Drehbuchstandards und Stereotypen
Die Welt wird immer komplizierter, der Modernisierungsschub ist nicht aufzuhalten. Angesichts dessen erweist sich das Kino á la Hollywood als sicheres Refugium. Mag die Technik auf der Leinwand noch so modern sein, in Sachen Dramaturgie und bei vielen Handlungsdetails bietet das populäre Kino Altbewährtes - dank zahlreicher Stereotypen. Annähernd 500 solcher Filmklischees hat Christian Georg Salis für sein Büchlein gesammelt und thematisch sortiert.
Wo das künstlerisch ambitionierte Kino mühsam neue Bilder erfindet, greift das Kino der Massen gerne auf Klischees zurück. Häufig wird man damit auf der Leinwand und am heimischen Bildschirm konfrontiert, so etwa beim Showdown im Thriller.
"Der Gute hat den Bösen zur Strecke gebracht. Der Böse liegt regungslos am Boden. Der Gute nimmt die Frau beschützend in den Arm. Doch noch pocht die Angst in uns. Wir wissen genau: Der Böse steht noch einmal auf. Es kann jeden Augenblick so weit sein. Und – da passiert es! Wir schrecken auf, obwohl wir die ganze Zeit darauf gewartet haben."
Der Böse steht noch einmal auf. Bei aller Angstlust, darauf ist Verlass. Mehr noch: Das Gute siegt, und "am Ende ergibt alles einen Sinn". Das populäre Kino hat seine eigenen Gesetze, bietet stets ein Happy End und den Trost der stimmigen Form. Kino als Sinnmaschine.
"Der Böse steht noch einmal auf ... und andere Klischees in Hollywood-Filmen" ist der Titel des Buches von Christian Georg Salis, das auf gut 100 Seiten zahlreiche Drehbuchstandards und Stereotypen auflistet. Die meisten sind bekannt, einige hingegen hat man vielleicht noch nie bemerkt.
"Viele bekommen auch nach einer heftigen Schlägerei keine blauen Flecken. ... Nach einem Schlangebiss verteilt sich das Gift nicht im Körper, sondern verweilt an der Bissstelle. Es kann ohne Probleme herausgesogen werden. Das kann der Betroffene niemals selbst tun."
Salis teilt seine bisweilen süffisant formulierten Beispiele in 27 Kapitel auf. Man findet kleine Sammlungen zu Themen wie Autofahren und Verfolgungsjagden, Essen und Trinken, Männer und Frauen, Abenteuer und Gefahren, Polizei, Militär und Technik. Wer mit Salis genau hinschaut, entdeckt, dass Bodyguards und Geheimagenten immer mit zwei Fingern gegen einen kleinen Sender im Ohr drücken müssen, um etwas hören zu können. Nicht genug:
"Fernrohre sind mit einem Mechanismus ausgestattet, der das Objektiv automatisch unscharf stellt, wenn sich eine entblößte Frau vor der Linse befindet. ... Diktiergeräte sind intelligent. Wenn man zurückspult, stoppen sie immer an der Stelle, die man gerade abspielen wollte, die Tonqualität ist immer perfekt, egal, wo man das Gerät bei der Aufnahme versteckt hatte. Das Zurückspulen ist immer geräuschvoll."
Unterhaltsam, entlarvend und mitunter lehrreich ist die Lektüre der vielen Beispiele allemal. Wer hat im Kino schon darüber nachgedacht, ob Unter-Wasser-Tauchen, so ein Klischee, Schutz vor schießwütigen Gegnern bietet? Spätestens seit "Der Soldat James Ryan" weiß man, dass Gewehrsalven ihr Ziel auch unter Wasser finden und dass dies verheerende Folgen hat. Apropos Gewehr: Kein Western ohne Schießerei – und ohne Klischees. Manche sind geradezu konstitutiv für dieses Genre, sind so unabdingbar wie etwa ein Schluck Whiskey, der den Staub aus der Kehle spült.
Selten werden im Kino der Massen gewohnte Muster durchbrochen, was durchaus gesteigerte Aufmerksamkeit, ungewohnte Spannung und unerwartete Wirkungen mit sich bringen kann. Eher – man denke nur an Filme wie "Fluch der Karibik" – ist es gerade das bewusste, stete und geschickte Spiel mit Klischees, das die Zuschauer in die Kinos lockt und zum Lachen anregt.
Vor allzu schnellem Naserümpfen ist daher Vorsicht geboten. Sicher: Sind Klischees zu platt, vereinfachen sie die Dinge zu sehr, dann hat es den Anschein, man wolle das Publikum für dumm verkaufen. Oft jedoch bieten Klischees Orientierung, Sicherheit, Verlässlichkeit und spiegeln überdies die Sehnsüchte und Träume der Zuschauerinnen und Zuschauer.
"Hollywood spielt uns Träume vor, die Wirklichkeit werden könnten. Und Wirklichkeiten, die wir uns erträumen. Was wir sehen, ist uns nur allzu vertraut. Und im gleichen Moment fremd, unheimlich, sonderbar, verrückt, bizarr."
Salis’ umfangreiche Liste dokumentiert eine liebevolle Fleißarbeit. Was die theoretische Reflexion des umfangreichen Stoffs anbelangt, hält sich der Autor – leider – sehr zurück. Im Abschnitt "Film als Bild der Kultur" seines Vorworts deutet Salis zumindest an, dass es sich bei den wiederkehrenden Motiven und Themen, auch Topoi genannt, um Grundbausteine von Erzählungen handelt.
"Topoi sind Mosaiksteine, aus denen Hollywood bunte Bilder zusammensetzt. Das fertige Gemälde porträtiert die Lebensweise unserer Kultur und Epoche."
Hier hätte man gerne mehr erfahren, doch liegt der Schwerpunkt der Publikation auf der Zusammenstellung zahlreicher Filmklischees, darunter "platte und raffinierte, absurde und banale, offenkundige und versteckte". Immerhin hat sich der Autor die Mühe gemacht und seine Sammlung mit gut 200 Abbildungen illustriert. Bleibt zu hoffen, dass die lange Liste nur einen ersten Schritt darstellt auf dem Weg zu einer tieferen Durchdringung des amüsanten und interessanten Stoffs, aus dem nicht nur unsere Träume sind.
Christian Georg Salis: Der Böse steht noch einmal auf ... und andere Klischees in Hollywood-Filmen
Schüren Verlag: Marburg 2006
112 Seiten, 9,90 Euro
"Der Gute hat den Bösen zur Strecke gebracht. Der Böse liegt regungslos am Boden. Der Gute nimmt die Frau beschützend in den Arm. Doch noch pocht die Angst in uns. Wir wissen genau: Der Böse steht noch einmal auf. Es kann jeden Augenblick so weit sein. Und – da passiert es! Wir schrecken auf, obwohl wir die ganze Zeit darauf gewartet haben."
Der Böse steht noch einmal auf. Bei aller Angstlust, darauf ist Verlass. Mehr noch: Das Gute siegt, und "am Ende ergibt alles einen Sinn". Das populäre Kino hat seine eigenen Gesetze, bietet stets ein Happy End und den Trost der stimmigen Form. Kino als Sinnmaschine.
"Der Böse steht noch einmal auf ... und andere Klischees in Hollywood-Filmen" ist der Titel des Buches von Christian Georg Salis, das auf gut 100 Seiten zahlreiche Drehbuchstandards und Stereotypen auflistet. Die meisten sind bekannt, einige hingegen hat man vielleicht noch nie bemerkt.
"Viele bekommen auch nach einer heftigen Schlägerei keine blauen Flecken. ... Nach einem Schlangebiss verteilt sich das Gift nicht im Körper, sondern verweilt an der Bissstelle. Es kann ohne Probleme herausgesogen werden. Das kann der Betroffene niemals selbst tun."
Salis teilt seine bisweilen süffisant formulierten Beispiele in 27 Kapitel auf. Man findet kleine Sammlungen zu Themen wie Autofahren und Verfolgungsjagden, Essen und Trinken, Männer und Frauen, Abenteuer und Gefahren, Polizei, Militär und Technik. Wer mit Salis genau hinschaut, entdeckt, dass Bodyguards und Geheimagenten immer mit zwei Fingern gegen einen kleinen Sender im Ohr drücken müssen, um etwas hören zu können. Nicht genug:
"Fernrohre sind mit einem Mechanismus ausgestattet, der das Objektiv automatisch unscharf stellt, wenn sich eine entblößte Frau vor der Linse befindet. ... Diktiergeräte sind intelligent. Wenn man zurückspult, stoppen sie immer an der Stelle, die man gerade abspielen wollte, die Tonqualität ist immer perfekt, egal, wo man das Gerät bei der Aufnahme versteckt hatte. Das Zurückspulen ist immer geräuschvoll."
Unterhaltsam, entlarvend und mitunter lehrreich ist die Lektüre der vielen Beispiele allemal. Wer hat im Kino schon darüber nachgedacht, ob Unter-Wasser-Tauchen, so ein Klischee, Schutz vor schießwütigen Gegnern bietet? Spätestens seit "Der Soldat James Ryan" weiß man, dass Gewehrsalven ihr Ziel auch unter Wasser finden und dass dies verheerende Folgen hat. Apropos Gewehr: Kein Western ohne Schießerei – und ohne Klischees. Manche sind geradezu konstitutiv für dieses Genre, sind so unabdingbar wie etwa ein Schluck Whiskey, der den Staub aus der Kehle spült.
Selten werden im Kino der Massen gewohnte Muster durchbrochen, was durchaus gesteigerte Aufmerksamkeit, ungewohnte Spannung und unerwartete Wirkungen mit sich bringen kann. Eher – man denke nur an Filme wie "Fluch der Karibik" – ist es gerade das bewusste, stete und geschickte Spiel mit Klischees, das die Zuschauer in die Kinos lockt und zum Lachen anregt.
Vor allzu schnellem Naserümpfen ist daher Vorsicht geboten. Sicher: Sind Klischees zu platt, vereinfachen sie die Dinge zu sehr, dann hat es den Anschein, man wolle das Publikum für dumm verkaufen. Oft jedoch bieten Klischees Orientierung, Sicherheit, Verlässlichkeit und spiegeln überdies die Sehnsüchte und Träume der Zuschauerinnen und Zuschauer.
"Hollywood spielt uns Träume vor, die Wirklichkeit werden könnten. Und Wirklichkeiten, die wir uns erträumen. Was wir sehen, ist uns nur allzu vertraut. Und im gleichen Moment fremd, unheimlich, sonderbar, verrückt, bizarr."
Salis’ umfangreiche Liste dokumentiert eine liebevolle Fleißarbeit. Was die theoretische Reflexion des umfangreichen Stoffs anbelangt, hält sich der Autor – leider – sehr zurück. Im Abschnitt "Film als Bild der Kultur" seines Vorworts deutet Salis zumindest an, dass es sich bei den wiederkehrenden Motiven und Themen, auch Topoi genannt, um Grundbausteine von Erzählungen handelt.
"Topoi sind Mosaiksteine, aus denen Hollywood bunte Bilder zusammensetzt. Das fertige Gemälde porträtiert die Lebensweise unserer Kultur und Epoche."
Hier hätte man gerne mehr erfahren, doch liegt der Schwerpunkt der Publikation auf der Zusammenstellung zahlreicher Filmklischees, darunter "platte und raffinierte, absurde und banale, offenkundige und versteckte". Immerhin hat sich der Autor die Mühe gemacht und seine Sammlung mit gut 200 Abbildungen illustriert. Bleibt zu hoffen, dass die lange Liste nur einen ersten Schritt darstellt auf dem Weg zu einer tieferen Durchdringung des amüsanten und interessanten Stoffs, aus dem nicht nur unsere Träume sind.
Christian Georg Salis: Der Böse steht noch einmal auf ... und andere Klischees in Hollywood-Filmen
Schüren Verlag: Marburg 2006
112 Seiten, 9,90 Euro
