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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.01.2010

Drehbuch, Kostüme und Filmdose

Berliner Filmmuseum begleitet Rekonstruktion von "Metropolis" mit einer Ausstellung

Von Karen Naundorf

Der Filmregisseur Fritz Lang (AP Archiv)
Der Filmregisseur Fritz Lang (AP Archiv)

Zurzeit wird die 2008 wiederentdeckte Uraufführungsfassung von Fritz Langs Film "Metropolis" rekonstruiert. Am 12. Februar ist das Ergebnis in Berlin und Frankfurt auf der Leinwand zu sehen. Aus diesem Anlass zeigt das Museum für Film und Fernsehen Berlin ab morgen eine Ausstellung zur Geschichte und Restaurierung von "Metropolis".

Futuristische Hochhausschluchten, durch die Helikopter fliegen. Eine Roboterfrau, zu Leben erweckt, umgeben von Leuchtringen. Arbeiterkolonnen in Einheitstracht, die Dienst an einer überdimensionalen Maschine leisten. Diese Bilder von Metropolis kennt jeder.

"Er ist einer der spektakulärsten Filme überhaupt und hinzu kommt natürlich der Mythos, der durch die Verstümmelung des Films entstanden ist. Er galt immer als ein verlorener Film. Die Tatsache, dass das nun durch die Restaurierung behoben ist, ist ja auch der Anlass für unsere Ausstellung gewesen."

Rainer Rother ist der Leiter der Deutschen Kinemathek, die die Ausstellung "The Complete Metropolis" organisiert. Zum ersten Mal sind alle noch erhaltenen Originaldokumente an einem Ort zu sehen.

"Das ist das Ziel der Ausstellung, den berühmtesten Stummfilm durchschaubarer zu machen, was seinen kreativen und technischen Entstehungsprozess angeht."

Der Ausstellungsraum ist lang gestreckt, Raumteiler werden zur Projektionsfläche für Aufnahmen aus Metropolis. Dazwischen sind die Fundstücke nach den Schauplätzen des Films geordnet: Der Stadt der Söhne, der Arbeiterstadt, der Oberstadt, den Katakomben, Rotwangs Haus.

Wer sich Zeit nimmt, kann auf den Ausstellungsstücken kleine Notierungen entdecken, die Zeichnungen und Skizzen einen sehr persönlichen Charakter geben. So hängt direkt hinter der Eingangstür eine Skizze von Erich Kettelhut aus dem Jahr 1925, darauf sind die Metropolis-typischen Hochhausschluchten und in der Mitte eine kleine Kirche zu sehen. Dieses Ensemble erinnerte Fritz Lang wohl zu sehr an die Trinity Church in der Wall Street in New York. Er strich die Kirche durch, schrieb auf die Zeichnung: "Kirche fort, dafür Turm zu Babel." Vermutlich wollte er die Realität überbieten – und setzte einen futuristischen Wolkenkratzer, den Neuen Turm Babel, an die Stelle der Kirche.

Überhaupt lohnt es sich bei vielen Ausstellungsstücken, ein bisschen genauer hinzusehen. Im hinteren Teil steht ein alter Filmprojektor. Er wurde im Film dafür benutzt, um mit Hilfe einer Rückprojektion ein Bildtelefon zu simulieren.Aber er steht auch als dekoratives Element im Film, in Joh Fredersens Büro: Ein schweres Ungetüm, schwarz angestrichen, von dem wohl damals niemand so recht wusste, was es sein sollte. Und weshalb es irgendwie futuristisch wirkte.

"Natürlich sind wir mehr als stolz, dass wir die Besitzer des einzigen Drehbuchs von Metropolis sind, dass wir auch die Originalpartitur besitzen, die eine große Rolle gespielt hat bei allen Restaurierungen ab den 90er-Jahren. Ich denke aber, es gibt auch so kleine Dinge, die wunderbar sind, dass drei Geldscheine erhalten sind, Metropolis-Geld, unterschrieben von Fritz Lang, Thea von Harbou und Karl Freund, das ist nur ein kleines Requisit, aber dass so etwas übrig geblieben ist, das ist natürlich für eine Sammlung, für ein Archiv ein Highlight."

Technisch war der Film seiner Zeit weit voraus. Die Ausstellung erklärt die Tricks, wie Lang damals ohne digitale Technik ein Bildtelefon simulierte. Oder den berühmten Effekt der kreisrunden Leuchtringe, die zu sehen sind, wenn die Roboterfrau zu Leben erweckt wird. Selbst Profis wie Thomas Bakels, der die digitale Restaurierung der neu gefundenen Szenen durchgeführt hat, zieht vor dem Kameramann aus den 20er-Jahren den Hut:

"Diese Lichtringe, die den Maschinenmensch umgeben, das waren bis zu 16 Vorgänge, in denen der Kameramann sein Negativ belichtet hat, mit einem solchen Lichtring, dann das unentwickelte Negativ zurückgerollt hat in der Kamera, den nächsten Lichtring aufgenommen hat, und wieder zurück gerollt und wieder aufgenommen. Das hat der alles auf dem Originalnegativ gemacht. Der hat im Prinzip Compositing betrieben, allerhöchster Ligaklasse. Wenn man heute einem Digital Compositing Operator sagt, bau mal diesen Effekt nach, dann sag darf ich Ihnen sagen, der sitzt ganz schön lange und es wird eventuell gar nicht so gut."

Zum einen ist die Ausstellung eine Art "Making of" des Films: Zu sehen sind Entwurfszeichnungen für Bühnenbauten und Kostüme, Auszüge aus dem Drehbuch, den Kompositionsskizzen. Zum anderen geht es um den Fund in Buenos Aires: In einer Vitrine liegt die von außen rostige Filmdose, in der die gesuchte Kopie jahrzehntelang in Buenos Aires lag, ohne dass jemand etwas davon ahnte. Erst als Paula Félix-Didier die Leitung des Filmmusuems übernahm, fanden sie und der Filmhistoriker Fernando Peña den Film.

Paula Félix-Didier (spanisch): "Das Museo del Cine ist auf argentinische Filme spezialisiert. Für ausländische Filme interessierte man sich dort bisher nur dann, wenn es sich um Vorführkopien handelte. 'Metropolis' hatten wir auf einem 16-Millimeter-Negativ, es gab kein Positiv. Da musste jemand kommen, der sich speziell für diese Kopie interessierte."

Die alte Filmdose aus Buenos Aires kündigt den letzten Punkt der Ausstellung an, der sich von der Handlung des Films entfernt: Es geht um die Restaurierung der wiedergefundenen Szenen, durchgeführt im Auftrag der Murnau-Stiftung, die die Rechte an Metropolis hält. Auch für Musikliebhaber hält die Ausstellung eine Überraschung bereit: Eine Schellackplatte mit einer Originalaufnahmen des "Metropolis"-Motivs, von Komponist Gottfried Huppertz 1927 selbst dirigiert.

Service:
Die Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen Berlin ist Dienstag bis Sonntag geöffnet, von 10 bis 18 Uhr und Donnerstags zwei Stunden länger. Zu sehen ist sie bis zum 25. April.

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