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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.05.2019

Drei Museen würdigen Bildhauerinnen - endlich!Gefangen in gesellschaftlichen Konventionen

Von Anette Schneider

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Eine Besucherin betrachtet die Skulptur "Schwangere" aus dem Jahr 1918 von Emy Roeder in der Ausstellung "Unsere Moderne" 2011 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe  (picture alliance / dpa/Uli Deck)
Eine Tierskulptur der Bildhauerin Emy Roeder, aktuell zu sehen in den Museen Böttcherstraße in Bremen. (picture alliance / dpa/Uli Deck)

Die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn, das Gerhard-Marcks-Haus und die Museen Böttcherstraße in Bremen haben zusammen eine Ausstellung über Bildhauerinnen konzipiert. Und schreiben damit ein Stück Kunstgeschichte neu.

400 Bildhauerinnen entdeckten die Museen bisher bei ihren Recherchen! 400 Künstlerinnen, von denen viele heute völlig vergessen sind, oder kaum bekannt – die aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwanden durch simple, altbekannte Methoden, die immer wieder wütend machen.

Frank Schmidt, Leiter der Museen Böttcherstraße, sagt: "Ihre Arbeiten wurden nicht gesammelt, nicht ausgestellt, deswegen waren sie nicht verfügbar und deswegen konnte man sie gar nicht sehen." Jetzt kann man sie sehen.

Erst einmal 100 Arbeiten von gut 50 Bildhauerinnen aus 150 Jahren. Und - welch' Überraschung: Wie ihre männlichen Kollegen griffen sie die Kunstströmungen und Motive ihrer Zeit auf. Sie schufen große Skulpturen und kleine. Sie arbeiteten figürlich, abstrakt und expressiv. Sie nutzten alle Materialien, waren mal konventionell, mal innovativ.

Unpassend für eine Frau?

Nur: Sie mussten sich all dies mühsam erkämpfen. Bis 1919 durften sie nicht studieren. Bis in die 70er-Jahre wurden sie vom männergeführten Kunst- und Wissenschaftsbetrieb ignoriert. Und, so Arie Hartog, Leiter des Gerhard-Marcks-Hauses:

"Das vielleicht Wichtigste ist, dass sie nicht ernst genommen wurden. Das geht soweit, dass Bildhauerinnen, die versuchen, ihre Werke zu verkaufen, sie nicht verkaufen können! Das geht nur über den jeweiligen Mann, weil sie ja nicht geschäftsfähig sind nach dem deutschen Gesetz. Dann gibt es noch so typische gesellschaftliche Barrieren: Das sei unpassend für eine Frau. Das ist ja körperliche Arbeit. Das ist ja undenkbar. Das heißt: Es ist ein kompliziertes Geflecht von gesellschaftlichen Konventionen, in dem sie gefangen waren."

Klischees und Hürden

Unter dem Obertitel "Klischees und Hürden" zeigen die Ausstellungen, wie sich die Bildhauerinnen gegen die gesellschaftlichen Vorurteile wehrten: Kunst dient Frauen im 19. Jahrhundert nur zum Zeitvertreib?

Die Bildhauerin Emy Roeder und der Architekt Ludwig Mies van der Rohe (dpa - Bildarchiv / Peterhofen)Die Bildhauerin Emy Roeder während der Verleihung des Großen Kunstpreises von Nordrhein-Westfalen 1959. (dpa - Bildarchiv / Peterhofen)

Schon steht man im Gerhard-Marcks-Haus vor Porträtbüsten von Elisabeth Ney und Angelica Facius, die um 1850 berühmt waren, als Meisterinnen ihres Fachs galten und mit ihrer Arbeit gut verdienten. Facius etwa schuf im Weimar der Goethe-Zeit beliebte Porträtbüsten ihrer Zeitgenossen. Und Etha Richter, Emy Roeder oder Else Bach waren später erfolgreich mit kleinen, dekorativen Tierskulpturen, die in der Böttcherstraße zu sehen sind.

Die Nische genutzt

Frank Schmidt: "Das war eine Nische, die man ihnen zugestanden hat und die haben sie dann auch ergriffen, weil sie gesehen haben: Damit haben wir einen Markt und diesen Markt können wir bedienen. Bestes Beispiel ist Renée Sintenis, die bekannte Tierplastikerin, die damit auch wirklich sehr viel Erfolg hatte und zum Beispiel den Berliner Bären geschaffen hat."

Frauen können weder im großen Format noch mit Bronze oder Marmor arbeiten? Viele Bildhauerinnen hielt das Vorurteil nicht ab, große Bronzeskulpturen zu entwerfen. Hanna Koschinsky zum Beispiel hatte 1909 bei Aristide Maioll in Paris studiert und schuf wenig später ihre "Sitzende Frau": Eine üppig-runde, kompakte Nackte, die allen männlichen Schönheitsidealen widerspricht und selbstbewusst im Hier und Jetzt ruht.

Aufbruchsstimmung in der Weimarer Republik

In der Aufbruchsstimmung der jungen Weimarer Republik eroberte dann eine junge Generation gesellschaftliche Freiräume, was sich in dynamischen Skulpturen Tanzender und Laufender spiegelt. "Es gibt auch Frauen, von denen wir heute keine Exponate mehr haben.", sagt Mirjam Verhey.

Die Kuratorin des Gerhard-Marcks-Hauses deutet auf eine Abbildung an einer Wand, die sie in einer alten Kunstzeitschrift entdeckte. Sie zeigt eine expressive Steinfigur von Gela Forster, deren Werk von den Faschisten zerstört wurde:

"Sie war mit Archipenko verheiratet, was auch noch mal zeigt, dass sie schon in der Zeit auch wirklich die großen Namen kannte. Und wir wissen heute gar nicht, wie die deutsche Bildhauerei sich entwickelt hätte, wenn man ihre Kunst hätte zeigen können für nachfolgende Künstlergenerationen."

Käthe Kollwitz, Jenny Wiegmann-Mucchi, Ruthild Hahne

Besonders hartnäckig vertraten die Herren der Schöpfung die Ansicht, politische Themen seien für Frauen tabu. Das Gerhard-Marcks-Haus hält mit einem eindrucksvollen Saal dagegen: Da bezieht Käthe Kollwitz Stellung gegen Armut und Krieg, die antifaschistische Widerstandskämpferin Jenny Wiegmann-Mucchi gegen Faschismus und Algerienkrieg. Und ein Foto zeigt zwei drei Meter hohe Skulpturen der DDR-Künstlerin Ruthild Hahne: einen jungen Arbeiter und eine Arbeiterin für ein Thälmann-Denkmal.

Mirjam Verhey: "Die eben beweisen, dass Frauen sehr wohl am politischen Puls der Zeit waren, und dass auch ein anderes Klischee wie das, dass Frauen nur kleine hübsche Arbeiten machen, völlig aushebelt."

Mit einigen Arbeiten aktueller Bildhauerinnen wie Rebecca Horn und Isa Genzken enden die Ausstellungen, die Unschätzbares leisten: Sie schreiben ein Stück Kunstgeschichte neu! Dank dieses großartigen Projekts kann niemand mehr behaupten, es hätte keine Bildhauerinnen gegeben!

Natürlich kann dies erst ein Anfang sein. Das sieht auch Arie Hartog so: "Ich kann Ihnen versprechen: Wenn da jetzt die anderen Forscher loslegen - da kommt noch sehr viel zum Vorschein!"

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