauische Stadt in dem Sinn, dass die Litauer eine Minderheit sind, vielleicht 20 Prozent", sagt Denisenko.

"Und wir grenzen zwar an Lettland und an Weißrussland, aber wir haben ein ganz anderes Selbstgefühl als Daugavpils. Und tägliche Kontakte zu Weißrussland, die gibt es gar nicht."

Früher unbewertes Reisen, heute Visa-Kontrollen 

Unter der postsowjetischen Neuordnung haben vor allem die einst engen nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Litauern und Weißrussen gelitten. Tatiana Dmitrieva leitet das lokale Tourismuszentrum im litauischen Visaginas. Ihre Eltern kamen einst aus Weißrussland, und sie erinnert sich gern an ihre unbeschwerte Kindheit ohne jene gut bewachte EU-Außengrenze, die heute direkt durch den Drūkšiai-See verläuft. 

"Wir hatten ein Häuschen am See, und mein Großvater kam mit dem Boot über den See nach Litauen und nahm mich rüber ans weißrussische Ufer, denn damals gab es ja noch keine Grenze", sagt Dmitrieva.

"Heute brauchen wir für Besuche ein Visum, und es gibt Schlangen. Ohne die Kontrollen könnten wir es in 40 Minuten schaffen, aber oft muss man lange warten. Wir fahren deshalb nur noch ein paar Mal im Jahr rüber. 

Litauen und Lettland können im Dreiländereck wieder zusammenwachsen. Mit Weißrussland ist es schwieriger. Wer von Visaginas dorthin will, muss einen weiten Umweg machen. Lena Buško vom Zentrum für Wirtschaftsförderung in Visaginas denkt darüber nach, wie man die alte, direkte Nachbarschaft wiederbeleben könnte.

"Wenn jetzt neue Fabriken in Visaginas eröffnen, wird es hier bestimmt zu einem Arbeitskräftemangel kommen. Dann sollten wir endlich die Möglichkeit für Weißrussen schaffen, schnell hierher zu gelangen", meint sie. "Es gibt sogar die Idee, eine Seilbahn über den See zu bauen - für Arbeitskräfte und für den Tourismus wäre das sehr gut."

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