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Rang I | Beitrag vom 18.04.2020

Dramatischer Betriebsausflug – Corona-Tagebuch (V)Theaterstück über ein tödliches Virus

Von Laura Naumann

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Ein polnischer Beamter mit Schutzausrüstung an der deutsch-polnischen Grenze in Görlitz (imago / photothek / Florian Gärtner)
Wenn das Leben die Fiktion einholt: Grenzkontrollen wegen Corona - fast als wär's ein Theaterstück. (imago / photothek / Florian Gärtner)

Die Coronakrise erscheint unserer Kolumnistin als surreales Theaterstück, dessen Auswirkungen bis vor Kurzem kaum vorstellbar waren: geschlossene Grenzen, Menschen, die sich freiwillig totalüberwachen lassen oder ein Umarmungsverbot.

Ich hatte eine Idee für ein neues Theaterstück, in dem ein fieses, tödliches Virus ausbricht, das sich innerhalb von Wochen über den kompletten Globus ausbreitet. Das Virus trägt den Namen einer mexikanischen Biermarke und sieht aus wie eine Koralle. Das Ganze ist ein Ballett.

Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in dem in einer globalisierten Welt ein globales Problem auftritt, und alle Länder machen als erstes ihre Grenzen dicht. Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in dem in Woche fünf der globalen Viruskrise ein Ranking erstellt wird, welches der schön abgeschotteten Länder der Welt jetzt als am sichersten gilt und das mit dem Krisenmanagement am besten macht. Das Publikum darf abstimmen.

Ein Theaterstück, in dem alle Menschen zu Hause bleiben

Ich hatte eine Idee für ein neues Theaterstück, in dem alle Menschen der Welt zu Hause bleiben müssen, weil draußen das tödliche Virus umgeht und allen Menschen, die kein Zuhause haben, wird deshalb ein Zuhause gegeben: Jugendherbergen und Hotels werden umfunktioniert, leerstehende Ferienwohnungen und Airbnbs zu fairen Preisen vermietet. Und es stellt sich heraus, krass, Wohnraum ist ja gar nicht knapp. Wir haben voll genug Platz für alle und "We will leave no one behind" – Happy End.

Ich hatte eine Idee für ein neues Theaterstück, in dem 24 weiße Männer um die 60 darüber reden, wie ein neuartiges Virus bekämpft und ein Land aus der Krise geführt werden soll. Das Stück geht 12.000 Jahre ohne Pause und wird zum Theatertreffen eingeladen. Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in dem alle Schauspieler Virologen oder Minister spielen und alle Schauspielerinnen Pflegerinnen, Krankenschwestern und Kassiererinnen.

Ein Theaterstück, das nie zur Aufführung kommt

Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, das nur aus Prognosen besteht. Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in dem sich Menschen freiwillig Trackingapps auf ihren Smartphones installieren, weil damit ein Virus getrackt werden soll. Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in dem eine junge Wissenschaftlerin Makro-Smartphones mit preinstallierter Tracking-Software für Viren entwickelt. Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in der es Trackingapp-Pflicht und Kontaktsperre gibt – aber für Viren.

Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, das in einer futuristischen Welt spielt, in der das gegenseitige Berühren von Menschen gesetzlich untersagt ist. Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in dem die Körper der Menschen über die Jahre so mutiert sind, dass sie bei jeglicher Fremd-Berührung anfangen zu glühen und zu zerfließen.

Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, in dem eine Gesellschaft sich heilt. Ich hatte eine Idee für ein Theaterstück, das nie zur Aufführung kommt, weil es keine Theater gibt.

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